Berlin - Dass ein riesiges Möbelhaus in eine Häuserzeile passt und sogar ohne Großparkplatz auskommt, wird in der Greifswalder Straße Nummer 212 bewiesen. Zwischen Bio-Company-Filiale und Automaten-Casino residiert dort das Unternehmen Home24.

Es ist Europas größtes Online-Möbelhaus, mit dem Domenico Cipolla das fest gefügte Geschäft mit Tischen, Schränken und Sofas revolutionieren will. Es sei Zeit für eine Alternative, sagt der Home24-Chef, für den es typischerweise nicht einmal einen Chefparkplatz gibt. Er habe gar kein Auto, sagt der gebürtige Italiener. Cipolla kommt mit dem Fahrrad zur Arbeit. „Zeitgemäß“.

Herr Cipolla, kennen Sie Kurt Krieger?

Nicht persönlich, aber ich würde ihn sehr gern einmal kennenlernen.

Um ihm dann zu sagen, wie man heutzutage Möbel verkauft?

Unsinn. Ich habe großen Respekt vor dessen Leistung. Kurt Krieger hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckende Präsenz aufgebaut. Da würde ich sicher eher zuhören, als mir anzumaßen, ihm Ratschläge zu geben.

Aber Krieger ist der Mann hinter den Marken Höffner, Kraft und Porta, der Möbel-König von Berlin. Er verkörpert einen Markt, den Sie als eingestaubt bezeichnen.

Ich halte den klassischen Möbelhandel tatsächlich nicht mehr für zeitgemäß, doch das ist dessen Problem. Möbelhäuser sind nicht unsere Feinde, und wir arbeiten auch nicht gegen sie, sondern für den Kunden.

Gehen Sie selbst in Möbelhäuser?

Ja, wenn ich Hunger habe – und zu Recherchezwecken.

Ihr Eindruck?

Bislang wurde ich noch immer in meiner Überzeugung bestätigt, dass man einen Samstag nicht in einem überfüllten Möbelhaus mit Hüpfburg und drittklassigem DJ vergeuden sollte. Einkaufen sollte Spaß machen, in einem Möbelhaus ist es Stress.

Aber dort weiß der Kunde, was er bekommt. Wer tausend Euro für eine Couch ausgibt, will vielleicht auch fühlen, ob sie wirklich bequem ist.

Dafür haben wir Kundenbewertungen, und wenn dem Käufer die Ware nicht gefällt, wird sie anstands- und kostenlos wieder abgeholt. Es gibt kein Risiko.

Wie viele Ihrer Kunden senden die Ware zurück?

Nicht einmal jeder zehnte. Damit liegen wir deutlich unter dem Durchschnitt im gesamten Möbelmarkt, was auch für eine hohe Kundenzufriedenheit bei uns spricht.

Obwohl Sie dieselben Lieferanten haben wie die großen Möbelhäuser?

Das will ich bei insgesamt etwa 1000 Lieferanten nicht ausschließen, aber wir haben ganz strikte Qualitätsstandards. Viele, die gern mit uns zusammenarbeiten würden, lehnen wir ab. Wenn wir sagen, die Ware wird in sechs Tagen geliefert, dann soll das auch so geschehen.

Die Lieferung binnen einer Woche dürfte die Ausnahme sein.

Wir haben unsere Lagerkapazität in den vergangenen 18 Monaten verdreifacht. Wenn wir zurzeit 180.000 Artikel im Sortiment haben, können wir etwa die Hälfte innerhalb einer Woche liefern.

Sie haben vor Kurzem den Berliner Online-Möbelhändler Fashion for Home gekauft. Warum das?

Weil deren Sortiment perfekt zu uns passt. Fashion for Home bietet ausschließlich exklusive Designermöbel zu sehr günstigen Preisen.

Das Unternehmen betreibt auch eigene Geschäfte, in denen man Möbel anfassen und erleben kann. Um deren Filialen ging es Ihnen nicht?

Nein, das war nie ein ausschlaggebender Faktor. Wir wachsen in unserem Online-Kerngeschäft so stark, dass wir bislang nicht an den Ausbau einer Offline-Präsenz gedacht haben. Nun haben wir sieben Showrooms bekommen, die gut funktionieren. Ob wir das ausbauen oder nicht, ist derzeit kein Thema. Wir wachsen massiv im virtuellen Bereich.

