Er weilt in letzter Zeit öfters in Berlin, wohnt und arbeitet aber in Basel. Dort leitet Christoph Langscheid die Stiftung Edith Maryon. Der 53-Jährige lädt in Berlin zum Gespräch ins ehemalige Verwaltungsgebäude Am Sudhaus auf dem Gelände der früheren Kindl-Brauerei.

Die Stiftung hat dieses Gebäude und das frühere Wohlfahrtshaus im Jahr 2016 gekauft. Nun wird sie beide Häuser dem Verein Berlin Global Village, der lange nach bezahlbaren Räumen gesucht hat, für ein Eine Welt Zentrum im Erbbaurecht übergeben. Es ist eines von vielen Projekten, die die Stiftung in Berlin ermöglicht hat. Christoph Langscheid erzählt mit Schweizer Bescheidenheit erstmals einer deutschen Zeitung über die Arbeit der Stiftung und ihren sozialen Anspruch.

Herr Langscheid, auf den Namen Ihrer Stiftung stößt man erst, wenn man sich mit der Geschichte einst bedrohter Haus- und Kulturprojekte befasst. Tatsächlich hat Ihre Stiftung etliche solcher Projekte gerettet und somit der Immobilienspekulation entzogen. Warum diese Bescheidenheit?

Weil wir uns von unserem Selbstverständnis her nicht um solche Projekte bewerben. Wir möchten Liegenschaften über viele Generationen hinweg für das Gemeinwohl sichern. Dafür braucht man Vertrauenskapital, und das setzt eine gewisse Bescheidenheit voraus. Wir werben nicht aggressiv um uns auf dem Markt, sondern wir wollen gefunden werden als diejenigen, die gefährdete Immobilien langfristig sichern. Unsere Werbung, das sind unsere laufenden Projekte. Sie sind die Botschafter für die neuen.

Ihre Stiftung wurde 1990 in Basel gegründet. Wie kam es, dass Sie auch in Berlin aktiv wurden?

Wir haben nicht danach gesucht. Einer Frau aus Deutschland, die in Basel wohnte, wurde nach der Wende ein Mehrfamilienhaus in Pankow rückübertragen. Sie bat mich, sie dabei zu begleiten. Da diese Frau keine Kinder und keine Familie hatte, überschrieb sie das Haus unserer Stiftung und erhielt im Gegenzug von uns eine Rente. Es war ihr ein Anliegen, dass wir die Wohnungen weiter langfristig sozial vermieten. Und dass wir die Montessori-Kindertagesstätte in dem Haus weiterführen. Dann kamen immer neue Anfragen.

Wie läuft so eine Rettungsaktion ab, wenn Sie einen Hilferuf von Hausbewohnern und Kulturgruppen bekommen?

Jedes Projekt verläuft anders, doch unsere grundsätzliche Zielsetzung ist es in jedem Fall, Immobilien langfristig zu sichern. Wir garantieren, dass die Stiftung diese Immobilien behält und nicht wieder verkauft, auch wenn sich die Nutzung und die Nutzer ändern sollten. Jede Immobilie soll langfristig und am Gemeinwohl orientiert zur Verfügung stehen.

Wer meldet sich bei Ihnen?

Es sind meist Haus- und Kulturprojekte, die gefährdet sind. Es gibt aber auch Eigentümer, die ein soziales Verständnis haben und nicht möchten, dass ihre Immobilie nach ihrem Tod in die Verwertungskette, also zum Weiterverkauf, kommt.

Solche Eigentümer gibt es wirklich?

Ja, es gibt tatsächlich mehr Leute, die mit ihrem Eigentum sozialverantwortlich umgehen, als man denkt. So wie die Dame mit dem Mehrfamilienhaus.

Nach welchen Kriterien gestalten Sie die Mieten?

