Berlin - Die evangelische Landeskirche hat jetzt einen Pfarrer für interreligiösen Dialog eingestellt. Am Sonntag wird er in der Trinitatiskirche in Charlottenburg in sein Amt eingeführt. Bischof Markus Dröge (57) erläutert, warum er ihn braucht.

Pfarrer Andreas Goetze soll sich vor allem um Kontakte mit Moscheen bemühen. Wozu ist das gut?

Ich halte interreligiöse Projekte in Berlin für ausgesprochen wichtig, weil wir hier sehr viele Migranten haben. Schon der christliche Glaube ist ja sehr international. Wir haben in Berlin 130 christliche Gemeinden aus aller Welt. Und die Muslime fangen jetzt verstärkt an, das gesellschaftliche Leben zu prägen. Menschen, die hier leben, sollten in ihrer Religion ernst genommen werden. Wir wollen denjenigen helfen, die bereit sind, sich in die Gesellschaft hinein zu begeben.

Allen?

Nein, ich habe mich bereits für ein Verbot der Salafisten ausgesprochen. Ich finde, wir müssen die Grenze markieren, wo Religion missbraucht wird für Gewalt und für den politischen Zweck, unsere freie, von Menschenrechten geprägte Gesellschaft umzuwandeln.

Und wie wollen Sie den anderen helfen?

Durch den Aufbau von persönlichen Beziehungen zu den Moscheegemeinden. Pfarrer Goetze hat über die Anfänge des Islam promoviert. Wir müssen gemeinsam Bildungsangebote schaffen, damit wir uns auch über religiöse Themen unterhalten können. Da ist ungeheuer viel zu tun. Wenn wir Integration wollen, dann brauchen wir Bildung.

Es gibt ja noch mehr interreligiöse Projekte, das gemeinsame Bet- und Lehrhaus von Christen, Juden und Muslimen, das am Petriplatz entstehen soll, gemeinsame Aktionen, wie das Polieren von Stolpersteinen auf dem Kurfürstendamm. Alles im Sinne eines toleranten Miteinanders?

Das liegt mir sehr am Herzen und es ist nicht immer einfach. Es war zum Beispiel kein gemeinsames Gedenken von Juden, Christen und Muslimen am 10. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center in New York möglich. Die offiziellen Vereinigungen der Muslime wollten sich nicht festlegen lassen. Gelungen ist es aber bereits einmal, vor dem 1. Mai gemeinsam zu Gewaltlosigkeit aufzurufen. Das Ziel ist zu zeigen, dass wir dafür einstehen, dass Religion nicht für Gewalt missbraucht wird. Und dass unterschiedliche Religionen in Deutschland eine Stimme haben sollen und nicht in den Privatraum abgedrängt werden.

Wie reagieren die Muslime, wenn ein evangelischer Pfarrer vor ihnen steht und sagt, wir wollen gemeinsam etwas machen?

Ich habe sehr gute Erfahrungen. Wenn ich Vertreter des Islam zu Gesprächen einlade, reagieren sie sehr dankbar, weil sie glauben, dass wir Christen in dieser Gesellschaft vollständig integriert, groß und stark sind. Wir selber empfinden uns oft anders. Aber sie sehen sich als diejenigen, die in dieser Gesellschaft außen vor stehen. Wenn ich mich für ihre Probleme interessiere, wie damals als ich die Moschee am Columbiadamm besucht habe, nachdem dort ein Brandsatz gelegt worden war, sind sie sehr erfreut.

Der Islam gehört also für Sie zu Deutschland?

Ja, für mich gehören die Muslime, die bereit sind, unser Grundgesetz zu akzeptieren und sich in eine offene dialogbestimmte Gesellschaft einbringen wollen, selbstverständlich dazu. Ich bin davon überzeugt, dass jede Religion unserer Gesellschaft dienlich sein kann.

Viele Menschen nehmen Religion aber als Motor von Gewalt wahr.

Erst seit dem 11. September 2001. Vorher hieß es, Religion habe in der Moderne keine Zukunft. Seit die Terroristen ihre Taten religiös begründet haben, ist Religion wieder Thema, aber als Problem. Darunter haben wir natürlich auch zu leiden, weil wir unter dem Rechtfertigungsdruck stehen, beweisen zu müssen, dass Religion dem Frieden dient. Und dabei setzen wir uns seit den 80er Jahren ausdrücklich auch politisch für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ein. Da wollen wir die anderen Religionen mit hinein nehmen.

Das Gespräch führte Julia Haak.