Neue Finanzlöcher, kaputter Flughafen, ungeklärte Nachfolge – es gibt viele Themen, die Klaus Wowereit auf die Stimmung schlagen könnten. Aber bei dem Gespräch im Roten Rathaus ist davon nichts zu spüren, er kichert, grinst, bleibt auch bei nervigen Fragen cool.

Herr Wowereit, nächste Woche kommt der amerikanische Präsident Obama nach Berlin. Ist der Besuch das Highlight in Ihrer Karriere?

Er wird für Berlin wichtig sein, aber wir hatten in den vergangenen Jahren auch schon andere sehr wichtige Termine, wie zum Beispiel die Feier zum 20-jährigen Mauerfall am Brandenburger Tor mit Staatsgästen aus aller Welt.

Also ein Besuch unter vielen?

Wir freuen uns, dass Obama nun auch als amtierender Präsident kommt.

Werden Sie selbst am Brandenburger Tor dabei sein?

Die Kanzlerin wird reden, und ich halte eine Begrüßungsansprache. Der Präsident wird sich auch ins Goldene Buch der Stadt eintragen.

Am Anfang wurde der Präsident gefeiert, jetzt gibt es viel Kritik. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Obama ist mit riesigen Erwartungen ins Amt gewählt worden. Es war von Anfang an klar, dass irgendwann Abstriche gemacht werden müssen. Es gab Erwartungen, die ein amerikanischer Präsident schwer erfüllen kann. Aber er ist dann auch deutlich wiedergewählt worden. Und er hat im Wahlkampf klare politische Akzente gesetzt, sich für die Rechte von Minderheiten eingesetzt.

Viele Deutsche sind enttäuscht von Obama, gerade auch angesichts der Lausch-Affäre.

Ist das wirklich so? Mein Eindruck ist, dass er in Deutschland nach wie vor sehr populär ist. Und das Thema Datenschutz ist ja ein weltweites Thema: Wie geht man heute mit den neuen Medien um? Inwieweit kann dort Persönlichkeitsschutz überhaupt noch gesichert werden? Es wirkt ja abstrus, wie detailliert unser deutscher Datenschutz geregelt ist, während Bürger im Netz oft sogar freiwillig persönliche Daten veröffentlichen. Wie weit hat ein Bürger noch zivile und individuelle Rechte, wo endet die Durchleuchtung in seine intimsten Dinge? Da müssen wir höllisch aufpassen.

Bekommt der Pariser Platz, der von vielen als Rummelplatz der Nation verspottet wird, vielleicht durch die Absperrungen seine Würde zurück?

Die Sicherheitsvorkehrungen sind notwendig, wenn ein amerikanischer Präsident kommt. Aber das soll natürlich nicht der Normalzustand sein. Wir wollen keinen Platz, der abgeschottet ist. Es ist ein lebendiger, schöner Platz.

Haben Sie sich mal mit einem der verkleideten Bären oder NVA-Soldaten fotografieren lassen?

Der Bär ist immerhin ein Symbol von Berlin. In Rom gibt es Debatten über Gladiatoren-Kostüme, bestimmte touristische Angebote finden Sie in jeder Stadt. Wenn Kleinst-Unternehmer und Ich-AGs dort versuchen, ihr Geld zu verdienen, finde ich das in Ordnung. Wenn dabei gegen Regeln verstoßen wird, sind Polizei und Ordnungsämter zuständig und greifen auch ein. Aber ich will nicht den Pariser Platz leer fegen. Wir sind nicht in einer Diktatur.

Was ist mit dem Zensus: Schrumpft Berlin oder wächst Berlin gerade?

Berlin wächst. Dass Berlin in den vergangenen drei Jahren einen Bevölkerungszuwachs erlebt hat, ist unstrittig. Der neue Zensus ist letztlich ja eine Hochrechnung. Daraus hat sich leider ergeben, dass in Berlin statistisch 180 000 Personen weniger anzunehmen sind. Wir schauen uns diese Berechnungen gerade noch einmal gründlich an, nicht alles erscheint da plausibel. In der Konsequenz sollen wir beim Länderfinanzausgleich viel Geld zurückzahlen. Das ist unerfreulich, aber Berlin wächst trotzdem.

Wollen Sie den Zensus anfechten?

Wir haben vom Statistischen Landesamt einen Bescheid bekommen, in dem die Einwohnerzahlen festgesetzt werden. Daraus ergeben sich automatisch Veränderungen etwa bei den Zuweisungen aus dem Länderfinanzausgleich. Insofern müssen wir überprüfen, ob die Festlegungen mathematisch-statistisch richtig sind, ob es handwerkliche Fehler gab. Wenn zum Beispiel der besonders betroffene Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf das nachweisen kann, dann bin ich dafür, in den Widerspruch zu gehen. Auch weil das langfristig starke Auswirkungen hat.

