Seit 30 Jahren im Geschäft, hat die Diseuse Georgette Dee in ihrer Eigenschaft als genderbefreiter Feuilletonliebling mittlerweile ihren ersten Wohnsitz nach Berlin verlegt. Im Interview spricht sie über Conchita Wurst, das Leben im Speckgürtel und immerwährendes Lampenfieber.

Im Tipi hat am Freitag Ihr neues Programm „Georgette Dee singt … vom Fliegenden Teppich“ Premiere. Sie haben 2010 Ihr dreißigjähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Sind Sie noch aufgeregt vor so einer Premiere?

Ein bisschen schon, denn man weiß nie, wie das, was man sich ausgedacht hat, bei den Menschen ankommen wird. Der letzte Schliff für ein neues Programm erfolgt stets erst mit dem Publikum. Mein wunderbarer Pianist Terry Truck und ich haben einige neue Lieder geschrieben und einige Coverversionen von Songs erarbeitet, die wir noch nie gesungen haben. Aber natürlich werde ich auch ein paar alte Hits dazwischen mischen, denn die Kunst an der Kunst ist ja zu begreifen, dass die Leute immer etwas Neues wollen – und dabei zugleich immer dasselbe.

Sie berichten uns jetzt endlich, was Sie sich schon immer gewünscht haben und nie zu sagen wagten?

Vielleicht, aber eher indirekt. Wie das eben so ist: Man denkt, man erzählt von seinen Reisen, und erzählt doch dauernd nur von sich selbst. Es wird, wie bei meinem vorherigen Programm, „Der Seemann und der Prinz“, wieder eine durchgehende Geschichte geben. Ich kann freilich nicht versprechen, dass wir erneut so einen Volltreffer aus dem Handgelenk geschüttelt haben. Dieses Mal jedenfalls habe ich einen Dschinn aus seiner Flasche befreit …

Gin aus der Flasche?

Hallo, kein Schnaps, sondern einen Geist oder Dämon, im arabischen Raum Dschinn genannt! Das Wortspiel mit dem Gin wird bei uns natürlich auch gebührend ausgekostet. Dieses Wesen ist dann mein Gesprächspartner in den Conférencen zwischen den Liedern. Sein Schicksal ist es, demjenigen drei Wünsche erfüllen zu müssen, der ihn aus der Buddel gelassen hat. Bis alles erledigt ist, muss er besagter Person dienen. Doch es stellt sich heraus, dass ich gar keine Wünsche habe!

Sie leben mittlerweile in Berlin. Doch mit der Stadt sind Sie nie so ganz warm geworden, heißt es.

Ich war immer zwiegespalten bei Berlin. Aber nach ein paar gesundheitlichen Probleme in den letzten Jahren, die sich nach einer verschleppten Lungenentzündung einstellten, habe ich mir gedacht, ich möchte doch da wohnen, wo ich die meisten Freunde und das meiste soziale Leben habe. Und das ist nun mal Berlin: Ein schöner Ort mit Licht und Schatten. Meinen Wohnsitz in der Lüneburger Heide habe ich aufgegeben und bin nun etwas außerhalb, im Berliner Speckgürtel, daheim.

Die Diva ist trotz Umzug Richtung Metropole ein Landei geblieben?

Natürlich, das steckt tief in mir drin. Nach ein paar ungestörten Tagen in meinem Dörfchen ist Berlin außerdem auch nur noch eine Idee – keine schlechte, aber eben weit weg.

Bis in die tiefste Provinz wurde vergangenes Jahr Conchita Wurst als Gewinnerin des Eurovision Song Contest bekannt. Hat sich damit die öffentliche Wahrnehmung von Männer, Frauen und allen Gendervarianten verändert?

Ganz bestimmt. Ich war jetzt zum Beispiel ein paar Wochen in Kuba. Selbst in der kleinen Pension, in der ich wohnte, hatten ein paar Mitarbeiter das Video von Conchita Wurst mit ihrem Siegersong auf dem Computer – und sie liebten es! Es lief mindestens dreimal am Tag, und zwar laut! Da habe ich mir gedacht, sie hat wirklich etwas bewirkt und ist natürlich gerade für junge Schwule weltweit ein Vorbild. So eine schöne Frau und noch dazu mit Bart – da kann selbst ich als Saurier in diesem Metier nicht meckern.

Ist es schwer, nach all den Jahren immer wieder die Kunstfigur Georgette Dee zu sein?

Nein, das kann ich nicht sagen, weil ich mich immer mit meiner Echtzeit dieser Rolle gewidmet habe, mit meinem realen Leben und mit den Themen, die mich jeweils auch jenseits der Bühne beschäftigt haben.

Bei aller Schnoddrigkeit sind Sie stets mit sehr viel Romantik an das Leben und die Liebe herangegangen. Ist das so geblieben oder sind Sie zwischen realistischer geworden?

Die Romantik ist geblieben, klar! Wie eine Haarfarbe. Wenn man Romantiker ist, bleibt man das und kann’s nicht ändern.

Das Gespräch führte Irene Bazinger.

Georgette Dee singt vom Fliegenden Teppich. 24. bis 26.4., Tipi am Kanzleramt, Tickets ab 19 Euro.