Im November dieses Jahres wird Andreas Nachama, der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, in den Ruhestand gehen. Schon jetzt fühlt sich das Jahr ein bisschen nach Abschied an. Er hat so viele Termine wie nie zuvor. Wir treffen Andreas Nachama in seinem Büro im Untergeschoss des Topographiegebäudes an der Niederkirchnerstraße.

Herr Nachama, es war nicht ganz einfach, einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Wo schwirren Sie denn dauernd herum?

Ich bin viel unterwegs. Am Sonntag habe ich zum Beispiel in Amsterdam eine Ausstellung über die NS-Besetzung der Niederlande eröffnet, die im Herbst auch hierher kommt. Am Montag war ich in Leverkusen und habe dort unsere Wanderausstellung „Vor aller Augen“ eröffnet. Die gibt es seit 20 Jahren. Es sind Fotos über NS-Terror in der Provinz. Man sieht auf den Bildern, dass die bekannte Ausrede „davon haben wir nichts gewusst“ nicht der Wahrheit entspricht, weil es bei vielen Aktionen Umstehende und Mitwirkende gibt, die auf den Bildern zu sehen sind.

Die Aussage, er habe nichts gewusst, hat in den 80er-Jahren sogar Altkanzler Helmut Schmidt in Bezug auf die NS-Verbrechen getroffen. Das wäre heute nicht mehr denkbar?

Eigentlich konnte man das ja schon damals nicht glauben. Aber es war die übliche Ausrede.

Warum entstand die Topographie gerade 1987 im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins?

Das war kein Zufall. Ende der 70er-Jahre wurde der Gropiusbau, der damals ja noch eine Ruine direkt an der Mauer war, wieder aufgebaut. Ein paar Jahre später beschäftigte sich die Internationale Bauausstellung mit der südlichen Friedrichstadt. In der Bauwelt erschien damals ein Artikel, der besagte, dass in der Schule neben dem ehemaligen Kunstgewerbemuseum zur NS-Zeit die Gestapo arbeitete. Ich war Koordinator der 750-Jahr-Feier und hatte von meiner Mutter ebenfalls gehört, wo die Gestapo saß. Damals war Richard von Weizsäcker Regierender Bürgermeister, und uns allen war klar, dass man die Geschichte Berlins nicht als Hochglanzpräsentation im Gropiusbau zeigen und dann die braune Geschichte einfach unter den Schuttbergen liegen lassen kann.

Eine gründlich verdrängte Geschichte?

Ja, auf dem Gelände konnte man ohne Führerschein Autofahren. Die Kneipe an der nächsten Ecke hieß „Lands End“ und so fühlte es sich hier auch an. Hier stand die Mauer, hier war die Welt mit Brettern vernagelt. Die NS-Geschichte war Terra incognita, es gab die Wannseevilla und das Holocaust-Mahnmal noch nicht, an eine Anne-Frank-Ausstellung in Berlin war gar nicht zu denken.

Warum änderte sich das dann?

Die Zeitzeugen wurden alt. Die Leute fingen an, sich zu fragen, wo die Ruinen und die Einschusslöcher in der Stadt herkommen. Es gab die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“, Geschichtswerkstätten. Es kam ein anderes Geschichtsbild auf, bei dem auch die kritischen Perioden eine Rolle spielen sollten. Und so wurden dann Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in einem Pavillon hier auf dem Gelände thematisiert. Da standen die Leute an, das interessierte. Die Ausstellungszeit wurde verlängert, erst auf ein Jahr, dann auf unbestimmte Zeit. Eine Fachkommission sprach sich dann dafür aus, eine permanente Präsentation zu schaffen. Das war zur Zeit des Mauerfalls.

Heute haben Sie fast 1,4 Millionen Besucher pro Jahr. Warum kommen die Leute?

Mehr als 70 Prozent kommen von außerhalb. Gleichbleibend hoch ist die Zahl der Berliner, die zur Topographie des Terrors kommen. Die Besucher wollen wissen, wo sie sind und was es mit der Hauptstadt des Dritten Reichs auf sich hat, was da passiert ist und wie man sich das vorstellen muss, Terror erst reichsweit und dann in den besetzten Gebieten.

Sind es viele junge Leute?

Das Durchschnittsalter liegt bei 40 und damit unter dem Durchschnitt in den Museen.

Gibt es ein neues Bewusstsein, sich mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen?

Es gibt ein anderes. Hier kommt man nicht mit gesenktem Blick her. Dies ist ein Ort der Täter. Es ist eine nüchterne Dokumentation. Die Leute verlassen den Ort mit mehr Fragen als Antworten, und das wollen wir auch so. Dies ist zwar ein historischer Ort, aber man braucht schon etwas Fantasie, um es sich vorzustellen. Wir versuchen, die Dinge möglichst neutral darzustellen. Es gibt nur wenige Fotos, die grausam sind. Die Leute sollen sich selbst ein Bild machen. Ich glaube, das wollen sie auch. Sie wollen eine Information und dann selber imaginieren.

