Berlin - Eines hat Jens-Holger Kirchner als Stadtrat in Pankow gelernt: „Dass man Schritt für Schritt vorgehen muss. Die Berlinerinnen und Berliner mögen plötzliche Veränderungen nicht so“, sagt der Grünen-Politiker. Nun ist er im Senat Staatssekretär für Verkehr – ein Amt, das Konflikte und Kritik garantiert.

Herr Kirchner, haben Sie etwas gegen Autos?

Nein. Autos gehören zur Mobilität. Ich habe selbst ein Auto. Aber wie kommen Sie eigentlich darauf, dass der Senat jetzt etwas gegen Autos hat, nur weil ein Grüner Verkehrs-Staatssekretär ist?

Ich frage das deshalb, weil nicht nur der ADAC fürchtet, dass der Senat gegen die Autofahrer regiert.

Berlin autofrei – so mutig wären nicht einmal wir. Es geht um das richtige Maß. Und es ist wenig hilfreich, schwere Geschütze aufzufahren, bevor man miteinander redet.

In der Koalitionsvereinbarung steht, dass es mehr Parkzonen und weniger Platz für Autos gibt, dass die A100 nicht verlängert wird. Kein Wunder, dass die Autolobby Sie kritisch sieht.

Parkraumbewirtschaftung ist kein Teufelszeug. In Deutschland wurde sie zum ersten Mal 1956 eingeführt, in Duisburg. In den USA, dem Autoland schlechthin, gibt es sie seit den 1930er-Jahren. Die A100 ist in der Tat umstritten. Doch das Wesen von Streit ist, dass es erst mal unterschiedliche Meinungen gibt. Die Koalition hat sich dazu bekannt, dass der Abschnitt nach Lichtenberg nicht weiter geplant wird. Er ist ohnehin nicht aktuell. Bei manchen Mobilitätsfragen ist man woanders allerdings weiter als in Berlin. Ein Beispiel: In Austin, Texas, gibt es ein sehr gut ausgebautes Car-Sharing-System. Die Texaner sind grüner als man denkt. Weltweit werden verschiedene Mobilitätsformen getestet. London hat eine City-Maut.

In anderen Städten ist man weiter, sagen Sie. Halten Sie die Diskussion in Berlin für rückwärtsgewandt?

Die Praxis zeigt: Die Straßenbahnen sind voll, die U-Bahnen und die Busse auch. Deshalb werden die Taktzeiten verkürzt und es werden neue, größere Fahrzeuge gekauft. Der Fahrradverkehr ist in den vergangenen Jahren explodiert. Der Wirtschaftsverkehr hat erkannt, dass es vielleicht nicht so schlau ist, jedes Paket auf der letzten Meile mit dem Auto zu fahren, sondern dass Lastenfahrräder sinnvoller sein können. Vieles hat sich schon geändert, auch aus Zeitgründen. Man könnte sagen: Wer in Berlin zu viel Zeit hat, fährt Auto. Unser Verkehr sortiert sich gerade neu. Die Initiative Volksentscheid Fahrrad ist ein Indiz dafür, was da gerade köchelt. Die Berlinerinnen und Berliner sind manchmal schlauer als die Politik und mancher Verband.

Was ist Ihre Vision für den Verkehr?

Ich will einen gesunden Mix der Verkehrsarten, schrittweise und indem alle Menschen in unserer Stadt von den Verbesserungen profitieren. Es fängt mit dem Fußgängerverkehr an: Da geht es darum, Bordsteine abzusenken, Aufzüge zu bauen. Der Fahrradverkehr ist ein wichtiges Thema. Im Nahverkehr muss das Streckennetz ausgebaut und der Busverkehr beschleunigt, müssen Taktzeiten und Umsteigesituationen verbessert werden. Das ist meine Vision, dass es in Berlin noch leichter wird, mobil zu sein.

Was ist für Sie das größte Problem im Berliner Straßenverkehr?

Es wird viel von Sanierungsstau gesprochen, in Wahrheit steckt Berlin in einer Sanierungsfalle, die besorgniserregend ist. Um da wieder herauszukommen, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Der Zustand vieler Straßen und Brücken ist so schlecht, dass man 10 bis 15 Jahre so viel Baustellen hätte, dass die halbe Stadt zum Erliegen käme. Das will keiner. Wenn man das Problem aber zaghaft anginge, nur hier und da etwas bauen würde, müssten wir immer wieder von vorn anfangen. Wir müssen konzentrierter bauen, um das Problem in den Griff zu kriegen.

Der Koalitionsvertrag ist ein langer Wunschzettel: mehr Radwege, mehr Straßenbahnstrecken. Wie viel Prozent wird die Koalition abarbeiten?

Eine Prozentzahl werde ich Ihnen nicht sagen. Das Programm ist sehr ambitioniert. Nicht mal die mutigsten Berliner werden von uns erwarten, dass wir bei allen Straßenbahnstrecken, die in der Koalitionsvereinbarung genannt sind, bis 2021 mit dem Bau beginnen. Doch wir werden vieles vorbereiten und auf die Schiene setzen. Und was die Radverkehrsinfrastruktur anbelangt: Da wird in fünf Jahren schon viel zu sehen sein.

Was werden Sie als Erstes für die Radfahrer unternehmen?

Wir werden in Berlin ein Bündnis für den Radverkehr schließen, unter Leitung des Regierenden Bürgermeisters. Unser Vorbild ist Hamburg, wo es so etwas seit Juni gibt. Die Verwaltungen des Senats und der Bezirke, Verkehrsbetriebe, Leitungsbetriebe, Verbände, die Stadtreinigungsbetriebe und viele andere werden dort zusammenarbeiten. Wichtig: Es wird eine Projektliste erstellt, die abgearbeitet und fortgeschrieben wird. So ist die Idee. Im Koalitionsvertrag steht schon sehr viel, was sich sehen lassen kann.

Planen Sie neue Angebote für den Nahverkehr?

In den Außenbezirken müssen wir mit anderen Formen als bisher auf die Nachfrage reagieren. Ich denke da zum Beispiel an Rufbusse, die auf telefonische Anforderung fahren. Wir müssen bei großen Wohnungsbauvorhaben schienengebundenen Nahverkehr immer mitplanen und bauen. Ein Beispiel: Das große Wohngebiet am Blankenburger Pflasterweg in Pankow wird ohne die Verlängerung der Straßenbahnlinien M 2 und M 4 nicht funktionieren.

Sie können sich vorstellen, dass irgendwann wieder Oberleitungsbusse durch die Stadt fahren.

Ich bin ein großer Fan von O-Bussen. Genauer gesagt: von einem Mischsystem – außerhalb von Knotenpunkten Fahren an der Leitung, ansonsten mit Akkus. Es gibt große Städte, die solche Systeme haben. In Berlin wird ja immer so getan, als wenn es sich um Welt-Neuerfindungen handelt. Stimmt aber nicht.