Beim Blick von der Dachterrasse des Verlagsgebäudes der Berliner Zeitung in der Alten Jakobstraße kommen Peter Strieder Erinnerungen. „Da drüben ist mein alter Wahlkreis“, sagt er und deutet mit der Hand Richtung Stallschreiberstraße. Strieder war Bürgermeister von Kreuzberg, später Senator für Umwelt und Stadtentwicklung. Als SPD-Chef choreografierte er 2001 den Sturz des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (CDU) und lotste mit Klaus Wowereit die SPD in den ersten rot-roten Senat. 2004 musste er in der Tempodrom-Affäre zurücktreten. Er ging in die Privatwirtschaft, wurde Betreuer und Türöffner von Immobilieninvestoren. Seit zwei Jahren ist er selbstständig. Jetzt, mit 66 Jahren, hat er offenbar wieder Lust auf die politische Arena.

Herr Strieder, vor kurzem forderten Sie bei einer Ausstellungseröffnung in Kreuzberg, der Senat solle mehr Stadt wagen. Was meinen Sie damit?

Die wachsende Stadt Berlin braucht dringend neue Wohnungen. Aber die Koalition aus SPD, Linker und Grünen blockiert sich beim Wohnungsneubau selbst. Einerseits hat man verabredet, 200.000 Wohnungen zu bauen, aber aus Angst vor Konflikten mit den Wählern wird nichts entschieden. Die Linkspartei hat sich vorgenommen, nur noch ihre Milieus zu bedienen und keine Konflikte einzugehen, die sich bei der nächsten Wahl nicht auszahlen. Es ist richtig, Mieter zu schützen, Mietsteigerungen zu bremsen, Milieuschutzgebiete auszuweiten und Spekulation zu verhindern. Aber das reicht nicht. Berlin wächst und muss sich verändern.

Wie bitte? Der Senat hat doch gerade erst 14 neue Stadtquartiere definiert, in denen mehr als 40.000 Wohnungen entstehen sollen. Insgesamt hat die Bausenatorin Flächen für 199.000 neue Wohnungen ermittelt.

Und was passiert? Die Bürger protestieren gegen die Verdichtung auf ihrem Innenhof und gegen die Bebauung der grünen Wiese vor ihrer Haustür. Aus Angst vor den Wählern wird nichts entschieden und deshalb zu wenig gebaut.

Sollen die 14 Gebiete denn aufgegeben werden?

Daran kann die Verwaltung gerne weiterarbeiten. Bis zur Fertigstellung wird es Jahrzehnte dauern. Und dann entstehen Schlafvorstädte – wirtschaftlich günstig, quadratisch, praktisch, gut. Weder sozial noch kulturell noch funktional gemischt, aber langweilig. Ökologisch sinnlos, weil es Pendlerströme erhöht.

Berlin braucht aber Wohnungen, viele und die auch noch schnell …

… richtig. Die Stadt wächst weiterhin rasant, laut Senatsprognose von 2017 bis 2030 um 150.000 Menschen. Aber schon 2017 kamen rund 39.000, überwiegend aus dem Ausland, also ohne Wahlrecht. Mit Blick auf die nächsten Wahlen sind sie im Kalkül der Linkspartei nicht relevant, deshalb lohnt sich kein Konflikt für die Zuzügler. Berlin boomt weiterhin, deshalb brauchen wir mehr Neubau und zwar in der Stadt.

Es gibt Platz für 200.000 Wohnungen in der Innenstadt?

Das ist machbar. Was macht Berlin so attraktiv? Das ist die Berliner Mischung: Der Laden im Erdgeschoss, im Hinterhof der Handwerker oder das Start-up und darüber Wohnen. Eine dicht bebaute Stadt, mit unterschiedlichen Gebäudehöhen, vielfältigen Fassaden und mit Menschen aller Schichten wie in Schöneberg, Prenzlauer Berg, Kreuzberg. Diese Mischung macht die Stadt lebendig und attraktiv. Das meine ich mit „mehr Stadt wagen“ im Gegensatz zur eintönigen Vorstadt. Eine Stadt will auch schön sein. Platz dafür bieten die Industrie- und Gewerbeflächen im ganzen Stadtgebiet. Das Vorhaben von Siemens, seinen alten Standort wiederzubeleben, ist für mich das Paradebeispiel. Im Gewerbegebiet Siemensstadt gibt es künftig Forschung und Lehre, Büros, Wohnungen, Einzelhandel, Restaurants. Das ist die Mischung des 21. Jahrhunderts, nicht die Trennung in Wohn- und Gewerbegebiete.

Und wo sollen die Gebiete entstehen?

Entlang des Teltowkanals etwa, an ehemaligen Bahnflächen, in Spandau, in Marienfelde, überall gibt es riesige Gebiete. Berlin verfügt über rund 12.000 Hektar Industrie- und Gewerbeflächen, die man so nutzen könnte. Die Hälfte davon übrigens in öffentlicher Hand: Berlin, Bund, Bahn und so weiter. Auf den alten Industrieflächen könnte man ohne Probleme verdichten, für die Nachbarschaft wäre das attraktiv, die Politik müsste weniger Konflikte fürchten.

