Berlin - Frau Freitag hat eine schwarzumrandete Brille auf der Nase und die mittellangen, braunen Haare zu einem Zopf zusammen gebunden. Sie ist Lehrerin an einer Berliner Sekundarschule. Unter dem Pseudonym „Frau Freitag“ bloggt sie über ihren Schulalltag in einem harten Kiez. Ihr neues Buch „Voll streng, Frau Freitag“ steht derzeit auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste für Taschenbücher, der Vorgänger „Chill mal, Frau Freitag“ verkaufte sich bisher 250.000 mal. Ihren richtigen Namen hält die 44-jährige Englisch- und Kunstlehrerin bislang streng geheim. Sie will ihre Schüler und sich selbst vor allzu viel Öffentlichkeit schützen, sagt sie. Und sie wolle vermeiden, dass Fernsehteams von Boulevardmagazinen vor der Schule stehen und reißerische Geschichten machen. Auch für Frau Freitag beginnt jetzt das neue Schuljahr.

Frau Freitag, Sie schreiben über männliche Lehrer, die sich zu schlecht anziehen. Oder über Schüler wie Abdul, der im Unterricht beschnittene Penisse zeichnet und völlig verkehrte Vorstellungen von der Berufswelt hat. Wissen Ihre Kollegen und Ihre Schüler eigentlich, dass Sie Frau Freitag sind?

Die Kollegen wissen das. Die haben das irgendwann mitgekriegt, weil ich im Buch über die Pappmaché-Figuren geschrieben habe, die ich in der Schule immer mache. Das hat mich dann wohl verraten.

Und wie reagierten die Kollegen?

Die Kollegen, die es gut fanden, haben mir das gesagt. Und die anderen haben gar nichts gesagt. Die Schüler wissen das eher nicht.

Wie kamen Sie dazu, Ihre Schulerlebnisse zu veröffentlichen?

Ich war erstmals Klassenlehrerin und meine Achtklässler waren sehr schwierig, voll in der Pubertät. Es fiel mir schwer, mit denen richtig umzugehen und viele Probleme habe ich sozusagen mit nach Hause genommen. Ich habe dann nach Lehrerblogs oder -foren gesucht, in denen sich Pädagogen darüber austauschen, wie man in der Schule so klar kommt. Aber ich fand nichts. Da fing ich schließlich mit meinem eigenen Blog an. Aus einer Mischung aus Leidensdruck und kuriosen, auch lustigen Erlebnissen.

Was denn zum Beispiel?

In meinem zweiten Buch ist meine Klasse im 10. Schuljahr und nach meinen Vorstellungen hätten sie für die Abschlussprüfungen lernen und sich fristgerecht bewerben müssen. Haben sie aber nicht. Das macht einen dann schon ein bisschen verrückt. Oder es gibt einen Schüler, der stört den Unterricht und man sagt, er soll raus gehen. Doch der macht das nicht. Wenn man das dann aufschreibt, kristallisiert sich der Konflikt noch mal genauer raus und man kommt womöglich auf die Idee, wie man beim nächsten Mal damit umgehen könnte.

Obwohl Ihre Schüler nicht lernen, im Unterricht essen und Ihnen oft nicht zuhören, wird in Ihren Büchern deutlich, dass Sie Ihre Schüler doch sehr mögen. Wieso?

Man hat viel Spaß mit ihnen im Unterricht. Ich mag deren Energie, im Hier und Jetzt zu leben. Auch wenn es natürlich stresst, wenn der Schüler immer sofort essen muss, wenn er Hunger hat. Und sei es im Unterricht. Aber diese Schüler sind echt. Sie schleimen nicht rum, um gute Noten zu bekommen. Sonst wären sie wahrscheinlich eher auf dem Gymnasium. Von unseren Schülern kann man auch nicht erwarten, dass der Lehrer sie fertigmacht und sie das alles runterschlucken. Die pöbeln dann zurück. Ein Gymnasiast würde eher auf „Spickmich.de“ gehen und den Lehrer online mobben.

