Der Himmel leuchtet, es kracht und ballert über Stunden. In einigen Stadtteilen Berlins brennen in der Silvesternacht Balkone und Mülltonnen, Böller detonieren in U-Bahnschächten. Viele vergleichen die Zustände in der letzten Nacht des Jahres mit Krieg. Auch wenn der Vergleich all denen, die echte Kriege erlebt haben, übertrieben scheinen muss - für Menschen, für die Explosionen und Feuer am Himmel Gefahr für Leib und Leben bedeutet, kann das "harmlose" Geknalle zu Silvester Stress, Angst und Bedrohungsgefühle auslösen.

Verbot vor Unterkünften

Weil in diesem Jahr besonders viele Menschen aus Kriegsgebieten unter uns leben, werden in den Städten und Gemeinden unterschiedliche Maßnahmen getroffen, um Flüchtlinge mit Kriegstraumata auf diese Nacht vorzubereiten und sie vor schlimmen Erfahrungen zu schützen. In Nordrhein-Westfahlen etwa hat die Regierung Flüchtlingen und Mitarbeitern in Unterkünften verboten, zu böllern. Grund ist nicht nur die erhöhte Brandgefahr in Leichtbauhallen und anderen provisorischen Behausungen, sondern eben auch die Gefahr für Bewohner mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch der Städte- und Gemeindebund Brandenburg hat sich für ein Verbot in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften ausgesprochen.

Anderswo setzt man auf gute Vorbereitung: Im bayerischen Reichenberg wird bereits am 29. Dezember ein Probefeuerwerk im Hellen gezündet, um die dort lebenden Flüchtlinge auf die Nacht vor dem ersten Januar vorzubereiten. In vielen Unterkünften werden mehrsprachige Infoblätter verteilt, die über die Gebräuche zu Silvester aufklären und die Harmlosigkeit der Knallerei betonen. Das Willkommensteam für Flüchtlinge in Elsmhorn, einer Gemeinde in Schleswig-Holstein, hat ein solches Infoblatt als PDF ins Netz gestellt, damit andere Initiativen es vor Ort verteilen können.

Prof. Dr. Malek Bajbouj: "Der Herzschlag wird schneller"

Reicht eine derartige theoretische Vorbereitung, oder ein Feuerwerk bei Tageslicht? Und wie groß ist die Gefahr für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten wirklich, die Nacht der Nächte als Alptraum zu erleben? Wir haben Prof. Dr. Malek Bajbouj gefragt, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité und selbst in Flüchtlingsunterkünften im Südwesten Berlins tätig.

Herr Bajbouj, ist die Silvesternacht in diesem Jahr ein besonders großes Problem, wegen der vielen kriegstraumatisierten Flüchtlinge, die in Berlin leben?

Nicht alle Flüchtlinge sind traumatisiert und viele der Menschen, die zu uns gekommen sind, kennen Feuerwerk aus ihrer Heimat auch als etwas Harmloses. Und nicht alle, die traumatisiert sind, reagieren mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Für einen kleinen Anteil kann ein Feuerwerk aber ein relevanter Stressfaktor sein.

Wie äußert sich das?

Ein Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung ist, dass man sehr nervös und schreckhaft ist, auf Reize, die in Verbindung gebracht werden können mit Kriegserlebnissen – zum Beispiel Geknall.

Und was passiert dann?

Die Menschen reagieren auf drei Ebenen: Auf der Erinnerungsebene, auf körperlicher Ebene – der Herzschlag wird schneller, Kurzatmigkeit tritt auf, und auf der Gefühlsebene: Sie bekommen Angst.

Kann man die Flüchtlinge vorbereiten, mit Informationsblättern zum Beispiel? Bringt das etwas, auch wenn jemand unter einem Trauma leidet?

Ja, und man braucht dafür keine langjährige Therapieerfahrung. Wenn man völlig unvorbereitet ist, wenn die Knallerei losgeht, erlebt man sie natürlich anders, als wenn man weiß, dass um Mitternacht Radau gemacht wird.

Was kann man noch tun?

Information ist gut, noch besser wäre, wenn man vor Ort Techniken vermitteln könnte, wie man mit dem Stress umgeht. Mankann Menschen, die so eine Neigung haben, mit einfachen Stressbewältigungsmethoden trainieren. Das machen wir mit Patienten, die zu uns in die Ambulanz kommen, aber breitflächig geht das natürlich nicht. Zumal viele unerkannt in den Einrichtungen sind, die keine medizinische Hilfe in Anspruch nehmen können oder wollen, oder nicht darum wissen. Auch gibt es dafür bundesweit nicht genug Kapazitäten.

Sind Kinder gefährdeter?

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist ein altersunabhängiges Phänomen – aber bei Kindern äußert es sich anders. Mädchen reagieren mehr in sich gekehrt, Jungs werden eher aggressiv.

Viele Initiativen und Unterkünfte setzen aufs Zusammenfeiern – in den großen Unterkünften ist das aber schwierig…

Auch wir haben in sehr unterschiedlichen Unterkünften zu tun. Der Ostpreußendamm ist zum Beispiel eine Vorzeigeeinrichtung mit einzelnen Wohncontainern und Gemeinschaftsräumen, da wird es leichter sein. Ganz anders sieht es in den Turnhallen aus, wo es keine Privatsphäre und keine Aufenthaltsräume gibt. Prinzipiell gilt aber: Es hilft, es gemeinsam anzugehen, also die Flüchtlinge nicht in ihren zwei Quadratmetern allein zu lassen, wenn sie von Lauten überrascht werden, die an Krieg erinnern.

Gibt es eine zusätzliche ärztliche Bereitschaft in der Nacht?

Bei all den Dingen, die üblicherweise an Silvester passieren, sind solche Flashbacks nicht das Dramatischste. Aber natürlich gibt es eine Bereitschaft. Nicht in allen Einrichtungen, das ist nicht zu leisten. Es gibt die arabischsprachige Ambulanz, die Einrichtungen wissen das, aber das ist kein Exklusivangebot für Flüchtlinge. Die transkulturellen Ambulanzen sind für alle da.

Zusammengefasst: Das Problembewusstsein ist da, man sollte aber das Thema nicht zu hoch hängen?

Genau. Ich möchte das auf keinen Fall bagatellisieren, aber wir sind in einer Phase, in der man ganz gut gegensteuern kann: Durch Information, durch das Erlernen von Beruhigungstechniken und indem man eine Bereitschaft vorhält.