Herr Wahrmann, wann ist der Zeitpunkt gekommen, einen Schuldnerberater aufzusuchen?

Wenn das Minus auf dem Girokonto immer größer wird. Kommen die Rechnungen schneller als der Geldnachschub, ist das in der Regel der Punkt, an dem man es nicht mehr allein schafft.

Welches sind die Hauptursachen für Überschuldung?

Da steht Arbeitslosigkeit an erster Stelle. Es sind aber auch Krankheit, Scheidung oder Tod. Und natürlich unwirtschaftliche Haushaltsführung.

Wenn also jemand über seine Verhältnisse lebt?

Genau. Manchmal ist es aber auch Unerfahrenheit. Ich hatte schon junge Leute mit 3 000 Euro Stromschulden, weil sie dachten, der Strom wäre in den Mietkosten enthalten – bis dann die große Rechnung eintraf.

Kann Überschuldung jeden treffen?

Ja, ganz klar. Ich arbeite seit 27 Jahren als Schuldnerberater in Berlin, und es gibt quasi niemanden, den ich noch nicht hatte. Vom Junkie bis zum Unternehmer ist alles vertreten, alle Nationen ebenfalls.

Ist der Onlinehandel eine neue Verführung?

Die Verlockung ist immer groß, wenn man die Ware bekommen und erst später zahlen kann. Ginge jeder Kauf nur per Bargeld, hätten Schuldnerberater sicher weniger zu tun. Denn man könnte nur das ausgeben, was man wirklich hat.

Gibt es Anzeichen, an denen andere ein Schuldenproblem erkennen können?

Wenn man jemandem Geld geliehen hat und der sich dann nicht mehr meldet.

Und dann? Wie können Freunde und Bekannte helfen?

Am besten nichts mehr leihen. Neues Geld wäre genau der falsche Weg, wie neuer Stoff für einen Süchtigen. Dann sollte man rasch eine Schuldnerberatung aufsuchen.

Sind Berliner besonders gefährdet?

Es gibt viel Armut in der Stadt. Zwar sind die Arbeitslosenzahlen auf dem geringsten Stand seit Jahren, aber es gibt auch sehr viele sehr schlecht bezahlte Jobs.

Was raten Sie jemandem, der mit vielleicht 10.000 Euro verschuldet ist und plötzlich arbeitslos wird?

So schnell wie möglich die Gläubiger informieren, um nicht sofort auch noch Anwalts- und Inkassokosten auszulösen, und dann einen Schuldnerberater aufsuchen.

Wie viel kostet Ihre Hilfe?

Nichts. Grundsätzlich.

Das Gespräch führte J. Knoblach.