Viele Häuser vermieten wir nicht selbst, sondern geben sie im Erbbaurecht an Hausgruppen und andere Betreiber ab. Dann sind diese Hausbesitzer und somit auch Vermieter. Wenn wir die Hausbesitzer sind, sprechen wir von der Kostenmiete. Wir orientieren uns grundsätzlich am Mietspiegel und liegen in vielen Fällen mehr oder weniger deutlich darunter.

Und das funktioniert?

Ja. Jedes Projekt muss sich finanziell tragen. Bei unseren eigenen Häusern stellen wir den Unterhalt der Immobilie langfristig sicher, auch Rücklagen werden gebildet. Wir können aber keine Spendengelder in eine Sanierung investieren.

Es gibt keine Luxussanierung, keine Fahrstühle, keine zusätzlichen Badezimmer. Wir halten die Immobilien auf einem guten Standard. Wo wir Überschüsse erzielen, unterstützen wir damit Kulturprojekte. Das sind in der Schweiz und in Deutschland bis zu zwei Millionen Euro im Jahr.

Wie viel Geld steht Ihnen zur Verfügung?

Das heutige Liegenschaftsvermögen beläuft sich auf etwa 250 Millionen Franken, das sind ungefähr 200 Millionen Euro. Dazu muss man wissen: Uns hat zur Gründung niemand ein riesiges Vermögen übergeben. Wir sind mit einer Idee und wenig Geld gestartet und im Laufe der Jahre mit unseren Projekten gewachsen. Es ist ja nicht so, dass wir jedes Projekt allein finanzieren. Wir arbeiten mit zinsgünstigen Krediten von alternativen Banken sowie mit Darlehen und Schenkungen. Wir überlegen jedes Mal, wie wir ein Projekt am besten finanzieren können.

Wer vertraut Ihnen sein Geld an?

Es sind Menschen, die unsere Idee unterstützen und ihr Geld nicht auf der Bank deponieren. Ihnen ist wichtig, was mit ihrem Vermögen passiert. Sie haben ein anderes Bewusstsein als der Durchschnitt.

Wenn ein Hausprojekt um Hilfe bittet, wie gehen Sie da vor?

In der Rigaer Straße 78 etwa, einem ehemals besetzten Haus in Friedrichshain, gab es 2008 die Bitte, wir mögen doch im Konflikt zwischen Hauseigentümer und den Nutzern vermitteln. Wir fanden einen Draht zu beiden Seiten, konnten die Immobilie erwerben und im Rahmen eines Erbbauvertrages an die Hausgruppe übergeben.

Der Eigentümer könnte sein Haus doch meistbietend verkaufen, anstatt sich mit Ihrer Stiftung auf einen sicherlich weitaus niedrigeren Kaufpreis zu einigen.

Oftmals belasten die Konflikte mit ihren Mietern die Eigentümer. Manche haben den Widerstand der Bewohner unterschätzt und wollen da schnell raus. Da gibt es eine Güterabwägung: Die Eigentümer können verkaufen und gleichzeitig ihr Image retten, ohne dass es zu einer Räumung kommt. Und sich um andere Dinge kümmern.

Wie positionieren Sie sich in solchen Konflikten?

Wir wollen deeskalierend einwirken und eine pragmatische Lösung finden. Am Ende müssen alle Beteiligten Ja sagen und einen Vertrag unterschreiben. Wenn es den Beteiligten aber nur um den Konflikt geht, sind wir die falschen Ansprechpartner.

Wir lange dauern solche Verhandlungen?

Der Schokoladen ...

… ein alternatives Wohn- und Kulturprojekt in Mitte ...

… war vielleicht nicht der längste, aber sicherlich einer der anspruchsvollsten Fälle. Es gab 2012 viele Proteste und Demos. Das Land Berlin hat sich um eine friedliche Lösung bemüht, um das Projekt zu erhalten. Solche Verhandlungen, vom ersten Kontakt bis zum Notartermin, dauern oft etwa ein Jahr.

