Oliver Koletzki, welches Geräusch verbinden Sie aktuell mit Berlin?

Das Klirren von Flaschen. Ich wohne in Friedrichshain, da gibt es viele dieser armen Seelen, die ihr Geld mit Pfandflaschen zusammenkratzen müssen.

Kommt es heutzutage immer mehr darauf an eigene Sounds zu haben – angesichts des Überangebots an elektronischer Musik?

Ich suche keinen Sound, um mich zu unterscheiden. Wobei ich diese Einstellung durchaus verstehen kann. Es kommen ja auch die ganze Zeit neue Software-Synthesizer heraus, weil der Verbrauch unglaublich groß ist. Weil jeder Dreizehnjährige denkt, dass er mit den heutigen Musikprogrammen fette Musik machen kann.

Kann er doch auch.

Ja. Und das ist halt schlimm! Damit meine ich jetzt nicht den 13-Jährigen und seine musikalische Qualifikation, sondern dass die neuen Musikprogramme dem 13-Jährigen suggerieren, er könne jetzt ganz toll Musik machen und dass er dann gleich ein Star ist. Das nervt mich.

Die Firmen kreieren einen Traum ...

Genau. Und in Berlin will jeder DJ werden, will jeder gleich Geld dafür bekommen, auf der Bühne stehen und ein Star werden. Doch dafür gibt es selbst in Berlin zu wenig Clubs. Bei meinem Label „Stil vor Talent“ bekommen wir pro Stunde zwei bis drei Demos zugeschickt. Und oft merke ich: Derjenige hat das erste Mal vor zwei Wochen das Programm Ableton aufgemacht – will aber sofort der neue Sven Väth werden. Das haut nicht hin.

Sie selbst haben Musik an der Berliner Hochschule der Künste gelernt ...

Ich habe dort nicht Musik, sondern Musikwissenschaft studiert, weil ich keinen anderen Studienplatz bekommen habe.

Und?

Es war der Horror und stinklangweilig! Allerdings hatte ich vorher in Berlin mein Abitur nachgemacht, mit Leistungskurs Musik. Und da hatte ich einen sehr guten Lehrer, da habe ich viel gelernt, was mir heute weiterhilft.

Seit einigen Jahren fällt in Bezug auf Berlin immer öfter das Wort „Ballermann“. Sehen Sie diese Tendenz auch?

Der Ansturm hat ein bisschen zugenommen, aber ich empfinde es nicht als so schlimm. Klar werden hier kübelweise Touristen-Busse mit Minderjährigen ausgekippt, die sich besaufen wollen. Es laufen aber keine Leute mit Plastikeimern auf dem Kopf durch die Simon-Dach-Straße. Und vor 18 Uhr ist das ja die normalste Straße der Welt. Wobei: Vor der Fußball-Weltmeisterschaft habe ich schon ein bisschen Angst. (lacht)

Während der Ansturm zunimmt, steigen zum Teil auch die Eintrittspreise der Clubs. Ihre Stil vor Talent-Veranstaltung „Villa Kunterbunt“ kostete im Januar 18 Euro.

Es gab im Vorverkauf auch Tickets für 12 und 15 Euro. Und das Line-up war größer als bei einer normalen Club-Party. 18 Euro sind sicher nicht ohne und ich weiß, dass das die Schmerzgrenze ist. Das Letzte was ich will, ist den Kids Geld aus der Tasche ziehen. Das ist auch Teil der Philosophie von Stil vor Talent, weil ich selber weiß, wie es ist, kein Geld zu haben, da ich die meiste Zeit meines Lebens überhaupt kein Geld hatte, sondern eher Schulden.

Wann hatten Sie denn Ihren persönlichen Durchbruch mit der Musik?

Als ich nach Berlin gekommen bin, hatte ich erstmal nur Bafög. 2005 habe ich das Stück „Mückenschwarm“ rausgebracht , das war ein Hit, musste dann aber erst noch drei Jahre lang Schulden abbezahlen. Da hatte sich Einiges angehäuft,

Da scheint wenig übrig geblieben zu sein von Ihrem Banker-Ausbildung.

Drei Jahre! Es war eine der schlimmsten Zeiten in meinem Leben. Das habe ich in meinem Speicher da oben alles gelöscht und mit positiven Sachen neu besetzt.

Die Karten für Ihren heutigen Auftritt, beim A&P Berlin Summer Rave, bekommt man nur im Supermarkt. Stört Sie das?

Mir ist bewusst, dass es ein eher kommerzielles Event ist. Da ist immer die Frage, wie eng man das sieht. Denn auch beim Melt oder beim Sonne, Mond, Sterne-Festival gibt es riesige Sponsoren, die große aufblasbare Bierflaschen auf dem Gelände aufstellen. Das mit den Tickets im Supermarkt ist ungewohnt, aber es wäre kein Grund für mich, dort nicht zu spielen.

Sie setzen mit einem Gig beim Summer Rave also nicht Ihre Credibility aufs Spiel?

Sicher gibt es in Berlin ein paar Leute, die deswegen die Augen verdrehen. Das nehme ich denen auch nicht übel. Aber ich bin ja letztendlich auch von meinen Produktionen her total im Mainstream angesiedelt. Die Sachen, die ich rausbringe, gehen alle in die Amazon- und Itunes-Charts. Ich bin kein Geheimtipp im Underground – mich kennt man schon.

Das Gespräch führte Jakob Buhre.