Interview mit Artur Brauner: „Uns gibt’s nur einmal“

Es wird gehämmert und zwischendurch auch laut geflucht. Am Eisentor des 1 400 Quadratmeter großen Filmateliers steht „Artur Brauner“. Ein Name wie ein Donnerhall. Denn der König der CCC-Filmstudios hat hier sehr lange geherrscht, die Handwerker gescheucht und vor allem das kapriziöse Filmvolk diszipliniert. Deshalb hat es oft gekracht in der ehemaligen Pulverfabrik in Haselhorst, in der der aus Polen vertriebene Jude Artur Brauner im Jahr 1949 seine Filmstudios gründete, die bald zu den bedeutendsten weltweit zählten. Artur Brauner war ein Patriarch mit Oberlippenbärtchen, ein Produzent der alten Schule, der die Nägel für die Holzkulissen selbst nachzählte, Verträge mit Stars wie Hans Albers oder Maria Schell per Handschlag besiegelte und die Filmstadt Berlin fast sieben Jahrzehnte lang wie ein Zirkusdirektor auf Trab hielt.

„Ich bin anders als er, aber ich habe seine Leidenschaft für den Film geerbt“, sagt seine Tochter, Alice Brauner, 52, die heute das Sagen auf dem Studiogelände hat. Sie begutachtet die Bauten für die in Kürze beginnenden Dreharbeiten zu einer neuen Sat 1-Soap. „Mein Vater hat gute und schlechte Momente“, sagt sie, „aber er ist geistig völlig klar und streitet noch immer gern mit mir.“ Alice Brauner ist es auch, die beim Interview in Brauners Haus im Grunewald zur Seite steht. Sie notiert die Antworten auf unsere vorgelegten Fragen und die bisweilen ausschweifenden Erinnerungen ihres Vaters.

Sie werden in ein paar Tagen hundert Jahre alt – das schaffen nicht viele Menschen. Empfinden Sie sich als Glückskind?

Meine Frau Maria starb vor einem Jahr. Sie war meine Kraftquelle. Und jeder Mann, der 71 Jahre lang von einer so geliebten und liebenden Frau begleitet wird, ist ein Glückskind.

Sie haben auch mit viel Glück die Nazizeit überlebt ...

Ja, ich befand mich mehrmals in lebensbedrohlichen Situationen. Eine davon war das Zusammentreffen mit SS-Offizieren 1939 in einem polnischen Wald. Ich entkam ihnen nur knapp, indem ich in einen kalten Fluss sprang, was ich mir in einem Western mit Clark Gable abgeschaut hatte. Meine Frau war noch mutiger. Mit gerade sechzehn Jahren ist sie von Lemberg nach Warschau gelaufen. Dort wurden ihre Mutter und ihre siebenjährige Cousine Nina von einer Polin in einer Art großem Backofen versteckt gehalten. Sie schaffte es, sie dort herauszuholen und vor dem sicheren Tode zu bewahren. Denn die Frau bekam Geld für das Versteck, und sie hätte die beiden früher oder später denunziert.

Als NS-Verfolgter haben Sie Berlin als neue Heimat gewählt. Hat Sie das Überwindung gekostet?

Als ich nach Kriegsende auf den Heuwagen eines polnischen Bauern kletterte, war mein Ziel Berlin. Von dort sollte ich mit der Familie eigentlich nach Israel emigrieren. Auf dem Weg wich der Kutscher plötzlich aus. Er wollte einen Umweg nehmen. Ich war neugierig, stieg aus und ging alleine in den Wald. Dort lagen tote Leiber zusammengescharrt auf einem Haufen. Die offenen Augen eines etwa zwölfjährigen getöteten Jungen haben mich so sehr in den Bann gezogen, dass ich wie festgenagelt dastand und mir das Gelübde auferlegte: Du darfst diese Menschen niemals in Vergessenheit geraten lassen. Allein aufgrund dieses Geschehens habe ich in Berlin dann den Film „Morituri“ produziert. Bis heute sind 24 weitere Filme, die sich mit den Opfern der Nazis beschäftigen, gefolgt.

„Morituri“ war gleich eine Bewährungsprobe für Ihr junges Unternehmen CCC. Sie drehten 1947 unter schwersten Bedingungen in der sowjetischen Besatzungszone. Woran erinnern Sie sich?

Es fehlte an allem. Nicht nur die Lebensmittel waren knapp, auch der Strom. Doch zum Filmen braucht man Strom. Als unser benzingetriebener Generator seinen Geist aufgab, bat ich den Kommandanten in Karlshorst, uns eine Hochspannungsleitung ziehen zu lassen. Ich habe eine Mission gespürt und brachte sie so vor, dass man es mir gewährte, allerdings gingen bei den nächtlichen Drehs in Prenzlau und Eberswalde die Lichter aus. Dann stand die Szene an, in der die Wachen des KZ die Häftlinge niederschießen. Es sprangen dafür zwei Dutzend Rotarmisten ein, denen es nichts ausmachte, SS-Uniformen überzustreifen. Nachdem sie losgefeuert hatten, rannte plötzlich mein Kameramann auf mich zu – er fürchtete um sein Leben. Weil Platzpatronen fehlten, schossen die Statisten scharf. Glücklicherweise wurde niemand verletzt.

