Berlin - Als wir Oliver Lünstedt zum ersten Mal trafen, war er gerade von der Cebit zurückgekehrt. Das war im Frühjahr 2013. Der damals 28-jährige Wirtschaftsingenieur hatte auf der Tech-Messe sein Start-up Carzapp präsentiert, mit dem er den Autoverkehr revolutionieren wollte. Jeder sollte das geparkte Auto des anderen zeitweise nutzen können.

Dafür hatte die junge Firma eine Box entwickelt, die in Autos installiert werden sollte, um dies per Handy öffnen zu können. Carzapp war angetreten, der bundesweit größte private Carsharing-Anbieter zu werden. Danach sollte es weitergehen. „Wenn das in Deutschland funktioniert, funktioniert es überall“, hatte Lünstedt damals gesagt. Doch daraus wurde nichts. Vor einigen Monaten musste der Gründer für sein Unternehmen Insolvenz anmelden. Als Gescheiterter sieht er sich aber nicht. „Es geht weiter“, sagt er und ist einer der wenigen, die über ihre Pleite reden.

Herr Lünstedt, können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Ihnen klar war, dass Ihr Unternehmen pleite ist?

Aber sicher. Ein kurzes Telefonat an einem Freitagabend. Ich glaube, es dauerte nicht mal eine Minute.

Was war passiert?

Ein Investor war abgesprungen, ganz überraschend. Der Vertrag war fertig, von Anwälten geprüft, musste nur noch unterschrieben werden, aber das passierte nicht.

Mit welcher Summe hatten Sie gerechnet?

Es ging um einen mittleren sechsstelligen Betrag. Dafür wollte sich der Besitzer einer großen Autohaus-Gruppe bei uns beteiligen.

Ein Autohändler ist nicht gerade der klassische Geldgeber für ein Technologie-Start-up.

Mag sein, aber er kam aus dem Automobilgeschäft. Das war uns wichtig. Außerdem waren wir über Monate im Gespräch. Er wollte ein Drittel unserer Firma, dafür unsere Schulden übernehmen. Und er garantierte Absatz, sodass wir sofort in die schwarzen Zahlen gekommen wären. Es war lukrativ, auch weil er Tempo machte.

Wissen Sie, warum er es sich dann doch anders überlegt hatte?

Keine Ahnung. Es gab keine Begründung, nichts. Am Telefon sagte er nur, dass die Entscheidung gefallen sei, Schluss, Ende, Aus und überhaupt sei er gerade in einem Termin und fahre morgen in den Urlaub. Auf Wiederhören.

Das war’s?

Kann man so sagen. Wegen der zeitnah fällig werdenden Schulden war mir sofort klar, dass fünf vor zwölf längst vorbei war. Ich habe aufgelegt, bin eine rauchen gegangen und habe dann es dann unseren Leuten gesagt.

Wie fühlt man sich da?

Beschissen.

Wegen der Mitarbeiter?

Klar, wir waren damals zu zehnt. Einige hatten bereits im Monat zuvor angefangen, ihre Gehälter zu stunden. Dabei waren wir waren auf einem guten Weg. Die Umsätze stiegen. Wir waren kurz vor der schwarzen Null.

Waren Sie bei der Investorenwahl zu blauäugig?

Auf jeden Fall sind wir an den falschen geraten. Wie wir später erfuhren, hatte er sich beim Insolvenzverwalter erkundigt, ob unsere Firma zu bekommen wäre.

Er hätte tatsächlich für weniger alles bekommen können.

Nein, er hätte auch weniger bekommen. Ein Start-up ist kein Autohaus, in dem man zur Not die Belegschaft austauschen kann. Das ist ein Unikat, dessen Know-how in der Regel in den Köpfen der Gründer und einiger Mitarbeiter steckt. Wenn das Team dann nicht zusammenbleibt, gibt es massive Reibungsverluste. Gegen die Willen der Gründer und des Teams funktioniert das nicht.

Glauben Sie, dass Sie bewusst in die Pleite geführt wurden?

Wir hatten ja Alternativen, die aber nicht schnell genug entscheiden konnten, ob sie investieren wollen oder nicht. Letztlich war es meine Aufgabe, ein Investment aufzutreiben, was ich nicht geschafft habe. Es spricht bei diesem speziellen Investor natürlich einiges dafür, dass er die Situation ausnutzen wollte.

Aber ist es nicht zu einfach, die Schuld allein dem abgesprungenen Geldgeber zuzuweisen? Da muss doch schon vorher was schiefgelaufen sein.

Natürlich haben wir Fehler gemacht. Wir hatten uns zum Beispiel lange und mit großem Aufwand auf das private Carsharing konzentriert. Als dann der Bundesverband der Autovermieter gegen privates Carsharing klagte, waren wir für Investoren quasi Quarantänegebiet. Niemand wollte noch etwas mit uns zu tun haben.

