Dietmar Robben will keinen Fotografen dabei haben, auf gar keinen Fall. Auch über sein Privatleben wird er im Interview nichts erzählen, betont der langjährige Geschäftsführer der Kreuzberger Autovermietung Robben & Wientjes. Zum ersten Mal spricht der 64-Jährige mit einer Tageszeitung ausführlich über die Geschichte seiner Firma, die er vor 40 Jahren in Berlin mitgründet hat. Im vergangenen Jahr haben Dietmar Robben und Ulrich Wientjes ihren Betrieb an den Konkurrenten Buchbinder verkauft. Für ein Treffen schlägt Dietmar Robben ein Hotel in Mitte vor. Zum Termin erscheint ein unauffällig gekleideter Herr in kariertem Hemd und Jeans.

Herr Robben, drei Jahre habe ich mich um dieses Interview mit Ihnen bemüht. Nun haben Sie endlich zugestimmt. Vielen Dank! Man findet im Internet und in den Archiven kaum Infos über Ihr Leben und die Firmengeschichte. Es gibt nicht mal ein Foto von Ihnen. Warum meiden Sie so strikt die Öffentlichkeit?

Mein Privatleben hat nichts mit der Autovermietung zu tun. Ganz einfach. Punkt. Wir waren da, und es hat funktioniert.

Ihr Unternehmen ist eine stadtbekannte Institution. In Berlin kennt wohl jeder Ihre Firma. Wie hat es damals im Jahr 1978 mit Robben & Wientjes angefangen?

Wir hatten in einer Neuköllner Privatwohnung begonnen, später sind wir in ein Ladenlokal in der Neuköllner Hertzbergstraße gezogen.

Sie sind in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Weshalb sind Sie überhaupt nach Berlin gezogen?

Auf der Flucht vor Volk und Vaterland.

Wehrdienstverweigerer?

Ja.

Woher kannten Sie Ihren Geschäftspartner Ulrich Wientjes?

Wir kommen beide aus der selben Ecke in Nordrhein-Westfalen. Wir waren zehn Kilometer voneinander entfernt groß geworden, haben uns aber erst in Berlin kennengelernt. Wir haben damals Zeitungen ausgefahren und Essen auf Rädern. Wenn unsere Autos kaputt waren, mussten wir uns welche vom Verleih holen. Das ging aber immer nur tageweise. Wir brauchten die Autos aber nur für einige Stunden. Das war ärgerlich und kostete viel Geld. So entstand die Idee einer stundenweisen Autovermietung.

Und wann sind Sie dann mit Ihrer Vermietungsfirma nach Kreuzberg gezogen?

Das war dann 1984. Später haben wir das Gelände an der Prinzenstraße gekauft. Der frühere Bezirksbürgermeister Peter Strieder hat uns geholfen. Das war uns immer ganz wichtig, dass wir Eigentümer der Grundstücke sind und nicht nur Mieter. Nur so konnten wir langfristig sicher planen, und nur so konnten wir stetig wachsen. Vor allem die Fahrzeugflotte sollte größer werden, aber nur langsam. Wir wollten jedes Auto genau im Blick haben: Wie fährt es, welche Macken hat es. Denn wenn mit einem Mietwagen was passiert, und er irgendwo stehen bleibt, ist es ja so: Der Kunde sieht nicht ein gewöhnliches Auto eines bestimmten Herstellers mit einer Panne oder mit einem Serienmangel am Straßenrand. Er sieht ein kaputtes Auto von Robben & Wientjes. Das schmälert das Vertrauen.

Wer hatte die Idee, die Firma nach Ihren Nachnamen zu benennen?

Das passierte zwangsläufig. Wir hatten eine GbR gegründet, und da mussten wir als Inhaber unsere kompletten Namen angeben. Robben & Wientjes. Dabei blieb es dann auch. Bis heute denke ich, das war ein richtiges Signal: Wir stehen beide mit unserem Namen für diese Firma. Damals wurden ja auch diese neumodischen Designs für Firmen entwickelt, abstrakte Logos, die niemand verstand. Wir entschieden uns für die blaue Robbe mit dem Ball. Damit konnte jedes Kind etwas anfangen.

Manche Kunden verstanden das Logo aber auch falsch und dachten, Sie lieferten frischen Fisch.

Ja, vor allem, wenn unsere Wagen im Hamburger Raum unterwegs waren, bekamen wir das oft zu hören. Es gab auch mal einen Kunden, der kam ins Büro und wollte einen Wientjes mieten, weil er dachte, das sei ein größeres Auto als eine Robbe. Herr Wientjes stand selbst am Schalter und sagte dem Kunden, den Wientjes könne er nicht haben. Aber ein großes Auto.