Warum soll es für mich attraktiv sein, in ein Gewerbegebiet zu ziehen?

Das bleibt ja kein Gewerbegebiet, sondern wird ein lebendiges, innerstädtisches Quartier. Die Stadt kann die Mischung festlegen. Die Wertsteigerung kann die Stadt abschöpfen, indem eine Sozialwohnungsquote bestimmt wird, von mir aus 40 Prozent. Die Arbeitsplätze müssen natürlich bleiben, Dienstleister, Start-ups, Handwerker, das geht heute alles in Wohnnähe. Das einzige Lärmproblem ist der Lkw-Lieferverkehr, solange bis nur noch Elektroautos fahren.

Sie fordern, das neue Planungsinstrument „urbanes Gebiet“ einzusetzen. Es erlaubt ein vereinfachtes Verfahren, eine deutlich dichtere Bebauung und tagsüber mehr Lärm als in einem normalen Mischgebiet. Und das gibt keine Proteste?

Bislang sind diese Areale mit einer Mauer oder einem Zaun umgeben. Für die Nachbarn sind es unbekannte Flächen. Wenn hier neue Quartiere, mit zusätzlichen Angeboten vom Ärztehaus, über den Spielplatz bis zum Supermarkt entstehen, nützt es der Nachbarschaft. Warum sollte sie protestieren?

Ihre Partei hat dagegen gerade entschieden, die Randbebauung des Tempelhofer Feldes wieder auf die Tagesordnung zu setzen.

Ich kann der SPD nur raten, auch auf die Stimmung in der Stadt zu schauen. Das Tempelhofer Feld brauchen wir als Kaltluftentstehungsgebiet für das Klima in der Innenstadt. Das darf nicht bebaut werden …

… als Stadtentwicklungssenator wollten Sie doch auch die Bebauung?

Bei uns ging es nur um einen schmalen Riegel als Lärmschutz, das Feld selber wäre nicht betroffen gewesen. In dem Riegel wären nur wenige Wohnungen und Gewerbeflächen entstanden. Das lohnt den Konflikt nicht.

Was halten Sie dann von den Plänen für die Nachnutzung von Tegel?

Im Grunde sind sie richtig, aber auch da sind mir die Nutzungen auf dem Gelände zu sehr getrennt. Es sollte ein städtisches Quartier werden, also mit der Mischung aus Arbeit und Wohnen.

Das Problem beim Wohnungsneubau sind derzeit nicht fehlende Flächen und zu wenig Genehmigungen, sondern dass Baukapazitäten fehlen ...

… Das ist ein Problem. Viel schlimmer sind die Hinweise, dass spekulativ Bauflächen mit Baugenehmigungen gehandelt werden ...

... Ja, eben, das kommt noch hinzu...

Aber genau hier muss Politik doch handeln: Genehmigungen zum Beispiel schneller verfallen lassen oder Baugebote einführen. Aber grundsätzlich müssen wir neue Potenziale für Wohnungsneubau erschließen. Um den Markt zu entlasten, müssen wir so viele Wohnungen bauen, dass Vermieter um Mieter konkurrieren. Unsere Realität ist, dass erwachsene Menschen sich keine eigene Wohnung leisten können, sondern unfreiwillig Wohngemeinschaften bilden. Anders als in anderen Großstädten sinkt bei uns auch die Zahl der Single-Haushalte, weil Zusammenwohnen billiger ist.

Was ist eigentlich Ihre Motivation?

Ich kenne viele Bauprojekte in Berlin. Dabei sind auch einige, wo Investoren nicht realisieren konnten, was sie eigentlich wollten. Bei meinem Vorschlag geht es aber nicht um einzelne Projekte, sondern um eine andere Idee von Stadtentwicklung, die Berlin attraktiver macht. Es geht nicht nur um Fertigstellungszahlen beim Neubau, sondern auch darum, darüber nachzudenken, welche Chance der Berlin-Boom für die Stadtentwicklung bedeutet.

Das letzte Mal gerieten Sie in die Schlagzeilen, als Sie für einen Investor forderten, am Leipziger Platz gar keine Wohnungen bauen zu müssen.

Ich halte Wohnungsbau an Orten, an denen aus Lärmschutzgründen eine Zwangsbelüftung erforderlich ist, weil Fenster eingebaut werden müssen, die nicht zu öffnen sind, auch dann für falsch, wenn es Luxuswohnungen sind.

Erleben wir gerade die Merzisierung des Peter Strieder? Streben Sie ein Amt an?

Ich will mich an der politischen Debatte beteiligen, in der SPD und darüber hinaus. Aber ich strebe kein Mandat an. Ihren Vergleich mit Herrn Merz muss ich nicht nur deshalb mit aller Entschiedenheit zurückweisen.