"Dazu nimmst du dann noch Diamantohrringe“, sagt der Modedesigner zu dem Model, das das silbern bestickte schwarze Abendkleid vorwärts- und rückwärtsgehend vorführt. Glitzern soll es bei Guido Maria Kretschmer, der in seinem Showroom im KPM-Quartier die letzten Details vor der Show festlegt, die am Dienstagabend im Eisstadion zu sehen sein wird. Auf der einen Seite des Raumes sind Handtaschen aufgereiht, auf der anderen warten sehr viele, sehr hochhackige Pumps, in einer Ecke stehen Näh- und Stickmaschinen von Pfaff. Kretschmer ist Botschafter der Marke, lässt darauf fertigen und ist seit zartem Kindesalter versiert an der Maschine.

Wann haben Sie Ihr erstes Kleidungsstück selbst genäht?

Mit neuneinhalb. Es war eine Steppweste aus grün-weißem Westfalenstoff für meine Mama. Ich liebe sie heute umso mehr, weil sie so mutig war, sie zu tragen – auf dem Schützenfest. Die Weste war relativ kastig, aber ich fand’s schön!

Warum wollten Sie Ihrer Mutter etwas nähen? War Ihnen ihr Kleiderschrankinhalt nicht modisch genug?

Nein, das lag daran, dass meine Mutter ein bisschen hippiemäßig ist und sich dachte, dass es schön ist, wenn wir selbst gemachte Klamotten tragen. Sie hat sich eine Nähmaschine gekauft, und ich hielt sie auf der Rückfahrt auf dem Schoß und dachte: „Wow, dieses stichelnde Wunderwerk!“ Meine Mutter hat es dann mit der Maschine gar nicht gebacken bekommen, aber ich habe den ganzen Tag daran gesessen.

Was haben Sie für sich als erstes genäht?

Eine Hose, aus einem wunderschönen alten Bettlaken. Meine Mutter hat es mit mir zusammen eingefärbt, in einem zarten Lilaton. Die Hose ist dann in Serie gegangen. Es gab sie in Orange und in Grün, auf manche habe ich Applikationen draufgedroschen, manche waren mit Tunnelzug. So ging es eigentlich los. Mit fünfzehn habe ich bereits Kleider und Mäntel genäht, sogar eine Korsage, die allerdings nicht so richtig geglückt war, da fehlten mir noch die richtigen Geräte. Mit achtzehn bekam ich meine erste Kettelmaschine, da wurde das Leben leichter.

Also eine Nähmaschine statt eines Autos zum 18. Geburtstag?

Nee, ein Auto hatte ich schon mit sechzehn, weil ich ja schon Geld verdient habe. Es stand zwei Jahre lang auf dem Hof, ein schwarzer R4, von innen benäht, beklebt und bemalt, auch das Armaturenbrett. Man konnte nur noch auf dem Tacho sehen, wie schnell ich war, sonst nichts mehr. Mein Vater hat dann irgendwann die Tankanzeige mit einer Rasierklinge wieder freigekratzt. Ich wollte dieses Auto unbedingt: Das war für mich Freiheit.

Sie leben in Berlin, ist Autofahren für Sie noch immer wichtig?

Ja, es ist meine Freiheit geblieben, weil ich darin allein bin, was ich sehr mag. Ich kann Musik und Hörspiele hören, Gedichte lernen, telefonieren. Ich habe jetzt ja einen Fahrer. Am Anfang war das schwer für mich, weil ich damit diesen freien Raum, dieses Alleinesein verloren habe. Ich bin auch ganz pingelig mit meinem Auto, wie ich eigentlich mit allem sehr ordentlich bin …

Keine leeren Coladosen im Fond?

Nein, nein, nein! Meine Autos sind immer perfekt, ich nehme jedes Kieselsteinchen raus. Ich habe auch Tücher zum Putzen und Staubwischen. Ich kriege alle paar Monate ein neues Auto von meinem Sponsor, und wenn es kommt, dann streichele ich über das Armaturenbrett und sage: „Ach, Auto, wir werden eine gute Zeit haben.“ Dann kommt noch die Christophorus-Plakette ins Handschuhfach. Die habe ich von meiner Oma zum Führerschein bekommen, sie sagte zu mir: „Du musst eines wissen, Guido, der heilige Christophorus steigt bei 80 km/h aus.“ Also bin ich das erste Jahr nur 80 gefahren. Ich bin bis heute – toi, toi, toi – unfallfrei. Von meinem Fahrlehrer wiederum stammt einer der schönsten Sätze, die ich je gehört habe: Man muss mit dem Fehlverhalten der anderen rechnen. Das beherzige ich beim Autofahren und in der Mode. Man ist dann nicht so enttäuscht, wenn etwas nicht geht oder einer vergisst zu blinken.

Noch mal zurück in die Zeit vor dem Führerschein: Wie war das damals, ein nähender Junge zu sein? Fanden Ihre Klassenkameraden das komisch?

Nee, die fanden das cool. Das war aber auch schon eine andere Zeit. Die Menschen waren gegen Atomkraftwerke, die Jungs in den oberen Klassen haben gestrickt, und die Mädchen fanden es toll, wenn die Jungs kreativ waren. Ich war aber sowieso immer sehr beliebt. Darf man das sagen?

Sie dürfen das.

Ich hatte in meinem Leben nie das Gefühl, allein zu sein, da waren immer viele, die mich mochten. Ich hatte Humor, und die Mädels mochten mich, weil ich von meiner Mutter gelernt hatte, emotional und nicht verhalten zu sein. Ich konnte mit allen lachen, weinen und teilen. Und ich hatte natürlich auch immer Geld von den Nähgeschichten. Mein Vater hielt mich für scheinselbstständig. Na gut, heute zahle ich genug Steuern, so hat sich das wieder ausgeglichen. Aber ich war immer autonom, so habe ich es auch in meinem Buch geschrieben: Der erste Scheinwerfer in meinem Leben war das Licht meiner Pfaff-Nähmaschine.

Wie wichtig ist es für einen Designer, das Handwerk zu beherrschen? Das können längst nicht alle: ihre Entwürfe selbst fertigen.

Ich finde das wichtig! Das Know-how hilft mir sehr bei den vielen Kooperationen, die ich habe. Ich mache auch immer noch gern Handschnitte. Meine Mutter sagt: Der Guido ist ein Intellektueller mit Nadel und Faden. Und das ist auch ein bisschen so! Das Handwerk hält mich am Boden.

Sie sind zwar nun wahrlich ausgelastet, aber wäre es nicht noch eine schöne weitere Fernsehshow: Frauen beizubringen, wie man Kleidung passend macht für sich? Das ist doch der Unterschied, der ein Kleid erst perfekt macht.

Das freut mich, dass Sie das sagen! So etwas wird kommen, ich habe ein wunderschönes Angebot von meinem Sender. Auch deswegen bin ich heute froh, dass ich den Schritt ins Fernsehen gewagt habe. Viele haben damals gesagt: Guido, wie kannst du nur! Aber ich will Leute erreichen. Es ist Democratic Couture, wenn man etwas selber machen kann. Viele Designer leben im Elfenbeinturm. Die machen eine Show, die Leute schreien dreimal Hurra, und dann kannst du mit denen nicht mehr umgehen. Man muss bei den Leuten bleiben, für die man das macht. Selbermachen zeigt, was Mode kann.

Interview: Carmen Böker