Dort ist Ihr Marktanteil aber eher gering. Während die Marktführer Ikea und Höffner zusammen auf einen Jahresumsatz von weit über sechs Milliarden Euro kommen, liegt Home24 bei 160 Millionen Euro.

Das stimmt, aber so wird es nicht bleiben. Allein in der ersten Jahreshälfte betrug unser Umsatz bereits 110 Millionen Euro. Das war ein Zuwachs um 98 Prozent. Das heißt: Wir wachsen nicht, wir explodieren, während der Gesamtmarkt stagniert.

Trotzdem liegt die Online-Quote im Möbelgeschäft noch immer unterhalb der Fünf-Prozent-Marke.

Wir stehen erst am Anfang. Auch im Möbelgeschäft wird die Online-Quote sehr bald Werte erreichen, die heute im Buch-, Elektronik- und Modebereich registriert werden. Ich denke an 20, 30, 40 Prozent.

Woher nehmen Sie den Optimismus?

Wir sind der beste Beweis, dass es funktioniert. Das wird sich immer mehr herumsprechen, und außerdem sind die Leute, die sich heute ihre erste Wohnung einrichten, mit dem Internet aufgewachsen. Zugleich ergeben sich aus dem technologischen Fortschritt immer neue Möglichkeiten, Produkte virtuell besser darzustellen. Es wird Videos geben und dreidimensionale Raumplanungen, was weiß ich. Wir machen heute schon 40 Prozent unseres Umsatzes nicht mehr über Websites, sondern per App auf dem Handy oder dem Tablett. Das hätte ich vor zwei Jahren auch nicht für möglich gehalten.

Sie treiben das selbst voran?

Absolut. Wir verstehen uns als Innovator und Technologieunternehmen. Von den 700 Mitarbeitern hier in Berlin, arbeiten etwa 250 in der IT-Entwicklung. Der Online-Möbelmarkt soll auch technologisch von Berlin aus bestimmt werden.

Demnach rechnen Sie vermutlich nicht damit, dass künftig noch neue Möbelhäuser eröffnet werden.

Doch, damit rechne ich. Stagnierende Umsätze haben die Möbelbranche in den vergangenen 25 Jahren nicht davon abgehalten, neue Verkaufsflächen zu schaffen. Also wird sie so weitermachen, und die Erträge pro Quadratmeter Verkaufsfläche werden weiter sinken. Aber es wird eine Konsolidierung geben.

Wer wird überleben?

Das weiß ich nicht, aber ich glaube an unser Konzept.

Mit dem Sie im ersten Halbjahr einen Verlust von 37 Millionen Euro angehäuft haben. Wie lange können Sie sich das leisten?

Wir haben einen sehr klaren Plan, um die Profitabilität zu erreichen. Wir sehen aber auch, dass wir Investitionen anschieben müssen, um weiter wachsen zu können.

Wann Sie die Gewinnschwelle erreichen wollen, verraten Sie nicht?

Exakt, aber sicher nicht erst in fünf oder zehn Jahren.

Knapp die Hälfte Ihres Unternehmens gehört dem Berliner Firmenfabrikanten Rocket Internet. Wird man dort nicht langsam unruhig?

Es gab nie eine Phase, in der unsere Gesellschafter mit unserer Performance glücklicher waren.

Gibt es eigentlich irgendein Produkt, das sich aus Ihrer Sicht nicht online verkaufen lässt?

Da fällt mir wirklich nichts ein.

Das wird aber andererseits dazu führen, dass klassische Geschäfte verschwinden. Analysen prophezeien den Verlust von 50 000 Einzelhandelsläden in den nächsten fünf Jahren.

Wenn sich jedes Produkt online verkaufen lässt, heißt das ja nicht, dass dies zu hundert Prozent online geschieht. Es wird immer eine Mischung geben und der Einzelhandel seine Daseinsberechtigung behalten. Am Ende entscheidet allein der Kunde, wo er kauft.

Wer dabei verliert, ist also selbst schuld?

Absolut. Händler sterben nicht, weil es den Online-Handel gibt, sondern, weil sie nicht in der Lage sind, den Kundenwunsch zu erfüllen.

Und was wird mit Krieger?

Das würde ich ihm gern selbst sagen.