Berlin - Der Blogger und Musiker Johnny Haeusler gründete zusammen mit seiner Frau Tanja das Festival für digitale Jugendkultur namens Tincon. Es fand in diesem Jahr erstmals in Berlin statt. Haeusler hat zudem den Digitalkonvent re:publica mitbegründet und ist als Vater zweier Söhne mit der Generation Internet vertraut. Als Medienexperte ist er auch an Schulen tätig.

Herr Haeusler, sind die Berliner Schulen in der digitalen Welt vorangekommen?

Ich fürchte nicht – und ich habe in den vergangenen Jahren viele staatliche Schulen kennengelernt.

Was haben Sie dort festgestellt?

Digitale Bildung wird einseitig verstanden, als ginge es nur um die entsprechende Technik. Die Ausstattung mit Computern, Tablets oder Smartphones ist aber nur ein Teil des Ganzen. Es ist mindestens ebenso wichtig sich klarzumachen, wie wir mit dieser Technik umgehen. Leider stehen viele Lehrer dem digitalen Wandel noch eher ablehnend gegenüber.

Was sollten Schüler also lernen?

Die junge Generation ist hineingeboren worden in diese digitale Welt. Sie nutzen die digitale Technik, vor allem Smartphones, als Hauptkommunikationsmittel. Was aber mit all diesen Daten geschieht und wie diese Technologien auch für negative Zwecke eingesetzt werden können, ist vielen jungen Leuten nicht so klar.

Wie könnten Schüler und ihre Lehrer stärker zueinander finden?

Sie sollten sich viel öfter zusammensetzen und sich fragen, wie man diese Technologie sinnvoll in den Unterricht integrieren könnte. Im Grunde sind Tablets oder Smartphones in jeder Art von Unterricht einsetzbar. Es geht um eine neue Kulturtechnik, die viele große Fragen aufwirft.

Woran denken Sie?

Wie verändert sich Demokratie? Wie kann man die digitale Technik für propagandistische Zwecke nutzen? Wo finde ich überhaupt belastbare Informationen im Netz? Ganz wichtig ist zu klären, was mit meinen Daten alles passieren kann.

Sollte es ein Schulfach Programmieren geben? Als weitere Fremdsprache? Damit der Mensch lernt, die neue Technik zu beherrschen – und nicht umgekehrt ?

Ich habe mich mal mit Leuten angelegt, weil ich gesagt habe, nicht jeder muss in Zukunft programmieren können. Ich finde es toll, wenn das jemand kann. Aber es liegt nicht jedem, zumal es ja auch verschiedene Programmiersprachen gibt. Man sollte aber grundlegend Bescheid wissen, welche Sprache ein Computer spricht, welche Instruktionen er versteht.

Sie haben zwei jugendliche Söhne. In dem Buch „Netzgemüse“ beschreiben Sie und Ihre Frau Tanja das Leben in einer digitalisierten Familie. Was ist neu?

Früher haben alle zusammen Fernsehen geguckt, heute guckt jeder auf seinen Bildschirm oder sein Smartphone. Die Kommunikation findet mittlerweile auf verschiedensten Ebenen statt. Zum Beispiel beim Computer-Spielen, dem Online Gaming.

Sie daddeln mit?

Da müssen mich meine Söhne beraten. Sie daddeln nicht nur, sondern chatten per Mikrofon auch noch auf Englisch – mit Spielergruppen in Russland oder Frankreich. Oder der E-Sport, der wahrscheinlich bald olympische Disziplin wird. Letztens war die Halle am Ostbahnhof ausverkauft – und 12 000 Kids haben zugeschaut, wie je fünf Leute beim „League of Legends“-Endspiel gegeneinander Computer spielten. Eltern sollten der digitalen Jugendkultur mit Respekt begegnen.

Haben Sie Ihren Kindern nie Stoppzeichen gesetzt im Umgang mit Smartphone und Computer?

