Interview: "Manche Dörfer werden verschwinden"

Berlin - nBeim Altern erreicht Brandenburg Rekordwerte: In keinem anderen Bundesland steigt die Zahl der über 80-Jährigen bis 2030 so stark an wie hier, sagt die Bertelsmann-Stiftung voraus. Die Bevölkerung des Landes sinkt um fast sechs Prozent. Dabei wird es vor allem am Rand leer, etwa im Kreis Elbe-Elster, während die Region um Berlin wächst. Am Dienstag wird sich voraussichtlich die Landesregierung mit diesem Thema beschäftigen. Steffen Kröhnert (42), Demografie-Experte am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, rät zu neuen Schritten und Sichtweisen, um den Wandel zu bewältigen.

Herr Kröhnert, was bedeutet demografischer Wandel für die Menschen?

Ganz praktisch bedeutet er eine starke Zunahme älterer Bevölkerung: Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr ältere Menschen unterstützen und finanzieren. Hinzu kommt vermutlich ein Wohlstandsverlust, weil immer weniger Erwerbsfähige zur Verfügung stehen – in den kommenden 40 Jahren wird die Altersgruppe zwischen 20 und 65 Jahren um 30 Prozent schrumpfen. Die Zahl der über 80-jährigen und damit häufig pflegebedürftigen Menschen verdoppelt sich in den nächsten 30 Jahren. Das stellt die Versorgungssysteme vor gewaltige Probleme. Und gerade in einem Land wie Brandenburg ist die Siedlungsstruktur stark betroffen: Die Konzentration der Menschen in den Städten führt zu einer Entleerung ländlicher Regionen am Rand.

Wie passiert das?

Manche Dörfer werden verschwinden. Untersucht haben wir das in Thüringen und in Hessen: Zahlreiche Orte haben schon heute weniger als 100 Einwohner, manche von denen haben allein in den letzten fünf, sechs Jahren ein Fünftel ihrer Bewohner verloren.

Wie kann die Politik reagieren?

Die Entwicklung lässt sich aus meiner Sicht nicht grundsätzlich ändern oder beeinflussen. Der demografische Wandel ist vorgezeichnet, vor allem in den ostdeutschen Bundesländern. Dort hat der Geburteneinbruch nach 1989 die folgenden Generationen halbiert. Brandenburg hat immerhin noch den Vorteil, dass die Metropole Berlin in der Mitte liegt. Viel hängt davon ab, wie sich dieser Wachstumsmotor entwickelt.

Sind nicht gerade die Extreme – voller Speckgürtel und menschenleerer Rand – das eigentliche Problem?

Ja, deshalb wünscht man sich eigentlich eine halbwegs stabile Bevölkerungszahl. Dann muss nicht so viel an der Infrastruktur geändert werden. So haben wir im Speckgürtel um Berlin eine Verdichtung, da wird mehr gebaut – aber den Umgang mit Wachstum kennen wir. Wenig Erfahrungen gibt es dagegen mit dem Schrumpfen. Den Rückbau von Städten gab es schon, aber auf dem Land ist das schwierig.