Bei den Weddinger Uferhallen hatten Sie hingegen keinen Erfolg. Das Kulturareal mit seinen Ateliers ging an die umstrittenen Samwer-Brüder. Die Künstler fürchten nun den Rauswurf.

Das war eine Preisfrage. Die Samwer-Brüder haben, nach allem was man hört, den spekulativen Preis bezahlt, der aufgerufen war und der weit über dem Verkehrswert lag. Unter diesen Bedingungen ist eine längerfristige Kulturarbeit dort nicht mehr möglich. Aber das ist nun mal die Realität in Berlin.

Welche Entwicklung sehen Sie auf dem Berliner Immobilienmarkt?

Der Berliner Markt spielt verrückt. Die Angebote sind nur noch preisgetrieben. Auf Grundlage sozialer Verantwortung wird hier gar nichts mehr verkauft. Das ist längst vorbei.

Wird es für Ihre Stiftung aussichtslos, sich in Berlin zu engagieren?

Es wird deutlich schwieriger. Wir beobachten, dass immer mehr Künstler- und Wohnprojekte auf das Land ziehen. Dort gibt es noch die Freiräume – und Preise, die Berlin nicht mehr hat. Wir wollen solche Projekte im Umfeld von Berlin ermöglichen. Auch Leipzig ist jetzt für manche Berliner ein Ausweichort geworden, um dort ihre Wohnprojekte zu realisieren.

Verringern sich Anfragen aus Berlin?

Wir bekommen ständig Anfragen von hier. Aber wir müssen immer häufiger absagen, weil die Kaufpreise im Verhältnis zu den Mieteinnahmen so hoch sind, dass es sich für die Bewohner gar nicht mehr rechnen würde, wenn wir das Haus übernehmen, oder wir es im Erbbaurecht an die Bewohner abgeben würden und dann auch noch Investitionen anstehen. Die Bewohner müssten dann freiwillig mehr Miete zahlen, die aber zu hoch für sie ist. Und für uns wäre der Kauf rein wirtschaftlich nicht mehr umsetzbar.

Woran liegt das?

Die Preisvorstellungen der Eigentümer sind oft hochspekulativ. Die Bodenpreise haben sich in einigen Vierteln im Laufe eines Jahres verdoppelt, etwa in Neukölln. Die Bodenwerte steigen, teils massiv, aber die Einkommen der Mieter eben nicht im selben Maße.

Was würden Sie dem Senat angesichts dieser Entwicklungen raten?

Ich möchte mich mit Ratschlägen zurückhalten, wir sind Gast in dieser Stadt. Ich kann aber sagen, was wir in Basel getan haben. Dort haben wir eine Gesetzesinitiative gestartet, dass der Kanton Basel-Stadt sein eigenes Land nicht mehr verkaufen, sondern nur noch im Erbbaurecht abgeben darf. Zwei Drittel der Abstimmenden haben 2016 dafür gestimmt. Das ist jetzt Gesetz. Staatlicher Grund und Boden bleibt in Basel staatlich.

Berlin hat viele seiner Flächen längst verkauft.

Das war sicherlich keine gute Entscheidung. Nun ist vielleicht das Vorkaufsrecht der Bezirke ein gutes Instrument. Es gibt mittlerweile Hauseigentümer, die uns deswegen ihre Immobilie anbieten.

Was denken Sie, wie wird sich Berlin weiterentwickeln?

Es leben hier viele junge und kreative Menschen mit spannenden Projekten, die Stadt hat eine starke Zivilgesellschaft. Das ist ein Riesenkapital, auch wenn es immer mehr Spekulation und Verteuerung gibt. Wenn es gelingt, diese Menschen und die Innovationskraft ihrer Projekte in der Stadt zu halten, könnte Berlin ein Beispiel sein für ein gutes Zusammenleben und Zusammenarbeiten in einer lebendigen Stadt.