Berlin - Mieze, Andy, Bob, Gunnar, der Name des aktuellen Mia.-Albums lautet „Tacheles“. Was denkt ihr über die Situation des Kunsthauses?

Mieze: Man kann den Hof nicht mehr betreten, der ist jetzt videoüberwacht, es gibt eine Mauer … Ich kann nur empfehlen, die letzten Tage des Tacheles zu nutzen, um die Künstler, die dort seit so vielen Jahren ihre Ateliers haben, zu besuchen. Die haben alle eine super krasse Geschichte zu erzählen, viele davon machen interessante Kunst – das hat sich bis nach Japan rumgesprochen, dass es in Berlin so ein Haus gibt. Es gibt im Tacheles Künstler von überall auf der Welt, das war schon immer das Besondere an Berlin und ich hoffe, dass es das auch bleiben wird – unabhängig davon, ob jetzt speziell dieser Ort existiert oder nicht.

Habt ihr denn den Eindruck, dass die Stadt solche Projekte – trotz internationaler Bekanntheit – kaputt macht?

Mieze: Berlin hat sich schon immer verändert, es gab immer solche Phasen und solche.

Also kein Bedauern sondern Optimismus, dass es immer weitergeht?

Gunnar: Ja, ich denke auch, dass viele Berliner das so betrachten: wenn an einer Stelle etwas zumacht, dann gibt es an einer anderen halt etwas Neues. Trotzdem kann man in Bezug auf die letzten Jahre schon sagen – keine Ahnung, ob es an der Personalunion aus Bürgermeister und Kultursenator liegt – dass diese Stadt es immer wieder schafft, sich einen Arm abzuschneiden, wo dann tatsächlich relativ viele Standorte verschwinden. Für mich ist das beste Beispiel der Palast der Republik, was man da alles draus hätte machen können, wenn man gewollt hätte, anstatt ein beklopptes altes Schloss nachzubauen, was keine Sau braucht und das keiner bezahlen kann. Oder die Galerie CO Berlin...

Mieze: Ich finde es ja auch schade, dass so etwas wie das Tacheles wegfällt, was über die Jahre gewachsen ist. Aber man muss auch sagen: diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren eindeutig abgezeichnet, ich bin davon überhaupt nicht überrascht. Das ist einfach eine Konsequenz und jeder Berliner hat ein Stück weit dazu beigetragen.

Wird eurer Meinung nach zu wenig protestiert?

Andy: Gunnar hat schon Recht, dass bestimmte Leute sich aus Bequemlichkeit nicht an den Palast der Republik gekettet haben. Auf der anderen Seite haben Leute – anstatt die Zeit damit zu verbringen, zu sagen „wir wollen das Alte erhalten“ – dann einfach woanders weitergemacht. Das ist fast so wie bei Andy Warhol: Abreißen, Neues bauen. Für mich gibt es da kein richtig oder falsch. Allerdings finde ich es in dem Bereich Kunst und Kreativität schwierig, sich auf staatliche Unterstützung verlassen zu wollen. Freie Kunst heißt für mich freie Kunst und das heißt auch die komplette Härte des Lebens.

Geht es euer Ansicht nach bei dem Kampf um kulturelle Orte in Berlin auch um Indie vs. Mainstream?

Andy: Die Frage riecht natürlich schwer nach dem Thema Gentrifizierung. Ich habe darüber in letzter Zeit viel nachgedacht, ich wohne auch im Prenzlauer Berg, wo man gerne mal als Gentrifizierer beschimpft wird, der dort seinen Lebensstil pflegt und keine Ahnung hat, wie es früher war. So was hört man sich mitunter auch von Leuten an, die gerade das zweite Mal in Berlin zu Besuch sind – und dann frage ich mich: „Was willst du mir eigentlich erzählen?“ – Letzten Endes besteht die Geschichte dieser Stadt schon immer aus Aufbau, Zerfall, Verschieben und woanders anfangen.

Das ist aber nicht immer einfach..

Andy: Ich verstehe die Ängste, dass man einen Klub oder einen Proberaum hat, dann wird das Haus gekauft, saniert, die Mieten so hoch gezogen, dass man dort nicht mehr seine Kunst machen kann... Aber das liegt nicht an irgendwelchen doofen Leuten, sondern an dem System, in dem wir leben. Wenn man dann sagt „dieses Verdrängen ist Scheiße, aber alles andere von diesem System wollen wir trotzdem haben“, dann finde ich das inkonsequent.

Das Gespräch führte Jakob Buhre.