Gerhard Hoffmann (69) wohnt in einer weitläufigen Altbauwohnung im Crellekiez in Schöneberg. Kunst an den Wänden und Bücherregale prägen das Bild.

Herr Hoffmann, wie war das in den 1970ern, wenn man als schwuler Mann nach Berlin gekommen ist und mit seinem Freund zusammen gewohnt hat? Konnte man sich offen als Paar zeigen?

Ja, in Berlin schon. Wir haben ja dann am 1. April 1977 das Lokal Anderes Ufer in der Hauptstraße 157 aufgemacht. Das war damals ein Novum.

Was war neu?

Es war das erste offene Lesben- und Schwulencafé in Europa, wenn nicht auf der Welt. Die Scheiben waren nicht verklebt, woanders musste man ja noch klingeln. Die Berliner Szenelokale waren damals ganz vermufft, Gelsenkirchener Barock sozusagen. Und die Studentenkneipen hatten braune und ockerfarbene Wände. Bei uns war alles weiß. Es war auch ein Coming-Out-Lokal, da konnte man auch seine Eltern mitnehmen. Das Andere Ufer war sozusagen der Salon West-Berlins.

David Bowie war Stammgast bei Ihnen. Wie oft kam der denn?

Ach, der war ja unser Nachbar. Der war jeden Tag da. Oft auch mit Iggy Pop, der bei ihm wohnte.

Taucht Ihr Lokal in einem seiner Songs auf?

Nein, aber in einer Biografie, die damals herauskam, beschrieb er uns als sein Lieblingslokal.

Wie reagierten denn die Leute auf das Lokal?

Schwule Wirte meinten damals zu mir: „Du musst das doch in der Motzstraße oder am Nollendorfplatz machen, wo es ein Nachtleben gibt“. Und im Haus gab es einen kleinen Aufstand. Durch den Namen war ja klar, um was für ein Lokal es sich handelte. Die älteste Bewohnerin aber, eine Frau über 80, die liebte uns. Und der Hausmeister war nett, weil er jeden Morgen sein Bier bekam.

Was gab es für ein Programm?

Es war eine Mischung aus Kaffeehaus, Bar und Galerie. Es war aus der Arbeitslosigkeit heraus entstanden. Ich war Politologe und hatte 1976 eine Diplomarbeit über die Geschichte des § 175 und über die Geschichte der Schwulenbewegung geschrieben.

Damit gab es keine Jobangebote?

Das war damals aufgrund meines Themas undenkbar. Ich war der erste, der Homosexualität an der Freien Universität bearbeitet hatte. Keine gute Voraussetzung für einen Job.

Gab es denn keine Probleme mit dem Café Anderes Ufer, wenn das so eine muffige Zeit war?

1977 war schon keine muffige Zeit mehr. West-Berlin war eh anders, hier gab es kein Tanzverbot für Herren. Da sind also am Wochenende die Schwulen aus dem Bundesgebiet nach West-Berlin gefahren, weil sie dort zusammen tanzen durften.

Das klingt so, als ob es keine Probleme gegeben hätte?

Die Hausbesitzerin stand Kopf. Die hat uns dann aber lieben gelernt, vor allem nachdem wir verhindert haben, dass ein heterosexuelles Paar aus dem vierten Stock das Haus abfackelt. Die waren mit der Zigarette im Bett eingeschlafen. Aber die ganze Aufregung hat sich dann gelegt. Die Leute haben uns und unsere Gäste kennengelernt, und wir hatten Kunstausstellungen und Performances, unter anderem von Salomé, das hat ihnen gefallen.

Und die Gäste hatten kein Problem damit, in dem Lokal gesehen zu werden?

Nein, das war nicht mehr die Zeit, in der man sich verstecken musste.

Vielleicht, weil es West-Berlin war?

Nein, in Ost-Berlin gab es auch Schwulenlokale, wie auch in vielen Großstädten. Und die Linken, die Alternativen kamen ja damals auch nach West-Berlin.

Weil man hier nicht zur Bundeswehr musste?

Ja, das ist aber was anderes. Wir sprechen ja jetzt über Muffigkeit. Die Schwulen und Lesben haben sich einfach das Recht genommen, so zu sein, wie sie sind.

Wie lange gab es das Andere Ufer?

21 Jahre. Mein Freund ist 1995 gestorben und ich habe es 1998 verkauft. Heute heißt es Neues Ufer, das ist aber ein anderes Projekt.

Damals gab es das Lesbisch-Schwule-Stadtfest schon?

Ja, eine Gruppe von Wirten, einer davon war ich, hat dieses Fest 1993 gegründet. Initiiert wurde dies übrigens von Bastian Finke, dem Macher von Maneo, das damals Schwules Überfalltelefon hieß.

Wie kam es dazu?

Heinz Uth, der erste Berliner Polizeikommissar, der für schwule und lesbische Belange innerhalb und außerhalb der Polizei zuständig war, hatte die Idee. Es gab ein paar homophobe Übergriffe in der Motzstraße und da riet er dazu, ein Straßenfest zu veranstalten, damit die Leute uns kennenlernen. Ich mag übrigens das Wort homophob nicht besonders.

Warum?

Na, die Leute, die Schwule und Lesben überfallen, haben doch keine Angst vor Lesben und Schwulen. Homosexualität ist keine Krankheit, und nicht ansteckend. Das sind homosexuellenfeindliche Angriffe. Man sagt ja auch nicht Frauenphobie, sondern frauenfeindlich.

