Herr Wegner, befürworten Sie die Ehe für alle?

Ich habe mich dazu mehrfach klar positioniert.

Und zwar positiv.

Auch aus Respekt vor unseren Mitgliedern möchte ich meine Position nicht in den Vordergrund rücken. Ich halte den Vorschlag unseres Landesvorsitzenden Frank Henkel, die Mitglieder zu befragen, für sehr gut. Das ist ein gesellschaftspolitisches Thema, das von großer Bedeutung ist. Wir befragen 12.500 Menschen und nehmen ihre Meinung ernst. Wenn alle Mandatsträger im Vorfeld sagen, ob sie dafür oder dagegen sind, hat das nicht viel mit Respekt zu tun. Wir sind der erste Landesverband der CDU, der seine Mitglieder zu einem Sachverhalt befragt.

Wie schätzen Sie die Stimmung ein?

Ich will gerne eingestehen, dass die CDU auf den ersten Blick den stärksten Diskussionsbedarf hat, weil es in anderen Parteien schon entsprechende Beschlüsse gibt. Aber wir haben da gar nicht so viel Nachholbedarf. Wir als Landesverband haben die Lesben- und Schwulen-Union anerkannt, wir sind beim Christopher Street Day präsent, wir haben zahlreiche bekennende homosexuelle Mandatsträger. In aktuellen Umfragen sprechen sich 62 Prozent der CDU-Mitglieder für eine Gleichstellung aus. Aber es gibt natürlich auch Argumente, wonach die grundgesetzlich geschützte Ehe ausschließlich von Mann und Frau eingegangen werden könne. Das wird eine spannende Diskussion. Ich bin ganz optimistisch, dass am Ende unsere Mitglieder einen Beschluss treffen, der zu unserer Partei und zu unserer Stadt passt.

Sprechen Sie sich auch für eine Anpassung der Adoption aus?

Mit der sukzessiven Adoption gibt es schon heute Möglichkeiten. Aber das Thema gehört natürlich dazu, wenn wir zu einer vollen Gleichstellung der bürgerlichen Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften kommen wollen. Es gibt bereits zahlreiche Verbesserungen, die allesamt in Regierungszeiten der CDU im Bund beschlossen wurden. Letztlich geht es um die Frage: Wie nennen wir gleichgeschlechtliche Verbindungen, nennen wir sie Ehe oder Verpartnerung?

Warum nehmen Sie sich so wenig Zeit für die Mitgliederbefragung?

Damit man uns nicht vorwirft, wir spielen auf Zeit. Wir haben uns genau überlegt, wie viele Informationsveranstaltungen stattfinden können. Da hat jeder die Möglichkeit, teilzunehmen. Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen, nämlich fünf Wochen. Dagegen benötigte die SPD für ihre Casting-Show bei der Suche eines Regierenden Bürgermeisters drei Monate und lähmte die Senatskanzlei.

Und wenn die Basis mehrheitlich mit Nein stimmt? Ist die CDU dann noch eine liberale Großstadtpartei?

Nehmen wir doch das Ergebnis nicht vorweg. Wie auch immer der Entscheid ausgeht: Wir stehen weiterhin für eine soziale und liberale Großstadtpolitik.

Aber als Großstadtbeauftragter der CDU sollten Sie Ihren Mitgliedern doch vor Augen führen, wie bestimmte Positionierungen künftige Wahlergebnisse beeinflussen. Gerade hat die CDU in Dresden eine weitere Bürgermeisterwahl verloren.

Das stimmt. Allerdings hat in Dresden das bürgerliche Lager aus FDP und CDU eine klare Mehrheit. Ich bin optimistisch, dass Dresden weiter bürgerlich regiert wird.

Sonst plädieren Sie für Schwarz-Grün. Sehen Sie dafür in Berlin eine Perspektive?

Wenn man wie die SPD eine derart lange Zeit regiert, meint man schon einmal, dass einem die Stadt gehört. Es tut der Demokratie nicht gut, wenn sich in Berlin die SPD immer nach Gutsherrenart einen Koalitionspartner aussucht. Mein Ziel ist, dass die CDU nach der nächsten Wahl unterschiedliche Koalitionsoptionen hat. Wir sind selbstbewusst und entschlossen, stärkste Kraft zu werden. Wenn wir dann die Möglichkeit haben, mit mehreren Parteien zu sprechen, können wir auch mehr von unserer Politik durchsetzen.

Bei welchen Themen muss sich die CDU anders aufstellen, um in Großstädten wieder erfolgreich zu sein?

Ich glaube, die CDU hat oft ein Vermittlungsproblem. Bei der Kinderbetreuung haben wir viel gestaltet und umgesetzt. Aber die Menschen verbinden das nicht mit unserer Partei. Das gilt auch für andere gesellschaftspolitischen Themen: Wir haben viele Angebote für unterschiedliche Lebensmodelle, nicht nur für gleichgeschlechtliche Paare, sondern auch für Alleinerziehende und Patchwork-Familien. Aber diese Themen gehen nicht mit uns nach Hause.

Wird es bei der CDU in Zukunft mehr Mitgliederentscheide geben?

Wenn der Mitgliederentscheid erfolgreich ist, dann wird er nicht der letzte sein. Und er wird Schule machen in der Bundespartei. Ich werde schon jetzt ganz häufig von Kollegen angesprochen, die sagen: gute Idee! Wie setzt ihr das um?

Sind die Diskussionen öffentlich?

Das entscheiden die Veranstalter. Ich fände es gut, wenn die Partei intern offen diskutiert. Jeder, der mitdiskutieren möchte, sollte jetzt CDU-Mitglied werden.

Gibt es dafür eine Frist?

Nein. Jeder, der vor dem Entscheid beitritt, kann mitstimmen.

Das Gespräch führten Frederik Bombosch und Thorkit Treichel.