Interview mit Erlend Øye: „Berlin ist mächtiger als andere deutsche Städte“

Berlin - Ein Treffen mit Erlend Øye ist Entschleunigung pur. Zunächst einmal, weil er eine halbe Stunde später als verabredet in den Paulysaal in der alten jüdischen Mädchenschule in der Auguststraße kommt; dann aber vor allem weil er einer dieser selten gewordenen Menschen ist, die sich Zeit zum Nachdenken nehmen, ehe sie sprechen. Ein Grund mehr, sich anzuhören, was er zu sagen hat.

Es ist eine Weile her, seit Sie ihr letztes Soloalbum rausgebracht haben. Damals waren Sie Mitte zwanzig, jetzt gehen Sie auf die vierzig zu. Sind Sie erwachsen geworden?

Ich habe damals nicht so sehr über andere Menschen nachgedacht. Ich lief durch die Welt ohne ein Gespür für die Gefühle anderer, wie ein rasender Zug. Ich weiß heute so viel mehr über die Welt. Man sieht es an meinen Texten. Die Fragen, die ich darin stelle, sind weit davon entfernt, schwarz oder weiß zu sein.

Welche Fragen sind das?

Warum musst du dich immer entscheiden, wen du liebst? Oder: Welche Spiele spielen die Menschen, um sich selbst in eine bestimmte Position zu bringen. Es ist nicht so einfach, über solche Dinge zu schreiben. Dafür musst du erst selbst in so einer Situation gewesen sein.

Was sich noch verändert hat seit Ihrem letzten Album, ist die Stadt, in der Sie damals gelebt haben. Wie unterscheidet sich das Berlin, das sie 2006 verließen, vom Berlin heute?

Die Stadt war damals voller Menschen mit Ideen. Jetzt ist sie voller Menschen mit Ideen, die Erfolg hatten. Viele Städte fehlt die soziale Beweglichkeit: Leute erreichen eine Position und bleiben dort. So kann sich eine Stadt nicht weiterentwickeln. In Berlin gab es damals diese Beweglichkeit.

Das hat die Stadt mächtiger werden lassen gegenüber anderen deutschen Städten, mehr Firmen haben beispielsweise ihren Sitz hierher verlegt. Ich selbst bemerke vor allem, dass das Essen besser geworden ist, es gibt viel mehr gute Restaurants als früher. Und dass die Stadt voll mit Spaniern und Italienern ist. Dafür sind viele Überbleibsel der ostdeutschen Kultur verschwunden, die mir vor allem in Gestalt grummeliger alter Ladys, die dir eine Wurst servieren, begegnet ist. Nun, die vermisse ich nicht so sehr.

Sie klingen nicht besonders nostalgisch. Sind Sie froh, dass Sie Berlin verlassen haben?

Ich bin froh, dass ich hierher gekommen bin, und ich bin froh, dass ich wieder gegangen bin. Mit The Whitest Boy Alive hatten wir zu diesem Zeitpunkt unser erstes Album aufgenommen und wir hatten unsere erste große Tour hinter uns. Ich war also auch so jemand, der mit einer Idee gekommen war und dann damit Erfolg hatte. Es fühlte sich also richtig an, zu gehen. Es war ja nicht so, dass ich etwas angefangen und nicht zu Ende gebracht hatte. Ich zog also zurück nach Norwegen, wo sie gerade das Rauchverbot eingeführt hatten.

Das gab es in Berlin doch auch!

Ja, eine gute Idee, die nicht besonders erfolgreich war. Das war wirklich der Grund, warum ich hier weg musste. Ich bin am Ende überhaupt nicht mehr ausgegangen. Sobald ich eine Viertelstunde irgendwo war, musste ich raus. Es war schlimm. Ich glaube, alle Kettenraucher sind nach Berlin gezogen.