Interview mit Keith Flint und Liam Howlett von The Prodigy: "Moderne Technik macht überbezahlte DJs faul"

Berlin - Es ist jetzt 18 Jahre her, dass The Prodigy ihr erfolgreichstes Werk „The Fat Of The Land“ veröffentlichten und mit einer Mischung aus wuchtigen Breakbeats und punkiger Attitüde die ravenden Massen begeisterten. Auch für ihr gerade erschienenes Album „The Day Is My Enemy“ ist das britische Trio dieser Formel treugeblieben. Bevor die Band am Sonnabend im Velodrom spielt, erzählten uns Frontmann Keith Flint (46) und Songschreiber Liam Howlett (44) von faulen Kollegen, ihrem Überhit „Firestarter“ und ihren Erinnerungen an Berlin.

Meine Herren, waren Sie jemals im Berghain?

Liam Howlett: Wo bitte? Nie gehört! Kann aber trotzdem sein, dass wir dort waren, weil uns Leute nach Konzerten oft in Clubs mitgeschleppt haben. Aber in Deutschland waren wir schon lange nicht mehr unterwegs.

Keith Flint: In Berlin gibt es die coolsten Auftrittsmöglichkeiten überhaupt – und jede Halle hat seine eigene Geschichte. Als wir 1992 das erste Mal hier spielten, war das ein ziemlich verrückter Gig in einem Elektrizitätswerk. Die Raveszene hier hat uns sehr früh adoptiert. Und alles fühlte sich etwas frischer an als in unserer Heimat.

Jetzt sind Sie Mitte Vierzig. Gehen Sie immer noch in Clubs?

Liam Howlett: Eigentlich sollte das zu unserer Jobbeschreibung dazu gehören, aber wenn ich nicht gerade mit der Band unterwegs bin, bin ich ein langweiliger Familien-Daddy.

Keith Flint: Ich war ab und zu in der „Fabric“ in London, um mir mal anzusehen, worauf die jungen Menschen so tanzen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich kein Clubber mehr bin. Es ist einfach nicht mehr mein Ding, auch wenn ich auf der Bühne immer noch so wild drauf bin wie früher. Ich finde, dass ich mittlerweile zu einem englischen Gentleman gereift bin. Das fand ich auch immer toll an Punk-Impresario Malcolm McLaren: Der hatte sich nach den wilden Jahren genug Hirnzellen und Würde bewahrt, um im reiferen Alter gute Anekdoten aus goldenen Zeiten zu erzählen. Und die Leute respektierten ihn und hörten ihm gerne zu.

Sie besitzen ja einen eigenen Pub in Essex. Kann man Ihnen da auch zuhören?

Keith Flint: Oh ja, es ist ein sehr schöner, traditioneller Pub, auf den ich sehr stolz bin. Ich bin da einfach nur Keith, der Kneipenwirt. Manchmal lässt sich die Musikkarriere aber nicht davon trennen. Immer, wenn ich im Winter Holz in der Feuerstelle nachlege und es anzünde, ruft irgendein Gast laut ,Firestarter!’ Dann lachen alle und ich sage: ,Das macht ein Pfund in die Strafkasse!’ So sind bisher immerhin schon 147 Pfund für den guten Zweck zusammengekommen.

Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Sie Ihren größten Hit „Firestarter“ geschrieben haben?

Keith Flint: Sehr genau sogar. Liam spielte mir den Track vor, für den ich die Vocals aufnehmen sollte. Und es war ein magischer Moment. Als wir fertig waren, haben wir uns das Lied immer und immer wieder im Auto angehört. Wir waren zwar hundemüde, aber wir wussten, das ist ein Kracher! Das Stück hat Liam und mich zu Verbündeten gemacht. „Firestarter“ repräsentiert für mich aber auch die Verrücktheit und den Hedonismus der Neunziger.

Liam Howlett: Der Song ist jetzt fast 20 Jahre alt, aber die Leute drehen immer noch durch, wenn das Stück aufgelegt wird. Das ist wie ein Vulkanausbruch auf der Tanzfläche!

Inwieweit können Sie sich noch mit der heutigen Dance-Szene identifizieren?

Liam Howlett: Das was da heutzutage produziert wird, klingt doch alles nur noch weichgespült und viel zu kommerziell! Ich habe gestern erst einen Dubstep-Track als Hintergrundmusik in einer Talkshow gehört. So was hätte es in den Neunzigern nicht gegeben. Außerdem macht die Technologie die Künstler faul. Das haben wir gesehen, als wir mal einen Trip nach Ibiza unternommen haben: Überbezahlte DJs spielen Musik von vorgefertigten Tonträgern vor Livepublikum ab. Wo ist da die Kreativität? Deshalb bin ich der Überzeugung: Die Danceszene braucht uns!

Halten Sie The Prodigy für unterschätzt?

Liam Howlett: Das klingt nach verbittertem alten Mann, wenn ich das sage: Aber The Prodigy waren kulturell nicht weniger bedeutend als The Clash und die Sex Pistols Ende der Siebziger oder Oasis und Blur in den Neunzigern – das sollte jedem klar sein. Ich brauche aber keine Anerkennung oder Bestätigung für das, was wir im Genre Dance angeschoben haben. Denn ich weiß, dass ohne The Prodigy eine Menge Leute weniger Spaß gehabt hätten.

Keith Flint: Wir kamen damals aus der Underground-Szene. Aber die gibt es im Dance heutzutage gar nicht mehr. Dance meint heutzutage meist Popmusik. Künstler werden dazu gezwungen, mit ihrem Sound auf Sicherheit zu gehen und möglichst viele Leute anzusprechen.

Ist Ihr neues Album also eine Gegenreaktion auf die Musik der Kollegen? Es klingt ja recht aggressiv und heftig.

Liam Howlett: Es ist auf jeden Fall eine Reaktion darauf! Aber wir mussten das gar nicht erzwingen. The Prodigy repräsentierten immer schon das harte Ende der elektronischen Musik. Wir sind eine richtige Band, die den Sound mit Instrumenten erzeugt. Und dass das diesmal besonders brachial klingt, dürfte auch daran liegen, dass ich nur nachts an der Platte gearbeitet habe: Die Musik von The Prodigy lebt nun mal in der Nacht, wenn die Normalos schlafen und nur die Freaks auf sind!

Das Gespräch führte Katja Schwemmers.