Antisemitische Übergriffe, beschmierte Stolpersteine, Beleidigungen und verbale Angriffe gegen Juden in dieser Stadt haben uns in den vergangen Monaten beschäftigt. An Berliner Schulen gab es Zwischenfälle, die auf tief sitzende Vorurteile hindeuten. Für die Lehrkräfte, die damit umgehen müssen, bleibt der Umgang damit eine von vielen Aufgaben für das neue Schuljahr. Über Antisemitismus auf dem Schulhof, wie sich Juden dabei fühlen und die Hintergründe von Judenfeindlichkeit haben wir uns mit dem Rabbiner Daniel Alter unterhalten.

Daniel Alter, lange Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, wurde 2012 selbst Opfer einer heftigen körperlichen Attacke direkt vor seiner eigenen Haustür in Schöneberg.

Herr Alter, in Friedenau, wo Sie lange gewohnt haben, ist in diesem Jahr ein jüdischer Schüler solange von Mitschülern drangsaliert worden, bis die Eltern ihn von der Schule genommen haben. War das ein spezielles Problem an dieser einen Schule?

Das Problem gibt es an allen Schulen im ganzen Bundesgebiet. Das Wort Jude wird täglich auf Schulhöfen als Schimpfwort benutzt. Jüdische Schüler werden häufiger angepöbelt und diskriminiert. Das ist Sachstand an deutschen Schulen.

Aber es ist doch nicht jede Schule eine No-go-Area für Juden?

Man kann von Hotspots reden, wo es problematischer ist. Das verbale Mobbing gibt es aber an allen Schulen, dort, wo die Schüler muslimischen oder arabisch-türkischen Background haben, aber auch an anderen Schulen. Judenhass haben wir auch in der Kerngesellschaft.

Was sind die Ursachen für diesen Antisemitismus?

Man kann davon ausgehen, dass 20 bis 25 Prozent der Menschen in Deutschland antisemitische Vorurteile haben. Das sind oft pauschale Bewertungen: Die Juden kontrollieren die Medien und die Politik, die Juden manipulieren die Finanzmärkte. Die Probleme am rechten Rand der Gesellschaft sind hinlänglich bekannt. Dazu muss ich nichts mehr sagen. Am linken Rand gibt es vor allem einen israelbezogenen Judenhass, der wird mit dem Nah-Ost-Konflikt gerechtfertigt. In der arabisch-islamisch-türkischen Community gibt es seit 1300 Jahren eine hochproblematische Beziehung zu Juden. Es ist historisch bedingt. Mohammed hatte erwartet, dass auch die Juden seiner neuen Religion folgen würden. Als sie das abgelehnt haben, hat er einen blutigen Krieg gegen die Juden geführt. Es gibt eine Menge problematische Suren im Koran: Juden sind die Söhne von Affen und Schweinen, man soll keine Juden als Freunde haben. Der gelbe Stern als Stigmatisierung der Juden war keine Erfindung der Nazis. Das fing im achten Jahrhundert unter islamischer Herrschaft an. Das hat alles eine sehr lange Tradition und Organisationen wie Hisbollah und Hamas greifen das immer wieder auf. Und die haben auch in Neukölln Niederlassungen.

Und warum hassen Berliner mit türkischen Wurzeln Juden?

In der türkischen Gesellschaft sind Verschwörungstheorien sehr populär. Als es zum Beispiel die Auseinandersetzungen um den Gezi-Park gab, wurde gesagt, dass sei gar kein türkisches Problem, sondern werde von gewissen internationalen Kreisen hochgepusht. Das ist ein Code-Wort, in Deutschland nannte man so in den 30er Jahren das Weltjudentum. Problematisch sind auch Filme wie zum Beispiel „Tal der Wölfe“, da wurde eine Ritualmordlegende wieder aufgewärmt und der hatte Erfolg auch in Berlin, die Kinos waren voll.

Gibt es in Berlin ein besonderes Antisemitismus-Problem?

In Berlin ist das Problem nicht größer als im Rest von Deutschland. Es gibt Orte innerhalb Berlins, an denen es schwieriger ist und andere Teile der Stadt, in denen man relativ unbehelligt ist. Aber es ist nicht nur ein Problem der muslimischen Gesellschaft. Antisemitismus gibt es in allen Teilen der Gesellschaft und auch bei allen Religionen.

Sie sind lange mit dem Thema Antisemitismus befasst. Was kann man dagegen tun?

Es ist schwierig und auch nervig. Nur ein Beispiel: Zu mir kam einmal eine jüdische Kitaerzieherin, die im Beisein von Kindern von einer islamischen Kollegin angepöbelt wurde: Euch Juden sollte man doch alle vergasen. Sie hat sich bei der Kitaleiterin beschwert und die sagte: Sie müssen mit der Person nicht mehr in einem Raum arbeiten. Das war alles. Oder eine Lehrerin, die hatte einen Brandbrief über antisemitische Äußerungen von migrantischen Schülern in ihrer Klasse geschrieben. Da wurde gesagt, sie hätte doch nicht an die Öffentlichkeit gehen müssen. Das ist ein gravierendes Problem.

Weil es nur zugebuddelt wird?

Ja, besser man sieht und hört es nicht. Es ist stark tabuisiert. Aber das ist natürlich vollkommen falsch. Man müsste damit umgehen. Und das fehlt völlig, wenn es um den Judenhass aus der islamischen Community geht.