Beim schwullesbischen Straßenfest laden Sie immer zu der Talkshow Wildes Sofa, wo Prominente in der Regel von Ihnen gegrillt werden. Was ist die Idee?

So kann man das auch nicht sagen. Ich bin ein sehr netter Gastgeber. Für mich war damals wie heute wichtig, mit Politikern über Homosexualität zu sprechen. Es ist eine Art Unterricht, um ihnen was beizubringen. Ich hatte auch konservative CDU-Politiker zu Gast. Der ehemalige Kultursenator Volker Hassemer war einer meiner ersten Gäste. Damals war die eingetragene Partnerschaft ein Thema, aber noch Zukunftsmusik. Hassemer war vehement dagegen. Das war 1999.

Das Stadtfest hat sich nie totgelaufen so wie beispielsweise die Love-Parade, die ja nun eine Art Neuauflage mit dem „Zug der Liebe“ erfahren hat?

Nein, das Stadtfest ist immer größer geworden. Erst war es nur die Motzstraße, dann der Kiez. Auf 20 000 Quadratmetern präsentieren sich heute über hundert Projekte der queeren Community und die demokratischen Parteien. Und natürlich gibt es auch Cocktailbars und Biergärten. Es ist ein Fest der Liebe, ein Fest für alle.

Wird es denn nicht in erster Linie als zweitägige Party wahrgenommen?

Nein, das sehe ich nicht so. Durch die Info-Stände ist es anders als irgendeine Partymeile. Es geht um das Sichtbarmachen von Homo- und auch Transsexualität.

Braucht man das Stadtfest denn noch?

Na, das ist eine lustige Frage. Es präsentieren sich dort ja auch Parteien, wie sie mit dem Thema Homosexualität umgehen wollen. Die LSU zum Beispiel, die lesbisch-schwule Union. Ich nenne sie scherzhaft die ungeliebte Tochter der CDU. Die haben an ihrem Stand all die Forderungen nach Gleichberechtigung stehen, die wir auch realisiert sehen wollen. Aber in ihrer Partei können sie sich leider nicht durchsetzen, wie wir am Beispiel der Öffnung der Ehe gesehen haben.

Was denken Sie, wenn jemand von einer weitgehenden Gleichberechtigung spricht?

Für mich sind Gleichheit und Freiheit die Wesensmerkmale einer Demokratie. Ich setze da auf den Lerneffekt. Das meine ich natürlich durchaus ironisch. Aber durch Gespräche kann man die Leute tatsächlich an das Thema heranführen.

Haben Sie einen Anteil daran, dass sich die Parteien dem schwulen Thema geöffnet haben.

Allein kann man da gar nichts bewegen.

Und die homophoben Übergriffe?

Das ist ein schwieriges Kapitel. Aber ich muss noch mal auf die Gleichstellung zurückkommen. Ich finde es ungezogen von CDU und CSU, diese nicht möglich zu machen. Homosexuelle Menschen hätten einfach ein besseres Standing in der Gesellschaft, auch gegen rechte Parteien wie die Alternative für Deutschland. Das hat etwas mit Menschenrechten, Gleichheit und Freiheit zu tun. Außerdem könnte die Bundesregierung in Russland und anderswo auch besser auftreten. Jetzt sagt Putin doch, „Ihr habt ja selbst keine Gleichstellung“. Es ist eine Frage des politischen Anstandes, die Ehe zu öffnen. CDU und CSU haben da noch einen gewissen Nachholbedarf.

Ihre Straße, die Erdmannstraße, ist sehr schön. Wie sind Sie hier her gekommen?

Als ich 1973 im Frühjahr aus München mit meinem Freund Reinhard von der Marwitz nach Berlin kam, wohnten wir bei Freunden in der Langenscheidtstraße. Dann sind wir hier um die Ecke gebogen und dachten, Mensch ist diese Straße schön. Sie hatte etwas romantisches, eine Pariser Eleganz. Die Fassaden waren damals allerdings grau.

Hat sich der Kiez sehr verändert seitdem?

Ja, vor allem die Anwohner. Das war ein richtiger West-Berliner Kiez früher, wo sich die Jungs zu Silvester Böller-Kämpfe geliefert haben. Da war dann am nächsten Tag schon mal die Haustürscheibe eingetreten und es lagen Knallerreste fünf, sechs Zentimeter hoch auf der Straße. Heute passiert hier zu Silvester gar nichts mehr.

Die Crellestraße war aber sicher immer schon schön.

Die Crelle? Das war in den 70ern die schrecklichste Straße Schönebergs. Nach ein paar Metern hat man Depressionen bekommen, so heruntergekommen war sie.

Jetzt ist die Crellestraße sehr begehrt.

Ja, jetzt ist ja auch alles saniert und verkehrsberuhigt.

Ist Berlin denn noch „Ihr“ Berlin?

Es ist eine völlig andere Stadt geworden. Ich habe nach der Wende ganz langsam die ehemaligen Ostbezirke „erwandert“ und ich genieße wirklich, dass Berlin nicht mehr geteilt ist. Es ist für mich eine Bereicherung, vor allem durch meine neuen Freunde aus dem Ostteil der Stadt. Genauso wie ich inzwischen türkisch- beziehungsweise kurdischstämmige Freundinnen und Freunde habe. Ohne die wäre Berlin nur halb so schön.

Das Gespräch führten Julia Haak und Marcus Weingärtner.