In jüngster Zeit konnte mehrfach der Eindruck entstehen, das Denkmal der Freiheit und Einheit stünde auf der Kippe. So vertagte der Haushaltsausschuss des Bundestages das Thema in der letzten Sitzung vor der Sommerpause, die gültige Baugenehmigung muss verlängert werden, eine Bürgerinitiative demonstriert vor dem Reichstag, um eine Umplatzierung weg vom Schloss vor den Reichstag zu erreichen.

Der Mit-Urheber des Denkmals, Johannes Milla, sieht das gelassen. Er geht davon aus, dass der Entwurf vor dem Schloss entsteht. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erläutert er seine Haltung. Und er schlägt vor, den Entwurf nicht als Wippe zu bezeichnen, sondern als Waage – diese bewege sich langsam und sanft, je nachdem, wie viele Besucher in welche Richtung laufen.

Herr Milla, Ihr Entwurf einer beweglichen Schale soll laut Bundestagsbeschluss vor der barocken Schlossfassade stehen. Viele Bürger halten den Platz für unpassend und schlagen die Wiese vor dem Reichstag vor. Muss es unbedingt die Schlossfreiheit sein?

Der Bundestag hat 2007 beschlossen, ein Freiheits- und Einheitsdenkmal zu errichten. Dann wurde ein Jahr intensiv und unter Einbeziehung der Öffentlichkeit über einen Standort debattiert, darunter war auch die Wiese vor dem Reichstag. 2008 hat sich der Bundestag für den Platz vor dem Schloss entschieden.

Welche Argumente sprechen unbedingt für diesen Standort?

Erstens sollte es ein Platz in Berlin Mitte sein, definitiv im Osten. Denn dort, nicht in Westberlin, wagten sich mutige Bürger auf die Straße, wagten den Widerstand gegen das SED-Regime. Dort fand die friedliche Revolution statt. Diese Bürger in Westberlin zu ehren, wäre historischer Unsinn. Es waren Bürgerrechtler, die die Entscheidung des Bundestages für den leeren Sockel vor dem Humboldt Forum vorbereitet und mitgetragen haben. Zweitens hat es zwei Wettbewerbe gegeben; eine Fachjury hat in aller Sorgfalt ihre Entscheidung getroffen und den Entwurf von Milla&Partner ausgewählt. Der Entwurf meines Büropartners Sebastian Letz bezieht sich in Form und Kontur sorgfältig und behutsam auf die historische Vielschichtigkeit des Standortes vor dem Schloss.

Der Platz am Schloss war nie Schauplatz der friedlichen Revolution …

Das ist richtig, aber der Platz auf dem Sockel, auf dem von 1897 bis 1950 das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal stand, wurde ausgewählt, weil dort viele historische Schichtungen ablesbar sind: die mit Gewalt durchgesetzte Reichseinheit von 1871 kam von oben. Anders die Einheit von 1989 – die kam von unten. Zudem fanden an diesem Ort bedeutende Ereignisse der Märzrevolution von 1848 statt – zum Beispiel die Verbeugung des Königs vor den Märzgefallenen. Dort kam es zum ersten großen Einsatz der schwarz-rot-goldenen Flagge. Es handelt sich um einen der beiden Orte, an dem die Weimarer Republik ausgerufen wurde. Die erste freigewählte Volkskammer tagte unmittelbar daneben.

Woran wird die historische Schichtung am Freiheitsdenkmal sichtbar?

Zum Beispiel dadurch, dass die Menschen die bewegliche Schale genau an der Stelle betreten, von der Kaiser Wilhelm zu Pferde von sehr großer Höhe auf das Volk herabgeschaut hat. Oder dass sich die Schale in ihrer Kontur auf den historischen Sockel klar bezieht, aber sich in ihrer Form von diesem löst.

Können Sie der Reichstagswiese gar nichts abgewinnen?

Diese ist als Ort historisch falsch. Und gerne wird vergessen, dass das Denkmal beschlossen wurde, um die friedlichen und mutigen Revolutionäre zu ehren und nicht um der Festlichkeiten der staatlichen Wiedervereinigung zu gedenken. Zweitens weiß jeder, dass unter der Reichstagswiese Verkehrstunnel verlaufen, da kann man nichts draufstellen. Drittens bezieht sich unser Entwurf genau auf das städtebauliche Umfeld vor dem Schloss. Und schließlich sollte man die Entscheidung des Bundestags als Organ der repräsentativen Demokratie nun mal respektieren. Das ist in Zeiten des Populismus wichtiger denn je.

