Berlin - Der Fall hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt: Am 7. Februar 2005 wurde die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü von ihrem Bruder erschossen, weil sie ein selbstbestimmtes, modernes Leben führen wollte. Giovanna Krüger und Murat Dogan haben in diesem Jahr zum ersten Mal Hatun-Sürücü-Tage beim Fußballverein Türkiyemspor organisiert. Der Verein ist 1978 von türkischen Einwanderern gegründet worden. Murat Dogan baute 2004 die Mädchen- und Frauenabteilung dort auf. Bis heute ist er dort Trainer. Giovanna Krüger ist Koordinatorin der Abteilung. Ihre Tochter war eine der Ersten, die in der Mädchenabteilung anfingen.

Warum wollen Sie mit Ihrem Fußballverein an Hatun Sürüçü erinnern?

Giovanna Krüger: Das Gedenken ist nicht mehr sehr intensiv. Uns ist es aber wichtig, unseren Mädchen die Geschichte von Hatun zu erzählen. Wie bei ihr geht es auch bei uns im Verein um Fragen der Identität und das Rollenverständnis von Männern und Frauen.

In der Gedenkwoche gab es eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Ich darf nicht...“. Wann begegnen Sie diesem Satz?

Murat Dogan: Man lernt ein Mädchen in einer Schul-AG kennen, man sieht, dass sie talentiert ist und fragt, ob sie nicht Fußball im Verein spielen möchte. Und dann kommt es vor, dass so ein Mädchen sagt: Ich glaube, ich darf nicht spielen, meine Eltern werden mir das nicht erlauben.

Giovanna Krüger: Das hat mit einem Rollenverständnis zu tun, und dem begegnen wir eher in Familien die aus der Türkei stammen oder arabischstämmig sind. Wir haben zum Beispiel Spielerinnen gehabt, die nicht mehr kommen, weil der Freund es verbietet.

Hatun Sürüçü ist von ihren Brüdern ermordet worden.

Murat Dogan: Der Freund, der Bruder oder der Vater. Das „Ich darf nicht“ hat viele Facetten. Auch Jungs werden in Rollen gedrängt. Sie haben auch zu kämpfen.

Giovanna Krüger: Da gibt es den Bruder, der dazu aufgefordert wird, auf seine Schwester aufzupassen. Eigentlich findet er gut, was sie macht, nämlich Fußball zu spielen. Aber die Familie drängt ihn, es nicht gut zu heißen, sich dagegen zu stellen. Die Jungs schaffen es oft nicht, aus ihren Rollen rauszukommen. Und für Jungs gibt es viel weniger Angebote als für Mädchen, sich mit ihrer Rolle auseinanderzusetzen.

Was tun Sie, wenn ein Mädchen nicht darf?

Giovanna Krüger: Wir suchen den Kontakt zur Familie. Wir haben ein Beispiel, da wollte der Vater nicht, dass seine Tochter Fußball spielt. Die Mutter hat sich aber mit ihr verbündet. Irgendwann kam der Vater dann sogar zu den Spielen. Manchmal nehmen wir als einziges Mädchenteam an Turnieren teil. Wir wollen, dass unsere Mädchen sichtbar sind. So wächst die Akzeptanz und der Respekt.

Werden die Rollen nur als negativ wahrgenommen?

Giovanna Krüger: Manche denken, dass sie nur ein richtiges Mädchen oder ein richtiger Junge sind, wenn sie sich in eine bestimmte Rolle fügen. Eine Spielerin ist von ihrem Freund geschlagen worden. Als ich mit ihr darüber gesprochen habe, sagte sie: Er ist doch Türke.

Und deshalb hat sie es akzeptiert?

Giovanna Krüger: Es wird als üblich angesehen, als etwas, das man kennt. Und dann kommt die Phase des Verzeihens.

Murat Dogan: Man kann auch oft heraushören, dass sie denken, dass ihr Freund ihnen etwas verbieten darf. Der Freund setzt Grenzen, und das ist in Ordnung.

Giovanna Krüger: Die Mädchen kokettieren auch damit. So ein Verbot ist eben auch eine Form von Aufmerksamkeit.

Was sagen Sie einem Mädchen, das Ihnen von Schlägen und Verboten erzählt?

Murat Dogan: Man versucht zuzuhören, und vielleicht von den eigenen Erfahrungen zu erzählen. Ich komme auch aus einer türkischen Familie und habe mitbekommen, dass meinen Schwestern etwas verboten wurde. Und ich musste mich damit auseinandersetzen. Das versuche ich wiederzugeben. Und dann aber auch zu sagen, dass man selbst entscheiden muss, was für einen gut ist und was nicht. Aber so direkt geht das nicht. Die Mädchen müssen das selber hinterfragen.

Was ist aus Ihren Schwestern geworden?

Murat Dogan: Das sind alle selbstbestimmte Frauen. Aber das war ein langer Kampf, und es gab eine starke Solidarität zwischen uns Geschwistern. Zum Glück gab es bei unseren Eltern irgendwann einen Punkt, an dem sie das akzeptiert haben. Heute verstehen wir uns gut.

Wo kommen Ihre Eltern her?

Murat Dogan: Aus Südostanatolien. Sie sind nicht nur aus ihrem Land ausgewandert, sie sind auch vom Dorf in die Stadt gewandert. Das ist eine doppelte Wanderung. Wir Kinder sind aber hier groß geworden, wir haben einen anderen Bildungsstand. Für die Eltern ist es schwierig, gegen unsere Argumente anzukommen. Dann spielt körperliche Gewalt eine Rolle. Sie haben das nicht anders gelernt.

Aber jetzt haben wir hier die dritte Generation.

Giovanna Krüger: Aber sie kommen nicht aus dieser Spirale der schlechten Bildung heraus. Wenn man, wie Murats Mutter, die Dorfschule nur bis zur fünften Klasse besucht hat, ist es sehr schwer, die Kinder in ihrer Schule zu begleiten. Meine Tochter hat sich in der sechsten Klasse von ihren türkischen Mitschülern getrennt. Sie ist auf einer guten Schule gelandet, die anderen nicht.

Murat Dogan: Es gibt ein türkisches Mädchen, das am selben Tag im Verein angefangen hat, wie Giovannas Tochter. Letztes Jahr hat sie aufgehört. Der Fußball hat nicht mehr in ihr Leben gepasst. Giovannas Tochter macht jetzt Abitur, sie ist noch im Verein. Das türkische Mädchen ist auf eine Gesamtschule gegangen, hat abgebrochen, jetzt arbeitet sie vierzig, fünfzig Stunden in der Woche in einer Bäckerei. Das ist eben oft die Entwicklung.

Das Gespräch führte Susanne Lenz