Sie sind 14 und 17, da hat sich das eingepegelt. Beide sind gerade im Pokemon-Go-Fieber. Der Große hat gerade berechnet, dass er deshalb schon 120 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hat. Als sie jünger waren, gab es immer mal wieder Einschränkungen. Wir haben zum Beispiel gesagt, die Handys bleiben nachts an der Ladestation in der Küche, damit sie nicht im Bett noch stundenlang damit herumspielen.

Fast jede Schulklasse hat heute eine eigene WhatsApp-Gruppe. Da kann es wegen eines kurzen Eintrages schnell zu heftigem Streit kommen.

Das sind genau die Themen, die auch im Schulunterricht nach vorne geholt werden können. Moralisch-ethische Fragen tauchen da auf, wo jüngere Menschen auch von den Älteren lernen können. Das passiert ja auch uns Erwachsenen schon mal, dass man sich für eine E-Mail entschuldigen muss, weil sie als zu schroff im Ton wahrgenommen wurde. Bei Jugendlichen, die ja auch gnadenlos gemein sein können, schaukelt sich das noch schneller hoch. Selbst Emojis werden oft falsch aufgefasst. Da brauchen die Kids Ansprechpartner: Eltern und auch die Schule können sich da nicht aus der Verantwortung ziehen.

Was wäre denn das beste digitale Lernmittel für die Schulen. Tablets?

Wichtig ist, dass eine Interaktion möglich ist. Ich persönlich finde es toll, Zahlen und Daten zu visualisieren. Als Grafik oder Film sind komplexe Vorgänge besser nachvollziehbar.

Wie wird sich das Schulbuch wandeln?

Es gibt viele veraltete Schulbücher, die noch in Gebrauch sind. Mit digitalen Möglichkeiten könnte das aktueller und abwechslungsreicher sein. Aber die Vormachtstellung der paar großen Schulbuchverlage bremst die Entwicklung. Und für jedes Bundesland gibt es noch einmal eigene Bestimmungen.

Wie wird sich das digitale Lernen entwickeln?

Womöglich werden in den nächsten Jahren viele neue Privatschulen gegründet, die die digitale Bildung umsetzen wollen. Eine Montessori-Schule könnte dann ihre Schüler wählen lassen, mit welchem Lernmittel sie sich in der Woche beschäftigen wollen. Und auch digitale Geräte anbieten.

Was bringt das den Schülern ?

Eine fokussierte Beschäftigung mit einem Thema über einen längeren Zeitraum findet ja leider viel zu selten statt. Dabei lernt man dabei am meisten. Das kann Mathe oder kreatives Schreiben sein oder auch künstlerische Gestaltung.

Muss die Politik bein Thema digitale Bildung nicht aktiver werden?

Der Staat muss in dieser Frage die Richtung vorgeben. Er muss auch Rahmenbedingungen setzen, wie Schulen mit Konzernen umgehen sollen, die hier einen großen Markt sehen. Dann kann es halt passieren, dass Apple ein paar MacBooks spendet, und dafür benennt sich die Schule nach Apple-Gründer Steve Jobs.

Sie waren ja selber an Schulen als Internetexperte tätig. Wie war das?

Ich habe zum Beispiel an einer Grundschule unterrichtet. Dort dachten die Schüler, ihr Computer ist kaputt, wenn das Internet mal nicht funktioniert hat. Ich habe denen dann an der Tafel aufgezeichnet, wie das Internet funktioniert. Irgendwann hatten sie es verstanden. Man braucht nicht immer die neueste Technik.

Wie wird die Digitalisierung das Lernen verändern?

Wir sollten uns darauf verständigen, das Lernen zu lernen. Schüler müssen wissen, wo sie die besten Informationen finden. Wir trichtern noch zu sehr Wissen ein, bis man 18 oder 19 ist. Dabei werden wir künftig immer wieder neu lernen müssen. Ich bin jetzt 52. Wenn ich nicht immer dazu lernen würde, könnte ich meinen Job nicht mehr machen.

Das Gespräch führte Martin Klesmann.