Thomas Krüger hat in Hoppegarten Reiten gelernt, in Friedrichshain vor Punks gepredigt und sich in Kreuzberg für ein Wahlplakat nackt ausgezogen. Heute leitet der ehemalige Pfarrer, Innenstadtrat und Jugendsenator die Bundeszentrale für politische Bildung. Er arbeitet am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie und wohnt in Wilmersdorf.

Ihr Berliner Leben fing am Stadtrand an, nahe der Pferderennbahn Hoppegarten. Wie kam es dazu?

Mein Vater hat eine Pfarrstelle in Neuenhagen bekommen, da war ich sechs. In Neuenhagen bin ich zur Schule gegangen, in Hoppegarten war ich reiten. Jeden Morgen habe ich das Training mitgemacht, in einem richtig guten Rennstall mit einem der besten Jockeys und dem DDR-Hürdenchampion. Mein Vater hat die Kinder der Jockeys getauft, daher kannten wir uns alle.

Hatten Sie Talent als Reiter?

Ach, ich bin viel zu schnell gewachsen.

Mal vom Pferd gefallen?

Ja. Das war traumatisch. Weil ich gleich zweimal gefallen bin. Einmal vom Pferd und in der Nacht darauf im Traum vom Doppelstockbett. Gehirnerschütterung und Schlüsselbeinbruch.

Erste Verhaftung 1979

Sie zählten zu den Oppositionellen in der DDR, einem dieser Pfarrer mit Rauschebart. Wie sind Sie vom Rennstall Hoppegarten in die Bürgerbewegung geraten?

Ich habe eine Ausbildung zum Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung mit Abitur in Fürstenwalde gemacht und dort über eine Schulfreundin die Havemanns kennengelernt und auch Wolf Biermann, noch vor der Ausweisung. Das war 1976. Das erste Mal verhaftet wurde ich 1979, als Havemann seinen Devisenprozess im Kreisgericht Fürstenwalde hatte.

Warum wurden Sie verhaftet?

Ich wollte mit ins Gericht.

Zweite Verhaftung während Armeezeit

Und die zweite Verhaftung?

Das war während meiner Armeezeit in Brandenburg. Hohenstücken, Mot.-Schützenregiment.

Was haben Sie angestellt?

Ach, das Übliche, Quatsch machen, aufsässig sein, Befehle verweigern, das war mein Sport. Einmal habe ich eine Beschwerde an Armeegeneral Heinz Keßler geschrieben, und meine Vorgesetzten haben es mir heimgezahlt, indem ich ein halbes Jahr keinen Urlaub mehr bekam. Weil ich nicht rauskonnte, habe ich wie ein Bekloppter Sport gemacht und alle möglichen Divisionswettkämpfe gewonnen. Und anderen Soldaten geholfen, Beschwerdebriefe aufzusetzen. Das war meine Inkubationszeit, mein Widerstandstraining.

Und als Sie rauskamen, haben Sie sich den Widerstands-Bart wachsen lassen?

Ja, nie wieder rasieren wollte ich mich. Von 1981 bis 1996 habe ich durchgehalten.

1996 kam der Widerstandsbart ab

Was ist 1996 passiert?

Ich war auf Kuba und habe eine Woche lang Gespräche mit Politikern geführt. Das war DDR im Finalstadium, allerdings mit warmem Wetter und Highlife. Jedenfalls hatten die Typen, Fidels Genossen, alle Bärte. Und da habe ich mir gesagt, das geht so nicht weiter, und in der Nacht vor Silvester, ratzbatz, alles abgesäbelt.

Es gibt ein Foto von Ihnen aus der frühen Bartphase, da tanzen Sie mit Sonnenbrille um eine Waschmaschine herum. Was war da los?

Das war bei einer Theatervorstellung: Die Heimsuchung der Anna B., eine Kammeroper für zwei Piloten, einen Fahrgast und Haushaltswaren. Ich wollte eigentlich Theaterwissenschaften studieren, bin aber nicht genommen worden, aus kaderpolitischen Gründen. Ich habe trotzdem immer gespielt, und wenn in Berlin internationale Festtage waren, habe ich mich drei Tage angestellt, mit Schlafsack. Ich habe damals Peymann in der Volksbühne gesehen oder Bernstein im Schauspielhaus. Das waren meine Fenster zur Welt.

Leipzig war cooler als Berlin

Gesungen haben Sie auch, in einer Band namens „Schlimme Limo“.

Das war in der Zeit, als ich Vikar in der Gemeinde in der Rigaer Straße war. Da kamen viele Punks in die Kirche. Ein paar Künstlerfreunde und ich haben die gefragt, ob sie nicht Bock haben, in Leipzig Arbeiterlieder zu singen, als Punkmusik, „Spaniens Himmel“ und so. Leipzig war in vieler Hinsicht damals cooler als Berlin.

Inwiefern?

Die Leute in Leipzig waren einfach cool. Wir bewegten uns alle um Judy Lybke herum. Der war eigentlich Maschinenmonteur mit Abitur, hat aber irgendwann gesagt, er wolle mehr aus seinem Leben machen, Frauen kennenlernen, Studentinnen. Wir haben ihm geraten, was Kreatives zu machen, weil Studentinnen auf sowas stehen. Er hat gesagt, aber ich habe doch keine Ahnung von Kunst. Ist egal, haben wir gesagt, das wirste schon hinkriegen. Er hat dann beschlossen, erstmal Model zu stehen, Aktmodel, in der Grafikhochschule. Dadurch hat er Künstler kennengelernt und bald seine erste Galerie aufgebaut. Heute ist er Multimillionär und hat Neo Rauch im Programm. Neo kenne ich auch aus der Zeit, der war ein ganz Braver.

Und wie haben Sie Berlin in den Siebzigern und Achtzigern in Erinnerung?

Berlin hatte etwas Kaltes. Es gab überall Kameras und Ecken, wo du nicht mehr weiterkamst, wo die Stadt zu Ende war, aber es hatte auch was Kribbelndes. Ich gehörte zu einer Gruppe von Leuten, die alles Mögliche gemacht haben: Woody-Allen-Filme gesehen, über Politik diskutiert, am 1. Mai DDR-Fahnen vom Mast geholt oder alten Leuten die Wohnungen renoviert.

"Mir wollten zeigen, wir bauen Mist"

Interessante Mischung.

Wir wollten zeigen, wir bauen Mist, sind aber auch karitativ.

Wo haben Sie damals gewohnt?

Überall. In einer besetzten Wohnung am Helmholtzplatz, mit Steffen Reiche übrigens, in Ahrensfelde am Friedhof, in Lichtenberg in der Irenen- und Cäsarstraße und ab 1989 am Kollwitzplatz.

Wie war der Kollwitzplatz damals?

Einer der schönsten Plätze Berlins. Unberührt, ruhig. Da gab es nur diesen Spielplatz und die Käthe Kollwitz, das Denkmal, und zwei Restaurants, das „1900“ und das „Santiago“. Im „Santiago“ saßen Frank Castorf und Tamara Danz. In den frühen 90ern haben wir uns ständig dort getroffen. Das war meine schönste Zeit in Berlin. Als die Touristenbusse mit den Japanern kamen und in meine Wohnung im Erdgeschoss reinfotografiert haben, ist mir das Leben dort auf den Keks gegangen. Da bin ich weggezogen. In die Kuglerstraße hinter dem S-Bahnhof Schönhauser. Von da aus ging es dann nach Bonn.