Was ist mit einem neuen Antisemitismus? Wir hatten in Berlin gerade in jüngster Zeit einige Vorfälle, denen Debatten folgten, zum Beispiel einen jüdischen Schüler, der seine Schule verließ, weil er gemobbt wurde, oder den Übergriff auf einen Kippaträger in Prenzlauer Berg. Müsste man sich mit diesen aktuellen Auswüchsen noch stärker beschäftigen?

Ich sag mal so, es gibt Probleme. Antisemitismus war immer ein Problem. Jetzt gewinnt er in den Schulen eine andere Qualität. Ich glaube nicht, dass man das monokausal erklären kann. Die Schule muss sich mit diesen Dingen auseinandersetzen, nicht nur im Geschichtsunterricht. Ich finde es wichtig, dass möglichst alle begreifen, dass die Handlungsmöglichkeiten, die man selber hat, auch die sind, die man anderen gewähren sollte. Der gesellschaftliche Frieden ist immer mehrseitig. Das muss man lernen, das muss zu einem schulischen Erlebnis dazu gehören.

Wo sind Sie aufgewachsen?

Ich habe in Schmargendorf am Grunewald gewohnt, zur Schule gegangen bin ich in Schöneberg am Innsbrucker Platz.

Ihre Mutter hat den Krieg versteckt in Berlin überlebt, ihr Vater war in Auschwitz und Sachsenhausen, er hat den Todesmarsch überlebt. Haben Ihre Eltern in Ihrer Kindheit mit Ihnen über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit gesprochen?

Eigentlich nicht. Die Leute, mit denen meine Mutter in der Zeit ihrer Illegalität, wie sie das genannt hat, umgegangen ist, waren meine Nenntanten und Nennonkel. Sie gehörten zu meiner Familie. Wenn dann zum Beispiel einer starb, haben sie sich am Kaffeetisch untereinander erzählt, was sie miteinander erlebt haben. Auf diesem indirekten Weg hatte ich ein ganz gutes Bild von diesem NS-Berlin der ersten Hälfte der 40er-Jahre. Meine Mutter hat bis zur „Fabrik-Aktion“ Ende Februar 1943 Zwangsarbeit geleistet. Wenn dann in der Zeitung stand, dass Siemens es ablehnt, Entschädigungen zu zahlen, dann hat sie sich darüber aufgeregt, und ich habe auf diesem indirekten Weg erfahren, dass und wo meine Mutter Zwangsarbeit leisten musste.

Sie konnten Sie nicht direkt befragen?

Nein. Es war keine direkte Erzählung, meine Eltern haben darüber nicht gesprochen. Mein Vater hatte eine KZ-Nummer auf dem Arm. Als ich in der Schule das Tagebuch von Anne Frank gelesen habe, wusste ich, was es mit dieser Nummer auf sich hatte. Das Bild wurde langsam immer klarer.

Hat die NS-Geschichte Ihrer Eltern Sie stark geprägt? Hat es dazu geführt, dass Sie Direktor der Topographie des Terrors wurden?

Das kann man so nicht sagen. Ich habe Geschichte studiert. Dann kam die 750-Jahr-Feier.

War das alles nur Zufall?

Ja und Nein. Es klingt zufällig, aber es hat mich natürlich auch interessiert. Das Projekt gab es ja schon als ich dazustieß, aber es hat mich dann nicht mehr los gelassen.

Die Frage, die Sie interessiert hat, war immer, wer waren die Täter?

Natürlich, die Opfer kannte ich ja schon. Und es gab in der Gesellschaft anscheinend keine Täter, niemand hat es gewusst und das konnte ja nicht sein. Und ganz banal wollte ich dann auch wissen, wo war nun eigentlich diese Reichskanzlei. Das war ja gar nicht so einfach herauszufinden. Man musste nach Ost-Berlin fahren, die Otto-Grotewohl-Straße hochlaufen und dann stand man in dieser Trümmerlandschaft. Es hat mich als Historiker total geärgert, in Berlin zu sein und nicht zu wissen, wo die Reichskanzlei war. Wir haben dann 1995 entlang der Wilhelmstraße mit Aufstellern markiert, wo welches Gebäude stand.

Nach dem Krieg wollte man wohl erstmal alles tilgen?

Wahrscheinlich war das ein Aspekt. Man hat alles abgeräumt. Die Leute wussten, wo was war, und wollten nichts mehr davon sehen.

Ende des Jahres gehen Sie in den Ruhestand. Jetzt werfen Sie mit der Vortragsreihe „12 Jahre, 3 Monate, 8 Tage“ einen persönlichen Blick auf die NS-Zeit. Was erzählen Sie?