Wie haben Sie sich die Arbeit geteilt?

Ich habe die Bereiche Technik und Einkauf betreut, Ulrich Wientjes hat sich vor allem um die Unfallbearbeitung gekümmert. Das ist der wichtigste Bereich einer Autovermietung, den muss man im Griff haben. Genau deswegen haben es andere Autovermietungen in Berlin nicht geschafft.

Waren Sie ein strenger Chef?

Wir hatten immer eine extrem flache Hierarchie, nie von oben herab. Das galt auch für unsere Kunden. Aber unsere Mitarbeiter sollten auch nicht jeden gleich duzen. Da muss man ein Gefühl dafür haben, wo es passt und wo nicht.

Wie haben Sie die 80er-Jahre in West-Berlin erlebt?

Wir hatten damals schon einen ziemlich guten Ruf, auch bei Musikgruppen. Bands wie Die Toten Hosen, die Ärzte und die Einstürzenden Neubauen haben für ihre Tourneen unsere Autos gebucht. Die hatten damals ja noch nicht so viel Geld. Ich habe die Toten Hosen selbst mal durch Berlin zu einem Interviewtermin gefahren.

Konnte niemand von der Band Auto fahren?

Das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls hatte die Band zu diesem Zeitpunkt keinen Fahrer. Da bin ich eingesprungen. Zurück zu den 80ern: Für uns als Autovermieter gab es damals das generelle Problem, dass wir mit den Leihwagen keine öffentlichen Parkplätze belegen wollten.

Darüber hätten sich Anwohner geärgert.

Genau. Also suchten wird zum Abstellen immer abgelegene Plätze. Und wir suchten sichere Grundstücke, die man mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichen kann. Das hat an allen Standorten gut geklappt. Obwohl uns der Senat damals geraten hatte, wir sollten mit unserer Autovermietung doch besser an den Stadtrand ziehen. Aber was hätte das für eine Autokarawane zur Folge gehabt! Wo doch die meisten Kunden den Mietwagen für Transporte in der Innenstadt brauchen!

Wie haben Sie es in all den Jahren überhaupt geschafft, einen Mietpreis von 2,50 Euro pro Stunde für einen Pritschenwagen zu halten?

Das lag an der hohen Auslastung unserer Wagen. Je häufiger wir ein Auto am Tag verliehen haben, desto geringer war die Zeit, in der es ungenutzt in der Filiale stand. Es sollte keine Lücken geben. Deshalb beraten wir unsere Kunden auch immer noch am Telefon: Was soll transportiert werden? Wie groß muss der Wagen sein? Welche Mietzeiten sind noch möglich, wenn in der gewünschten Zeit kein Wagen mehr frei ist.

Das ist ja auch so eine Besonderheit Ihrer Vermietungspraxis: Online-Buchungen sind bis heute nicht möglich.

Aus gutem Grund: Wir kriegen nur auf diese Weise eine hohe Auslastung hin, die die geringen Leihgebühren ermöglicht. Unsere Programmierer haben alles ausprobiert, was online technisch möglich ist. Doch wir haben bei allen Tests festgestellt: Per Telefon geht es am schnellsten, den Kunden in kürzester Zeit alle verfügbaren Fahrzeuge zu nennen. Online würde es bedeutend länger dauern. In diesem Falle ist das Internet einfach mal nicht konstruktiv.

Als Unternehmer und Firmenchef bekamen Sie sicher etliche Einladungen zu Empfängen und Veranstaltungen. Sind Sie dahin gegangen?

Wir haben keine Einladungen bekommen. Aber wir wären sicher auch nicht hingegangen.

Wie erinnern Sie sich an die Zeit des Mauerfalls?

Vor dem Mauerfall befand sich unsere Kreuzberger Filiale direkt im Schatten der Mauer. Dann wurde die Grenze geöffnet, und wir erlebten ein ganz neues Phänomen in der Stadt. Es gab Staus. Da mussten wir noch genauer schauen, wo wir eine neue Filiale eröffnen. An der Prenzlauer Allee passte es dann gut. Bei dieser Filiale ging es nicht darum, dass sie im Ostteil war, sondern dass man sie gut mit S-Bahn und Straßenbahn erreichen konnte.

Wer waren Ihre Kunden?