Eine vom Förderverein Berliner Schloss in Auftrag gegebene Umfrage zeigte im vergangenen Jahr, dass die Mehrheit der Bürger das Denkmal in der vorliegenden Form ablehnt. Beeindruckt Sie das?

Entscheidend für die Bewertung der Umfrage ist doch: Wer hat sie in Auftrag gegeben, bezahlt und wie war die Fragestellung. Mir ist nicht bekannt, dass in dieser Umfrage unser Entwurf erläutert oder gezeigt wurde. Daher möchte ich das Ergebnis infrage stellen. Davon aber abgesehen: Über Gestaltung, Design, Kunst und Kreation dürfen niemals Mehrheiten entscheiden. Dann würden in deutschen Museen womöglich nur Sonnenuntergänge mit röhrenden Hirschen hängen, und in den Opernhäusern würde ausschließlich Helene Fischer laufen. Deshalb werden solche weitreichenden Gestaltungsentscheidungen aus gutem Grunde an Fachjurys übertragen.

Aus Leserbriefen, die uns erreichen, spricht große Skepsis …

In die deutsche Einheit bringt jeder seine persönliche Biografie und Erfahrung mit. Entsprechend unterschiedlich sind die Reaktionen. Es wäre furchtbar, wenn ein Denkmal allen gefiele. Wenn ich Menschen erläutere, dass unser Entwurf – anders als konventionelle Denkmale, die man als davor Stehender betrachtet und entschlüsseln muss – Beteiligung ermöglicht, dass durch Betreten der Schale der Bürger zum Bestandteil des Denkmals wird, lassen sich viele überzeugen. Gemeinsame Verständigung, Entscheidung und gemeinsames Handeln erzeugen Bewegung und Veränderung – das ist das Wesen friedlicher Revolutionen.

Die Kosten sind inzwischen von elf Millionen Euro auf 17 Millionen Euro gestiegen. Wie kommt das?

Unsere Schale ist nicht teurer geworden. Allerdings werden Kosten, die einst dem Sockel zugeordnet wurden, jetzt vertragstechnisch als dem neuen Denkmal zugehörig berechnet. Und in den sieben Jahren seit wir den Wettbewerb gewonnen haben, sind natürlich die Baupreise gestiegen.

Angeblich gibt es Mehrkosten für Barrierefreiheit, Sicherheitsmaßnahmen wie Geländer oder die Gründung im instabilen Boden …

Das sind Gerüchte, die von Leuten in die Welt gesetzt werden, denen die Argumente ausgehen. Alles definitiv falsch. Alles wurde bereits 2011 von uns mit den Wettbewerbsunterlagen eingereicht – bedacht, berechnet, TÜV-zertifiziert.

Sieben Betonpfeiler, jeder mit einem Meter Durchmesser, müssen durch den Sockel getrieben werden. Stört sie nicht, dass dieses frühe Denkmal stark geschädigt wird?

Das Gewölbe des historischen Sockels wurde beim Abbruch des Kaiser-Wilhelm-Reiterstandbildes 1950 in der Mitte stark beschädigt. An dieser Stelle werden wir sieben schlanke Pfeiler durch das Gewölbe führen, um das Gewicht des Denkmals in den festen Grund unter dem Sockel abzuführen. Jeder Entwurf bräuchte eine solche Gründung, denn der vorhandene Sockel könnte kein Denkmal tragen. Von „Zerstörung“, wie jüngst von Kultursenator Lederer suggeriert, kann keine Rede sein. Übertreibungen und Verzerrungen vermischen sich manchmal mit einem ästhetischen oder politischen Diskurs.

Nun verzögert sich auch noch der Verkauf des Grundstückes vom Land Berlin an den Bund…

Zehn Jahre hatte der Bund Zeit, das Grundstück zu kaufen. Am 22. August soll der Verkauf nun vollzogen werden. Und für die bereits beantragte Verlängerung der Baugenehmigung gilt Baurecht, nicht Politik. Übrigens hat Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) dieser Tage per Twitter mitgeteilt, Haushaltsausschuss und Ältestenrat hätten sich auf die Freigabe der 17,1 Millionen Euro im September verständigt. Es ist höchste Zeit, nun endlich die mutigen und friedlichen Bürgerrechtler mit diesem Denkmal zu ehren und die Menschen in Zukunft sehen und erleben zu lassen, dass Verständigung und Einigung die Grundlage unserer Gesellschaft sind.