Der anstehende Vortrag am 12. Februar dreht sich zum Beispiel um das Jahr 1939. Da geht es darum, zu zeigen, wie sich mit Kriegsbeginn die Welt der Arbeitenden veränderte. Sie konnten nicht einfach kündigen. Sie hatten ein Arbeitsbuch. Es gab vorher schon Aktionen gegen sogenannte Arbeitsscheue. Ich habe aus meiner Familie so ein Arbeitsbuch. Das kommt in dem Vortrag vor, um den Leuten einen Begriff davon zu geben. Es sah aus wie ein Pass. Jeder Arbeitgeber hat seinen Stempel reingehauen, wann der Betreffende angefangen hat, bei ihm zu arbeiten, und wann es endete. So gibt es die Gelegenheit, etwas über persönliche Eindrücke und Begebenheiten in meiner Familie zu sagen, die ich nachweisen kann. Da gab es zum Beispiel einen Onkel meiner Mutter, der bei einem Abbruchunternehmen gearbeitet hat und Bomben entschärfte. Wenn man über den Bombenkrieg spricht, kann man solche Sachen mit einbringen.

Der Zugang zur Geschichte ist einfacher?

Genau, ich mache das immer mal wieder, wenn es sich anbietet. Ich habe einen Brief von meinem Großonkel. Er schreibt im Februar 1933 an die nach Brasilien ausgewanderten Familienmitglieder, keine Regierung habe sich in Deutschland länger als ein halbes Jahr gehalten, der Hitler werde es auch nicht länger machen. Das ist nach zwölf Regierungen in 13 Jahren Weimarer Republik die übliche Einschätzung gewesen. Man dachte, das geht vorüber. Wenn man solche Dokumente hat, sagt einem das etwas.

Können Sie einen Bogen spannen und uns sagen, wie sich Berlin verändert hat von der NS-Zeit über die Zeit Ihrer Jugend bis heute?

An der Berliner Entwicklung konnte man immer ablesen, wie es um die Gesellschaft als Ganzes bestellt war. Die Hauptstadt, dann die geteilte Stadt, bis zur wiedervereinigten Stadt. Das kann man vielleicht in Flensburg nicht beobachten. Bis 1945 liefen in Berlin viele Handlungsstränge zusammen. Danach war sie ein Kernelement des Kalten Krieges, ein Knotenpunkt. An den Transitverträgen mit West-Deutschland zum Beispiel kann man ablesen, wie sich dieser Kalte Krieg abgebaut hat.

Und heute? Ist es nicht heute die größte Aufgabe, das Zusammenleben der verschiedenen Gruppen zu organisieren?

Ich glaube, in Berlin, in der Anonymität der Großstadt, wird das einfacher sein als auf dem Land. Wer kennt denn schon die Leute im Haus gegenüber. Wenn man an die Hugenotten denkt, denen haben die Berliner Protestanten die Kirchstühle zugenagelt, als sie 1685 und in den Folgejahren nach Berlin kamen und in lutherischen Kirchen beten wollten. Die gleichen Geschichten, die wir heute mit Zuwanderung haben, gab es damals auch.

Und was bedeutet das dann?

In der Schule und an anderen Orten muss vermittelt werden, was Zuwanderer nicht von zu Hause und aus der ursprünglichen Gesellschaft mitbringen, nämlich, dass der Erfolg von Europa in der Toleranz und dem Respekt vor dem anderen besteht.

Ist das House of One, ein Lehr- und Bethaus von Muslimen, Christen und Juden, das in Mitte gebaut werden soll, ein solcher Versuch, mehr Verständigung zu erzeugen?

Zu leben! Wir tun das da. Wir kommen ziemlich problemlos miteinander aus.

Aber haben Sie nicht schon vor diesem Projekt miteinander gesprochen?

Diesen Dialog zwischen Vertretern der drei Religionen gab es natürlich schon vorher. Aber immer wieder endete das Gespräch, wenn zum Beispiel der Imam in die Türkei zurückging, der Pfarrer woanders arbeitete, ich war auch nicht immer da. So hat es tausend Anfänge geben. Hier wird es ein Haus geben, für das gemeinsam Verantwortung getragen werden muss. Das ist eine feste Struktur, die Ausstrahlung haben kann.

Was sind Ihre Pläne für den Ruhestand?

Das House of One werde ich weiter vorantreiben. Ich betreue meine Synagogengemeinde, und ein paar Publikationen habe ich auch noch vor. Ich werde auch auf der Bundesebene der christlich-jüdischen Gesellschaften weiter tätig bleiben, auch wenn man da leider viel reisen muss. Das mache ich nicht so gern. Ich bin lieber in Berlin.