Der Film war an der Kinokasse kein Erfolg. „Morituri“ ist abgelehnt und sogar boykottiert worden.

Danach drehte ich erfolgreiche Unterhaltungsfilme, darunter heutige Klassiker wie „Herzkönig“, „Der Tiger von Eschnapur“ sowie die „Mabuse“- und „Wallace“-Krimis. Im Hinterkopf hatte ich aber stets, mit diesen Einnahmen meine Filme gegen das Vergessen finanzieren zu können.

Als Sie geboren wurden, begann das Kino gerade zu laufen. Welche Filmerlebnisse haben Sie geprägt?

Am liebsten waren mir Abenteuer- und Westernfilme. Ich ging bis zu achtmal in der Woche heimlich ins Kino. Als Jugendlicher habe ich mir vorgestellt, dass ich Tarzan werden könnte und meine Braut im Dschungel vor den vielen wilden Tieren retten würde ...

Ihr Film „Hitlerjunge Salomon“ erhielt 1992 den Golden Globe, wurde aber von der deutschen Auswahl-Kommission nicht für würdig befunden, ins Oscar-Rennen geschickt zu werden. Ist diese Wunde inzwischen verheilt bei Ihnen?

Nein. Auch nach mehr als einem Vierteljahrhundert kann ich mich mit dieser falschen und vor allem ungerechten Entscheidung nicht abfinden. Unter dem Titel „Europa-Europa“ hat der Film überall in der Welt ungemeine Erfolge erzielt. Wenn mir die Haltung der deutschen Kommission rechtzeitig bekannt gewesen wäre, hätte ich unseren französischen Koproduzenten veranlasst, die Anmeldung über Frankreich vorzunehmen. Denn der Film hätte den Oscar wohl sicher bekommen, so jedenfalls lautete der Tenor der Berichterstattung in den USA.

Der große Kirk Douglas hat die Hundert schon erreicht. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Ja, wir hören in unregelmäßigen Abständen voneinander. Ich freue mich, dass es Kirk gesundheitlich recht gut geht. Wir können beide nicht glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Kirk Douglas erinnert an die Star-Ära der 50er-Jahre. Sie prägte auch das Kino in Deutschland – und Atze Brauner war als Gesicht nahezu so bekannt wie die Stars von Sonja Ziemann bis O. W. Fischer. Wie sehr haben Sie den Glamour genossen?

Die Extravaganz der Filmwelt hat mich nur bedingt interessiert. Natürlich ist es schön, für seine Arbeit gefeiert zu werden. Aber für mich steht immer der Film im Fokus. Ich war hierzulande einer der Ersten, die erkannten, dass Filme dem Publikum, nicht den Filmschaffenden gehören.

Was macht einen guten Produzenten aus?

Er ist wie ein Dirigent, der die begabtesten Musiker um sich scharen muss. Dabei darf er sich nur bedingt reinreden lassen, weil er der Erste ist, der die Vision hat und dafür lebt.

Empfinden Sie sich als Berliner?

Den Namen „Atze“ habe ich jedenfalls Curd Jürgens und den Berlinern zu verdanken.

Menschen, die mit Ihnen mal im Clinch lagen, benutzen Vokabeln wie „stur“, „geizig“, „machtbewusst“, um Sie zu beschreiben. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Wer viel tut, macht sich Feinde. Ausschließlich ein Tatenloser hat nur Freunde.

Ihre CCC-Studios haben trotz Krisen überlebt. Dort werden „Kudamm 59“ oder die Netflix-Serie „Dark“ gedreht. Sie sollen skeptisch gewesen sein, wollten die Studios verkaufen. Denken Sie nun anders?

Ich finde es ganz großartig, mit welcher Hingabe meine Tochter die Firma leitet und derart renommierte Produktionen heranholt. Die CCC Filmstudios boomen und unsere eigene Produktionsmaschinerie läuft auch wieder sehr gut. Damit ist jede Skepsis verflogen.

Ihre schon 1978 erschienene Autobiografie hatte den Titel „Mich gibt’s nur einmal“. Würden Sie ein Buch über die vierzig Jahre, die danach kamen, auch noch so überschreiben?

Der Titel wäre „Uns gibt's nur einmal“, denn meine einzigartige Frau Maria hat uns zusammengehalten. Und alles, was ich tue oder je getan habe, gründet auf meinem unermüdlichen Verlangen, meiner Familie ein schönes Leben zu bescheren.

Sie haben in ihrem Leben rund 270 Filme geschaffen. Sind Sie auch mit 100 noch jemand, der die Ruhe schwer erträgt?

Sobald ich nicht mehr bin, kann ich aufhören zu arbeiten.