Alle Bevölkerungsschichten. Auch Ministerien und Behörden. Und sogar Mitarbeiter von der Konkurrenz. Aber sicher nur privat. Unsere Autos wurden für alles Mögliche gemietet: für Umzüge, für Einkäufe in Bau- und Möbelmärkten, als Lautsprecherwagen für Demos.

Worüber haben Sie sich in Berlin am meisten geärgert?

Was mir immer ziemlich auf den Keks gegangen ist, war das Beharrungsvermögen der Behörden. In der Prenzlauer Allee zum Beispiel haben wir einen Teil unseres Grundstücks an die Stadt abgetreten, weil die Straße verbreitert wurde. Wir wollten auf dieser Fläche einen Radfahrerspiegel für die Autos aufstellen lassen, damit die Autofahrer vor dem Abbiegen zur Filiale sehen, wann die schnell fahrenden Radfahrer kommen. Wir hätten die Kosten für den Spiegel übernommen, aber wir sind an den Behörden gescheitert.

Wie lange haben Sie verhandelt?

Drei Monate, am Ende ohne Erfolg. So erging es uns auch an unserem Standort Scharnweberstraße. Dort ist es für Radfahrer noch gefährlicher, weil Miet-LKW-Fahrer, die auf unser Grundstück kommen, die Radfahrer nicht sehen. Wir konnten den Bezirk Reinickendorf aber nicht überzeugen, wie notwendig ein Fahrradspiegel an dieser Stelle ist. Diese Sturheit der Behörden kann ich bis heute nicht verstehen. Und das nervt.

Gefällt Ihnen die Stadt dennoch?

Berlin ist schon okay. Sonst würde ich nicht hier wohnen.

Wie groß war Ihre Fahrzeugflotte?

Wir hatten 1000 Fahrzeuge. An den Wochenenden hätten wir die doppelte Menge gebrauchen können. Unsere Autos haben europaweit jedes Jahr 50 Millionen Kilometer zurückgelegt.

Vor zwei Jahren überlegten Sie, Ihre Firma zu verkaufen. Warum?

Es sind vor allem die vielen Neuregelungen und Beschränkungen im Autoverkehr, die uns dazu gebracht haben. Unsere Wagen sind deutschland- und europaweit unterwegs. Doch sie kommen längst nicht mehr ungehindert überall hin, etwa in die Innenstädte von Stuttgart, Paris, Lyon oder London. Es wird immer komplizierter für unsere Kunden. Das hat für uns keinen Sinn mehr gemacht. Doch wir wollten unsere Standorte erhalten und unsere Mitarbeiter langfristig absichern. Aber die Interessenten für unsere Firma waren nicht bereit, Geld in die Hand zu nehmen und auch die Grundstücke zu kaufen. Wir haben mit etlichen verhandelt. Autovermieter in Berlin mieten heutzutage nur noch Grundstücke.

Waren die Grundstücke zu teuer?

Es ging um einen halbwegs vernünftigen Verkehrswert.

Am Ende hat dann Buchbinder Ihre Firma gekauft, allerdings ohne die Grundstücke in der Prinzenstraße und der Prenzlauer Allee. Nun werden beide Filialen schließen, weil sie von den Flächen runter müssen.

Es hätte genügend Grundstücke in der Innenstadt gegeben, eine neue Filiale zu errichten.

Was werden Sie nach all den Jahren in guter Erinnerung behalten?

Uns war immer wichtig, dass wir das Unternehmen im Sinne unserer Kunden weiterentwickeln. Wir sind zum Beispiel die einzige Autovermietung, die alle Fahrzeuge mit einem Fehlbetankungsschutz ausgestattet hat. Damit unsere Kunden nicht versehentlich Benzin in einen Dieseltank füllen. Ach, und was mir zum aktuellen Dieselurteil noch eingefallen ist …

Ja bitte!

Bereits 1994 hatten wir den Prototyp eines Elektrofahrzeugs entwickelt. Der Wagen hatte eine Zulassung vom TÜV, und wir hatten uns schon den passenden Spruch ausgedacht: „Mit Sack und Pack in den Elektrotruck.“ Leider konnten wir das Projekt nicht fortführen. Die Kapazität der Batterien reichte nur für 60 bis 70 Kilometer – viel zu wenig.

Welche Pläne haben Sie nach dem Verkauf von Robben & Wientjes?

Ich weiß es noch nicht. Wir haben ein Vermiet-Programm entwickelt. Vielleicht hat das eine Zukunft. Ich weiß nur, dass ich keine Lust mehr habe auf diesen Vermietungsstress.