Aber es gibt doch Initiativen, die in die Schulen gehen und aufklären?

Ja, sicher. Es gibt Meet to Respect, Violence Prevention Network und ähnliches. Aber das reicht nicht. Antisemitismus ist kein Kampf für die Juden. Es geht um eine Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft. Diese Kultur des Wegguckens gemischt mit dem relativ weit verbreiteten Antisemitismus ist ein Nährboden, auf dem der Judenhass in den migrantischen Communitys bestens gedeihen kann. Da gibt es Wechselwirkungen.

Was ist das Problem mit den Initiativen, die sich um Aufklärung bemühen?

Da toben sich ein paar Leute aus, die aus einem fragwürdigen Background heraus in die Schulen gehen. Sie sagen dann, es sei ja gar kein Antisemitismus, sondern nur eine Reaktion auf eine grauenhafte israelische Politik.

So wird relativiert?

Es ist viel schlimmer. Judenhass ist Rassismus. Ungleichwertigkeitsideologien haben keine rationale Grundlage. Wenn man sagt, der Hass auf Juden ist begründet durch den Nah-Ost-Konflikt, hat man sofort für Judenhass eine logische Begründung. Das ist verheerend. Damit wird auch die Idee der Kollektivschuld akzeptiert. Ich dachte, das wäre überwunden.

Überspitzt heißt das ...

…wenn ein muslimischer Migrant aktiv Juden hasst, ist er prima in die deutsche Gesellschaft integriert.

Das ist zynisch.

Ja, das ist vollkommen überspitzt.

Und druckreif formuliert?

Die Bekämpfung von Antisemitismus wird nicht ausreichend koordiniert. Und die Menschen aus dem linken Spektrum, die immer mit dem Nah-Ost-Konflikt argumentieren, richten Schaden an. Ich finde das frustrierend.

Was ist mit Symbol-Aktionen wie zum Beispiel die Tandemfahrten, die Sie mit Muslimen unternommen haben? Ist so etwas sinnvoll?

Das ist schon okay. Ich frage mich aber öfter, ob es über plakative Aktionen hinaus geht. Das langt nicht, es muss in die Tiefe gehen. Es gibt Probleme. Auch die islamischen Organisationen müssen in die Gesellschaft gehen und sich damit mal befassen. Man kann damit umgehen und das überwinden. Im Christentum hat sich das ja auch verbessert.

Macht die Politik alles richtig?

Nee, der Auftritt des Regierenden Bürgermeisters nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz gemeinsam mit Leuten, die der Hamas nahestehen, war ein solcher Fehler.

Sie erwarten, dass die Berliner Politik sagt, was ist?

Ich würde erwarten, dass klar Stellung bezogen wird. Bevor zum Beispiel ein Staatsvertrag geschlossen werden kann, müsste auch, was dieses Problem betrifft, einmal Druck ausgeübt werden. Mir sind keine Initiativen aus der islamisch- türkisch-arabischen Community bekannt, die sich mit Antisemitismus befassen, die das überhaupt als Problem akzeptieren.

Verändern sich antisemitische Positionen in unserer Gesellschaft?

Sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen und es wird aggressiver. Ich habe lange für jüdische Institutionen gearbeitet. Früher waren die antisemitischen Schreiben anonym und von Rechtschreibfehlern durchsetzt. Heute unterzeichnen die Schreiber, es sind akademische Grade dabei und auch Lehrer.

Sie tragen eine Kippa, aber die verdecken Sie in der Öffentlichkeit mit einem Hut. Ist es so gefährlich in Berlin, sich offen als Jude zu zeigen?

Das mache ich schon sehr lange so. Ich habe damit begonnen, lange bevor ich angegriffen wurde. Meine Frau hatte Bedenken, immer wenn ich mit den Kindern rausging. Ich habe dann eine Baseballkappe aufgesetzt. Da konnte man aber hinten die Kippa durchsehen. Irgendwann bin ich mal identifiziert worden.

Nicht nur das. Sie sind 2012 überfallen worden. Sie haben einen Jochbeinbruch erlitten. Fühlen Sie sich trotzdem in Berlin sicher?

Ich habe keine Angst. Das war ein gravierendes Erlebnis, aber ich habe kein Trauma davongetragen. Ich bewege mich in Berlin genauso wie vorher. Na ja, ich habe jetzt halt den Hut. Anfangs habe ich ihn meiner Frau zuliebe aufgesetzt, jetzt mache ich das aus Einsicht. Es hat mich einmal getroffen. Das muss ich nicht noch mal haben.

Also hat sich etwas verändert?

Das schon, ich lasse mich nicht mehr identifizieren, bewege mich aber sonst völlig frei in Berlin.

In Neukölln auch? Nach dem Überfall sprachen Sie von No-go-Area.

Das habe nicht nur ich gesagt. Der damalige Bürgermeister, Heinz Buschkowsky hat zum Beispiel gesagt, er würde mir nicht raten, nachts um halb zwei mit meiner Kippa durch Neukölln zu spazieren. Jetzt lassen Sie uns diesen wundervollen Satz weiterdenken: nachts um halb zwei nicht, das heißt auch nicht um halb drei, um halb vier, um halb fünf. Wann darf ich denn dann wieder? Damit hat er bestätigt, was ich gesagt habe. Das hat auch der Islamismus-Experte Ahmad Mansour mal gesagt und sogar Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime hat es mal gesagt: Es ist gefährlich.