Sie schreiben selbst, dass Sie gar keine Schüler unterrichten könnten, die etwas lernen wollen.

Das kommt mir manchmal so vor. Ich war mal in einer Klasse, die hat meine Anweisungen genau befolgt, alle Blätter umgehend bearbeitet. Da kam ich mir plötzlich so nutzlos vor. Alle Schüler haben das gemacht, was ich gesagt habe. Ich bin es aber gewohnt, dass man die Schüler immer erst motivieren muss weiterzuarbeiten. So von wegen: Letzte Stunde hast du gut mitgemacht, versuch es doch gleich noch mal. Ich will den Schülern zeigen, dass ich sie als Person annehme, auch wenn sie schlechte Leistungen bringen.

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Gerade in Berlin werden die Gegensätze innerhalb der Schülerschaft immer größer. Es gibt elitäre Gymnasien, Privatschulen und auch Sekundarschulen mit gutem Ruf, und es gibt sogenannte Restschulen, wo sich die kaum leistungsbereiten Schüler sammeln.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man bei der jüngsten Schulreform gleich die Gymnasien auflösen können. Es kommt ja auf die Schülermischung an. Wenn in einer Klasse genügend gymnasial- und realschulempfohlene Kinder sind, werden auch weniger leistungsbereite Schüler mitgezogen.

Meinen Sie etwa, dass dann weniger Schüler schwänzen würden?

Könnte sein. Wir haben ja viele Probleme mit Schulschwänzern, eigentlich sollte man in jedem Fall sofort die Eltern unterrichten. Bei Hardcore-Schwänzern hilft mitunter nur noch das Familiengericht. Dann droht die Richterin damit, der Familie das Sorgerecht zu entziehen. Das will die Familie dann nämlich doch nicht.

Sie schreiben, dass Sie auch mal mit einer Kollegin zusammen im Selbsttest kopftuchtragend durch Berlin gelaufen sind. Wieso?

Meine Freundin, Fräulein Krise, hat sich von ihren Schülerinnen mal zeigen lassen, wie man das bindet. Wir wollten das einfach mal ausprobieren. Ich dachte, ich sehe aus wie eine arabischstämmige, coole junge Frau. Bis ich in den Spiegel sah. Wir wurden aber gar nicht komisch angeguckt.

Sie versuchen auch immer mitzukriegen, was die Schüler so popkulturell interessiert?

Es ist sehr hilfreich, wenn man sich als Lehrer für die Pubertät interessiert. Ich interessiere mich selbst schon immer für Sachen wie „Popstars“ oder „Germany’s next Top- Model“. Oft sind die Schüler die Einzigen in meinem Bekanntenkreis, bei denen es da gewisse Schnittstellen gibt. Mich beeindruckt auch sehr, wie gut viele unserer Schüler rappen oder tanzen. Wäre super, wenn ich das auch könnte – die Einführung in eine neue Unterrichtseinheit zu rappen oder einen Salto rückwärts aus dem Stand machen, wenn die Aufmerksamkeit bei den Schülern nachlässt.

Sie verdienen ja mit Ihren Büchern mehr Geld als mit Ihrer Arbeit als Lehrerin. Können Sie sich vorstellen, den Lehrerberuf aufzugeben?

Nach zwei Büchern reicht es jetzt, über die Schule zu schreiben. Lehrerin will ich schon bleiben.

Gab es von Seiten der Schulaufsicht nie Bedenken, weil Sie Ihre Berufstätigkeit vermarkten?

Ich schreibe ja nicht über die Inhalte von Schulkonferenzen oder nenne Schüler beim Klarnamen. Nicht alle Begebenheiten haben sich so zugetragen, oft ist es eine Vermischung verschiedener Erlebnisse. Literarisch verfremdet.

Wie viel Zeit brauchen Sie denn für das Schreiben?

Ein halbe Stunde täglich. Mehr nicht. Ich bin da ein bisschen zwanghaft. Ich habe keine Kinder und letztlich ist es mein Hobby, das mir sehr viel Spaß macht.

Das Gespräch führte Martin Klesmann.