Was ist Ihr Gefühl: Kann das mit den 180 000 Leuten weniger stimmen?

Es gab im Zensus eine Bereinigung bezogen auf Leute, die in den vergangenen 20 Jahren aus Berlin weggezogen sind. Das sind allein 50 000. Zusätzlich wurden durch stichprobenartige Erhebungen Menschen identifiziert, die offenbar nicht mehr da sind. Die wurden dann mit einem Faktor von 5,2 Prozent auf die gesamte Stadt hochgerechnet. Daraus ergaben sich statistisch 175 000 Einwohner weniger. Man hat aber auch einige Menschen gefunden, die da sind, obwohl sie nicht gemeldet waren. Die wurden aber nur mit dem Faktor 2,2 Prozent auf die Gesamtstadt hochgerechnet. Diese Diskrepanz scheint mir einer der Kardinalfehler zu sein. Die Grauzone gibt es ja deshalb, weil in Berlin nur an gut 7 000 Adressen stichprobenartig diese Daten erhoben wurden. Mein Eindruck ist, es sind mehr Leute da als hochgerechnet.

Wäre es nicht ein Vorteil, wenn die Stadt etwas weniger voll ist?

Wir hatten lange ein gehemmtes Wachstum durch die widernatürliche Teilung der Stadt, das darf man nicht vergessen. Es lebt sich immer noch sehr kommod in Berlin. Wir haben keine Ausschreitungen in den Vororten wie in Paris, und man muss nicht zwei Stunden zur Arbeit pendeln. Es ist ein positives Zeichen, wenn Menschen hierher kommen wollen.

Was ist mit den alteingesessenen Berlinern? Fühlen die sich nicht fremd in der Stadt, die zunehmend zu einem Erlebnispark wird?

Die Stadt ist so groß, nicht jeder hält sich dauernd am Brandenburger Tor auf. Jeder hat sein soziales Umfeld, bei der Arbeit, beim Lieblingsgastwirt. Es ist doch nicht so, dass man täglich mit Touristenmassen konfrontiert ist.

Sie leben ja auch nicht in Kreuzberg.

80 Prozent der Bevölkerung der Stadt lebt außerhalb der Mitte der Stadt. Das wird gern vergessen. Prenzlauer Berg ist schön, Kreuzberg auch, aber es gibt auch Marzahn, Hellersdorf, Frohnau. Ich finde, es wird auch ein Problem, wenn manche Leute denken, dort könne man nicht leben.

Ist Laissez-faire eigentlich ein Regierungsprinzip von Ihnen? Die Leute nicht zu sehr belästigen?

Von Laissez-faire kann keine Rede sein. Aber diese Stadt ist hektisch, da kann eine heitere Gelassenheit nicht schaden – falls Sie die meinen. Wir hatten diese kleinkarierte, dumme Schwabendebatte. Weltstadt zu sein, will gelernt sein. Dazu gehört auch, sich nicht von jeder Kleinigkeit den Tag verderben zu lassen. Aber in der Politik bin ich eher jemand, der kontrolliert.

Ach ja? Die Verteuerung der Mieten in den vergangenen Jahren haben Sie aber laufen lassen.

Wenn Sie 150 000 leere Wohnungen haben, müssen Sie keinen Wohnungsbau machen. Auch das hatte mit Laissez-faire nichts zu tun, die Lage war entspannt. Sie hat sich in den letzten drei Jahren aber verändert. Wir müssen darauf achten, dass Menschen mit wenig Einkommen weiter mithalten können – wie Rentner, Studenten, auch Künstler. Wir müssen mit neuen Prioritäten entscheiden: Wie kann man welche Flächen nutzen? Wo soll man investieren? Wie schafft man Infrastruktur, die dazugehört?

Trotz Zensus Wohnungen bauen?

Unbedingt. Es hat jahrelang gar keinen Wohnungsbau gegeben. Heute gibt es wieder privat finanzierten, auch eine Nachfrage im hochpreisigen Wohnungsbau. Und steigenden Bedarf an Wohnungen mit bezahlbaren Mieten.

Wollen Sie auch den privaten Wohnungsbau staatlich fördern?

Den werden und wollen wir nicht fördern, es sei denn, es gibt Quersubventionen zu bezahlbaren Wohnungen. Wenn man den Privaten etwas abverlangt, etwa mit städtebaulichen Verträgen, dann lässt sich Wohnungsbau arrangieren, ohne dass man Milliarden investieren muss. Im Übrigen: Wir werden im Doppelhaushalt 2014/15 im Umfang von 64 Millionen Euro pro Jahr Mittel zur Verfügung stellen, um mehr preiswerten Wohnraum zu schaffen.

