Die Studenten zieht es an diesem sonnigen Herbsttag noch mal nach draußen. Sie sitzen auf der gepflegten Rasenfläche an der Rückseite des Friedrich-Althoff-Hauses. Hinter den Mauern des Klinkerbaus hat Charité-Chef Karl Max Einhäupl seine Räume. Seit über 20 Jahren ist der Campus an der Spree mit seinen denkmalgeschützten Gebäuden der Arbeitsplatz des Neurologen, der 2008 zum Vorstandsvorsitzenden des Uniklinikums berufen wurde.

Als Einhäupl zur Charité kam, hingen in der Intensivstation noch Blümchentapeten, inzwischen ist er zuständig für drei Unikliniken in Mitte, Wedding und Steglitz sowie Forschungsstätten in Buch. Die Charité sei zu einer internationalen Marke geworden und die beste medizinische Einrichtung Deutschlands, sagt Einhäupl. Ein wirtschaftlicher Faktor. Vom Senat erwartet er Investitionen in den Erhalt der Standorte.

Herr Professor Einhäupl, Sie kamen kurz nach dem Mauerfall nach Berlin, um an der Charité den Lehrstuhl für Neurologie zu übernehmen. Was haben Sie in Mitte vorgefunden?

Als ich Anfang 1993 die Arbeit aufgenommen habe, war das ein Krankenhaus, das wir vom Standard her im Westen so nicht gekannt haben. Die Geräte waren nicht auf dem neuesten Stand. Die Blümchentapeten an der Wand der Intensivstation waren eine Besonderheit, die man heute manchmal sogar ein Stück weit vermisst. Die Charité war im Kern ein Abbild der DDR. Dennoch waren die ärztlichen und pflegerischen Standards hervorragend.

Wie war die Stimmung?

Die Mitarbeiter waren überwiegend maximal motiviert. Die medizinische Versorgung, also die Qualität der Ärzte und das Engagement der Pflegerinnen, hinkten in keiner Weise hinterher. Die Menschen hatten einfach nicht die Ausstattung und sie konnten überwiegend nicht an Kongressen in der westlichen Welt teilnehmen. Wenn man bedenkt, dass die Charité in der DDR ohnehin schon die Vorzeigeklinik war, sieht man, was die Abschottung eines Landes von der internationalen Community bewirkt.

Wie viele Chefärzte aus Westdeutschland waren schon da, als Sie den Ruf an die Charité erhielten?

Vor mir gab es nur eine Neuberufung aus Westdeutschland. Das war der Kardiologe Professor Gert Baumann, der auch immer noch da ist. Ich habe damals ein 60- bis 70-seitiges Papier für meine Berufungsverhandlungen geschrieben, das außer mir vermutlich niemand wirklich gelesen hat.

Fehlte die Zeit dafür?

Ich habe relativ schnell erkannt, dass das nicht die Art und Weise war, um seine Interessen durchzusetzen. Mir war klar, dass ich die Chance nutzen kann, die Entwicklung und den Aufbau der Charité mitzugestalten. Es ist mir zusammen mit anderen gelungen, den neurowissenschaftlichen Schwerpunkt aufzubauen, der heute noch ein wichtiger Vorzeigeschwerpunkt der Charité ist. Aus heutiger Sicht war richtig, nicht über jede Steckdose zu verhandeln. In der Folgezeit kamen dann die Fusionen, erst mit dem Virchow-Klinikum Anfang der 90er Jahre und 2003 mit dem Klinikum Benjamin Franklin in Steglitz. Ich denke, dass dieses Konstrukt der heutigen Charité und damit ihre Größe eine wesentliche Voraussetzung für ihre internationalen Erfolge ist.

Gibt es noch Gegensätze zwischen Ost und West?

In der Charité gibt es keinen Ost-West-Konflikt mehr. Es gab nach der Fusion mit dem Steglitzer Klinikum eher einen Nord-Süd-Konflikt. Aus der Erfahrung weiß man, dass es eine ganze Generation dauert, um solche Konflikte zu überwinden. Aber auch wenn ich mir die Situation in der Stadt anschaue, habe ich das Gefühl, dass sich zwischen Ost und West die Dinge normalisiert haben.

Sie haben 2008 den Vorsitz der Charité übernommen und fanden ein Minus von 56 Millionen Euro vor. Der Senat verlangte von Ihnen, dass Sie dieses Defizit abbauen. Kritiker sagen, das ging nur zulasten des Personals. Wie viel kann die Charité noch einsparen?

Es ist leider eine Tatsache, dass das auch auf Kosten einer Arbeitsplatzverdichtung passiert ist. Die Leistungsverdichtung im medizinischen Raum findet an allen Krankenhäusern statt. Sie muss allerdings ihre Grenze haben. Dahinter steht das Problem, dass die Preise, die wir für Leistungen erhalten, durchschnittlich nur unter einem Prozent jährlich steigen, während sich die Kosten um drei, manchmal sogar fünf Prozent erhöhen. Sie können sich denken, wie lange es dauert, bis alle Kliniken Deutschlands pleitegehen.

Aber stehen die Kliniken in Berlin nicht vergleichsweise gut da, weil es viele Patienten gibt und die Zahl der komplizierten Fälle hoch ist?

Das ist richtig. In Berlin haben wir nicht mehr zu viele Betten, und wir sollten in Hinblick auf das Bevölkerungswachstum und die Altersstruktur auch keine weiteren mehr abbauen.

Die Stadt wächst nach einer Prognose des Senats bis zum Jahr 2030 um 250.000 Einwohner. Sollte es nicht eher einen Zuwachs an Betten geben, auch in der Charité?

Die Charité hat nach einem vor Jahren gefassten Beschluss des Senats meines Wissens als einziger Krankenhausbetrieb bereits 200 ihrer rund 3 200 Betten abgebaut und soll noch weitere 300 abgeben. Das halte ich nicht für angemessen. Ich habe große Hoffnungen, dass der Senat noch mal anders entscheidet.

+++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, was sich der Charité-Chef vom neuen Regierenden Bürgermeister erhofft +++