Interview: „Entdecke das Undefinierte“

Berlin - Frau Dautermann, es heißt, dass sowohl die Neue Musik als auch die elektronische Tanzmusik ideenlos geworden sind und stagnieren. Bei dem C3 Festival treten Musiker auf, die die atonale Konzertmusik des 20. Jahrhunderts mit Clubmusik verbinden. Ist Ihr Festival ein Rettungsversuch zweier todgeweihter Musikrichtungen?

Nein, ich denke nicht, dass die Neue Musik und die Clubmusik gerettet werden müssen. Die Neue Musik hatte es immer schwer, sie war immer in einer Krise. Und die Clubmusik muss auch nicht gerettet werden. Es ist ein natürlicher Prozess, dass innerhalb von Musikstilen Stillstand erreicht wird. Dann muss man eben nach neuen Arten und Weisen, nach neuen Entwicklungen und nach neuen Kreativitätsmöglichkeiten suchen. Das ist einfach so. Die beiden werden sich selbst retten.

Mit dem C3 Festival möchten Sie also den Blick auf eine mögliche Richtung lenken, in die die zeitgenössische Klassik und die Clubmusik in Zukunft gehen könnten?

Ja, es geht um eine gemeinsame Weiterentwicklung. Ich denke, dass beide Musikformen voneinander lernen können, dass sie sich gegenseitig inspirieren können. Das hat die jüngere Generation von Musikern längst entdeckt. Die versuchen, die beiden Musikstile miteinander zu verschmelzen. Und das, was da raus kommt, ist etwas Neues. Mit dem Festival will ich zeigen, was alles möglich ist.

Es gibt nur noch keinen neuen Namen dafür.

Es gibt die Bezeichnung „Post-Klassik“. Aber, na ja, noch ein „Post“-Stil. Einen wirklich brauchbaren Begriff dafür habe ich noch nicht entdeckt. Im Untertitel des Festivals heißt es dann auch „exploring the undefined in contemporary classic und electronic club music“ – Entdecke das Undefinierte in der zeitgenössischen Klassik und in der elektronischen Clubmusik.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstler ausgewählt?

Es gibt sehr, sehr viele peinliche Projekte. Man versucht die Klassik irgendwie aufzupeppen. So etwas wie: Wir haben eine Geige und schmeißen da Beats rüber. Oder wir haben ein Orchester und stellen einen DJ dazu. So etwas möchte ich vermeiden. Die Musik, die ich auswähle, muss Qualität haben und durchdacht sein. Die Musik soll nach vorne schauen, es sollen nicht einfach zwei Stile zusammen geschmissen werden.

Wie muss man sich das vorstellen: Musik, die nach vorne schaut? Nennen Sie uns ein Beispiel dafür aus dem Festivalprogramm!

Am Freitag- und am Sonnabend im Radialsystem V wird man mit Sicherheit Musik erleben, die etwas Neues, etwas Anderes ist. Das Trio ESJ kombiniert Blockflöte mit Turntables, die Künstlergruppe bringt die alten Töne eines Holzblasinstruments mit intensiven, elektronischen Geräuschen zusammen. Und am Sonnabend gibt Victoire, ein US-amerikanisches Frauenensemble um die Komponistin und Keyboarderin Missy Mazzoli, ihr Deutschland-Debüt. Die Musik von Victoire ist wirklich die pure Verschmelzung von zeitgenössischer Klassik, nicht a-tonal, sondern tonal, mit Elektronik und ein bisschen Pop. Aber intelligenter Pop.

Nicht nur im Radialsystem V, dem Veranstaltungsort für eher Hochkulturelles an der Spree, sondern auch im Berghain, in Berlins bekanntesten Club, finden Konzerte statt.

Am Donnerstag im Berghain haben wir einen Schwerpunkt mit Künstlern aus Polen gesetzt. Das wird ziemlich dunkel. Aber ich denke, das passt zum Berghain. Da ist Jacaszek, ein polnischer Musiker und Produzent, der außerdem Filmkomponist ist. Man kann sich richtig gut vorstellen, dass die Musik für einen Film gemacht ist, der im Herbst spielt: eine weite Landschaft mit kahlen Bäumen. Sehr, sehr melancholisch, aber wunderschön. Das, was Jacaszek macht, würde ich als elektro-akustische, klassisch-atmosphärische Musik beschreiben. Ambient ohne Beats mit klassischen Instrumenten.

Was sind die Gemeinsamkeiten von Neuer Musik und Clubmusik?

Es gibt sehr offensichtliche Gemeinsamkeiten: etwa die Wiederholungen von Motiven. Und beide erforschen Klangwelten. Was sie aber nach wie vor trennt, ist das Umfeld, in dem man sie antrifft: Das eine findet im Club statt, das andere im Konzertsaal. Bei der Clubmusik sollen die Zuhörer tanzen, bei der Neuen Musik genießen die Leute sitzend.

Und beim C3 Festival? Lädt das Festival zum Tanzen ein oder zum sitzend Genießen?

Bei der Verbindung von Neuer Musik und Clubmusik ist immer beides möglich. Das hängt dann von dem jeweiligen Künstler ab. Aber auch von dem Ort. Im Radialsystem sind Stühle aufgestellt, denn die Konzerte, die dort stattfinden, sind nicht zum Tanzen gedacht. Im Berghain gibt es natürlich keine Sitzplätze. Aber wir haben Bierkisten bereitgestellt, falls sich die Leute doch setzen wollen.

Das Interview führte Katharina Wagner

Jennifer Dautermann (41) ist in Detroit im US-Bundesstaat Michigan aufgewachsen. Sie studierte klassische Musik auf dem Musikinternat Interlochen Arts Academy und an der University of Michigan. Ende der 80er-Jahre zog sie durch die Detroiter Clubs. Detroit-Techno gilt als Wegbereiter des Techno der 90er-Jahre. 1995 kam Dautermann nach Berlin, entdeckte die Clubszene und war siebeneinhalb Jahre Clubexpertin am British Council in Berlin. Im Jahr 2009 veranstaltete sie das erste C3 Festival.