Kein „Sparen, bis es quietscht“?

Wir werden selbstverständlich das Ziel der Haushaltskonsolidierung nicht aus den Augen verlieren. Die Schuldenbremse gilt schließlich ab 2020. Die Mindereinnahmen aus dem Länderfinanzausgleich von 470 Millionen Euro pro Jahr können wir nicht einfach mal wegsparen, aber insgesamt bleiben wir bei unserem Ziel.

Sie wollen weiterhin 2015 ohne neue Schulden auskommen?

Warten Sie den Haushaltsentwurf ab. Es muss klar sein, dass wir nicht auf einmal nachlässig werden.

Muss Berlin jetzt auch noch für die Fluthilfe zahlen?

Selbstverständlich. Es muss eine solidarische Hilfe geben, und es ist völlig unstrittig, dass sich der Bund und alle 16 Länder daran beteiligen.

Wie viel muss Berlin von den acht Milliarden Euro tragen?

Die Umsetzung der Hilfe und die Gesamtsumme sind noch offen. 2002 waren wir mit rund 150 Millionen beteiligt. Es werden sicherlich zweistellige Millionenbeträge sein, die Berlin jährlich aufzuwenden hat.

Frustriert Sie das nicht? Zwölf Jahre haben Sie regiert, Berlin hat immer noch 60 Milliarden Euro Schulden und immer kommt noch was dazu?

Sie dürfen nicht vergessen, dass wir vor zwölf Jahren eine andere Perspektive hatten. Wenn wir damals nicht umgesteuert hätten, wären wir heute bei 90 Milliarden Euro Schulden. Oder noch mehr. Wir haben hart an der Konsolidierung gearbeitet, haben dabei viele Konflikte ausgehalten. Aber es war richtig, und es hat sich gelohnt. Wir haben in der Zwischenzeit sogar schon Schulden zurückzahlen können, auch weil wir Glück mit den niedrigen Zinsen hatten.

Macht Ihnen jetzt das Regieren wieder Spaß, nach dem Debakel mit dem Flughafen?

Alles, was mit der gescheiterten Eröffnung des Flughafens zusammenhängt, stellte und stellt immer noch eine große Herausforderung dar. Die Verschiebung war ein herber Rückschlag. Jetzt schauen wir nach vorne.

Also kein Spaß?

Ohne eine positive Grundstimmung kann man anstrengende Aufgaben nicht wahrnehmen. Dann sollte man aufhören. Am 16. Juni sind es bei mir zwölf Jahre als Regierender, im Herbst werde ich 60 Jahre alt. Aber warum soll es bei mir so viel anders sein als bei allen anderen Menschen, die eine lange Periode in ihren Job sind? Die Lebenswirklichkeit ist, dass man länger als zwölf Jahre in einer beruflichen Rolle arbeitet.

Sind Sie froh, dass Sie den Aufsichtsrats-Chefposten vom BER los sind?

Ich kümmere mich weiter intensiv um den Flughafen und nehme die Interessen Berlins wahr. Die Debatte um Tegel zeigt, dass es Kräfte gibt, die Entscheidungen rückgängig machen wollen. Umso wichtiger ist mein Einsatz.

Wenn Sie sich einen Nachfolger backen könnten, wie müsste er oder sie sein? Was wäre das Beste für Berlin?

Wir sind mitten in der Arbeit, die Frage steht überhaupt nicht an.

Aber Sie werden sich doch darüber Gedanken machen, wie es nach Ihnen weitergeht.

Diese Frage beantworten dann andere. Nicht derjenige, der ausscheidet.

Machen Sie es sich nicht zu leicht?

Wir sind nicht in einem dynastischen Verhältnis, wo Nachfolgen einfach bestimmt werden. Dazu gibt es Gremien, die das alles sehr weise verantworten werden.

Wann ist es denn soweit?

Mein Auftrag gilt für diese Legislatur. Zu gegebener Zeit, Ende 2015, Anfang 2016, wird zu entscheiden sein, wie es weitergeht.

Sie werden aber nicht noch mal antreten, oder etwa doch?

Mit einem zeitlichen Vorlauf werden wir entscheiden, wie es weitergeht.

Können Sie sich vorstellen, weiter zu machen?

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Sind Sie für die Rente mit 67?

Wieso fragen Sie mich nach 67? Nach Ihrer Theorie geht es dann ja um die nächste Legislaturperiode, die wäre 2021 zu Ende, da bin ich schon 68.

Das Gespräch führten Sabine Rennefanz und Regine Zylka.