Berlin - Herr Holm, die Kreuzberger Szene freut sich darüber, das geplante Guggenheim-Lab am Spreeufer verhindert zu haben, das für ein paar Wochen als Diskussionsforum über die Zukunft der Stadt dienen sollte. Können Sie die Freude verstehen?

Was man verstehen kann, ist, dass sich die verschiedenen Gruppen, die gegen das Lab protestiert haben, über ihren Erfolg freuen. Das ist ja in sozialen Bewegungen eher ein seltener Zustand, dass man gegen etwas protestiert und Erfolg hat.

Die Kreuzberger Initiativen haben kritisiert, dass das Guggenheim-Lab ein Beitrag zur Aufwertung des Stadtteils ist. Meinen Sie, dass das Lab zur Verdrängung alteingesessener Anwohner beitragen würde?

Nicht in der unmittelbaren Folge. In komplexen Stadtentwicklungsprozessen kann man sowieso nicht sagen, welchen Effekt ein konkretes Ereignis hat. Worauf die Kritiker des Labs hingewiesen haben, ist, dass das Kulturereignis, das Spektakel, natürlich zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und zu einem positiven Image des Kreuzberger Stadtteils beigetragen hätte. Solche Prozesse haben in den vergangenen Jahren auch zu einer immobilienwirtschaftlichen Attraktivitätssteigerung beigetragen. Ich habe die Initiativen gegen das Lab so interpretiert, dass sie diesen Mechanismus durchbrechen wollten.

Aber eigentlich sollte doch nur diskutiert werden – über Fragen wie Verdrängung, Aufwertung, Gentrifizierung, also über Fragen, die im Interesse der Initiativen sein müssten?

Es kommt wahrscheinlich immer auf das Forum an, in dem das geplant ist. In der Vorbereitungsveranstaltung zum Lab sind die Positionen hart aufeinander getroffen – und da ist schnell deutlich geworden, dass die Kreuzberger Initiativen sagen, sie brauchen kein Lab aus New York, um über Gentrifizierung und Verdrängung zu diskutieren, weil das Diskussionen sind, die sowieso die ganze Zeit stattfinden. Da ist eine vielleicht wohlmeinende Initiative von außen gekommen, die sich offenbar nicht genügend mit den lokalen Voraussetzungen beschäftigt hat.

Ist das nicht ein erschreckender Akt der Intoleranz, wenn man die Diskussion verhindert, nur weil sie von jemandem geführt werden soll, der von außen kommt?

Ich bin mir nicht ganz sicher, wer, wie, was verhindert hat. Es soll Aufrufe gegeben haben, in denen es hieß, das Lab soll verhindert werden. Aber es deutet auch einiges darauf hin, dass die Absage eine Überreaktion der Veranstalter war.

Lässt sich denn die Aufwertung in Kreuzberg mit Protesten verhindern?

Wir erleben in Kreuzberg den Versuch, sich mächtigen Trends entgegenzustellen. Das Ende ist offen. Es wird davon abhängen, ob es den Initiativen und Stadtteilgruppen gelingt, breitere gesellschaftliche Bündnisse zu schmieden. Es ist aber durchaus denkbar, dass wir nochmal einen stadtpolitischen Trendwechsel bekommen und tatsächlich Gesetze und Verordnungen erlassen werden, die die Mieter unter stärkeren Schutz stellen.

Was ist in Kreuzberg anders als in anderen Stadtteilen Berlins? Warum ist der Protest dort besonders groß?

Aus zwei Gründen. Erstens war es in den 90er-Jahren für Haushalte mit niedrigen Einkommen immer möglich, bei den Sanierungen in Prenzlauer Berg und Friedrichshain einfach ein Viertel weiterzuziehen, wenn die Mieten gestiegen sind. Diese Möglichkeiten haben wir im Moment in den Innenstadtbezirken nicht mehr. Wer jetzt aus Kreuzberg auszieht, muss überlegen, wo er außerhalb der Innenstadt wohnen will. Die zweite Besonderheit ist, dass wir in Kreuzberg seit den 1980er-Jahren ein starkes Protestmilieu haben.

Gibt es Gründe für den Protest?

Die Kreuzberger haben viele Gründe. Sie haben die höchsten Mietanstiege bei den Neuvermietungen, gleichzeitig ist Kreuzberg noch immer einer der ärmsten Stadtteile Berlins.

Sollte das Lab an einem anderen Ort in Berlin errichtet werden?

In Berlin gibt es einen dringenden Bedarf, um über bessere Lösungen für die Stadtentwicklung zu diskutieren. Die Frage ist, wie man so eine Diskussion mit lokalen Akteuren führen kann.

Das Gespräch führte Ulrich Paul.