Was gar nicht so unverständlich ist.

Zumindest in Deutschland. Airbnb und Uber hätten sich nie entwickeln können, wenn man gefragt hätte, ob es denn rechtlich möglich sei, seine eigene Wohnung gegen Geld zu vermieten oder Privatleute Taxifahrer sein dürfen. Deutschland ist nicht das Land, in dem traditionelle Geschäftsmodelle infrage gestellt werden. Bei uns kam noch hinzu, dass wir im Automobilbereich unterwegs waren.

Inwiefern?

Weil Deutschland das Mutterland des Automobils ist und die meisten Investoren davor Angst haben, dass Daimler, BMW oder VW entweder morgen mit einer ähnlichen Lösung um die Ecke kommen oder gegen den Einsatz der Lösung klagen. Und dann haben wir noch sechs Monate beim Kraftfahrt-Bundesamt verloren. Denen mussten wir erst mal erklären, was ein Start-up ist. Das war unglaublich.

Seinerzeit waren Sie ziemlich angesagt. Sie haben einen Businessplan-Wettbewerb gewonnen, wurde als im Projekt Deutschland – Land der Ideen ausgezeichnet und auf der Cebit haben Sie mit dem Bundeswirtschaftsminister geplaudert. Hatten Sie das Scheitern nicht längst für sich ausgeschlossen?

Das kann sein und war dann natürlich falsch. Jedenfalls weiß ich heute, dass es immer Faktoren gibt, die man nicht berücksichtigen oder beeinflussen kann. Das Risiko, zu scheitern, bleibt, egal wie gut die Idee ist.

Die perfekte Geschäftsidee gibt es also nicht?

Nein. Wer meint, sie gefunden zu haben, sollte besser die Finger davon lassen.

Fühlen Sie sich schuldig?

Schuldig nicht. Ich hab natürlich ein schlechtes Gewissen gegenüber den Mitarbeitern. Obwohl alle gut untergekommen sind, und zwei in meiner neuen Firma arbeiten.

Eine neue Firma?

Ja. Ich habe beim Insolvenzverwalter für die Vermögenswerte von Carzapp geboten, und da wir die einzigen Bieter waren und die Gläubiger der Übernahme zugestimmt hatten, haben wir den Zuschlag bekommen.

Woher kam das Geld dafür?

Ich habe zusammen gekratzt, was ich kriegen konnte, am Ende vor allem von meiner Familie. Wenn für die Insolvenzmasse einer mehr geboten hätte, wäre ich draußen gewesen.

Es läuft?

Wir schreiben schwarze Zahlen, keine roten. Das Produkt ist fertig, und wir fokussieren uns jetzt komplett auf den Vertrieb unserer Lösung, auf die wir ja auch das Patent haben.

Warum nicht gleich so?

Weil wir damals ja zunächst das Produkt und die Idee entwickeln mussten und uns eben kurz vor dem Ziel, einen weiteren Investor zu finden oder schwarze Zahlen zu schreiben, das Geld ausging.

Wie viel Geld haben Sie insgesamt verbrannt?

Verbrannt würde ich es nicht nennen, weil es das Produkt ja heute gibt. Verwertet ist mir lieber. Die Frage ist dann natürlich, ob gut oder schlecht verwertet. Insgesamt sind 1,5 Millionen Euro in Carzapp geflossen. Davon 200 000 von meiner Seite, Familie und Freunden.

Würden Sie das heute wieder machen?

Klar, wenn du an etwas glaubst, dann machst du das. Ich rate aber jedem Gründer, keinen Kredit aufzunehmen, für den er persönlich haftet. Wir haben zum Beispiel ein Darlehen der IBB aufgenommen, für das wir im Falle einer Insolvenz die Bürgschaft übernommen haben. Das würde ich auf keinen Fall noch einmal tun.

Warum?

Weil das aus meiner Sicht der Gründerkultur widerspricht. Wer scheitert, muss wieder aufstehen können, aber wenn einer die Bürgschaft bedienen muss, hat er dazu kaum eine Chance. Dann muss man im schlimmsten Fall Privatinsolvenz anmelden.

Haben Sie jemals daran gedacht, ein Angestelltenverhältnis einzugehen?

Ich hatte den Albtraum und auch Angebote von Innovationsabteilungen von Großkonzernen. Aber das kam nie infrage. Ein Freund von mir arbeitet in einem großen Unternehmen. Als er herausfand, dass mit einer kleinen Änderung in der Software des internen Netzwerks echt viel Geld gespart werden kann, musste dafür ein mehrmonatiges IT-Projekt mit Zwischenpräsentationen und allem Zick und Zack gestartet werden. Nein, danke.

Wie wird es mit Ihrer Firma weitergehen?

In kleinen Schritten. Wir werden solide wachsen. Ende nächsten Jahres werden wir wahrscheinlich wieder 20 Leute sein.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.