Aus einer Galerie in Marzahn sind vier Ölgemälde verschwunden, aus einer Villa in Dahlem Schmuck, aus einer Kirche in Kreuzberg das silberne Abendmahlgeschirr. Das sind aktuelle Fälle der Abteilung „Kunstdelikte“ beim Landeskriminalamt. Die zehn Mitarbeiter dort beschäftigen sich mit Diebstählen, Sachbeschädigungen, Fälschungen und Hehlerei von Kunstobjekten. Im Büro von Chef-Ermittler René Allonge im vierten Stock am Tempelhofer Damm sieht es selbst ein bisschen aus wie in einer Galerie.

Herr Allonge, was ist das da für ein Bild über Ihrem Schreibtisch?

Ein Kippenberger, „Spielende Kinder vor einem VW Käfer“. Es ist natürlich nicht echt. Der Fälscher wurde vor vier Jahren verurteilt.

Und das Bild dürfen Sie behalten?

Der Verurteilte hat damals der Einziehung der Fälschung zugestimmt. Und es sieht doch schön bunt aus an der Wand, und außerdem dient es uns als Anschauungsmaterial in Sachen Fälschungen.

Wann kommt Ihnen denn ein Bild verdächtig vor?

Wenn etwas unstimmig ist. Wenn ein Bild zum Beispiel an die 100 Jahre alt sein soll, aber nach frischer Farbe riecht. Wenn die obersten Farbschichten eines angeblich alten Gemäldes keine Brüche haben, oder wenn die Leinwand mit einem modernen Tacker statt mit Nägeln am Rahmen befestigt ist.

So dämlich kann doch keiner sein.

Es kommt vor. Wenn die Brüche in den Farbschichten eines angeblich alten Bildes fehlen und die Farben leuchten, macht uns das stutzig, aber das ist alles noch kein Fälschungsbeweis. Ein guter Beweis ist zum Beispiel erst, wenn ein anerkannter Experte sagt: Das passt überhaupt nicht zum Werk des Künstlers, hier stimmt der Duktus, also die Pinselführung, nicht, das Motiv gibt es nicht im Werksverzeichnis. Vieles läuft aber in den Laboren. Einen Teil können wir bei uns im Landeskriminalamt untersuchen, etwa Farbpigmente und Bindemittel. Viele Fälscher scheitern schon an diesen Sachen. Wir arbeiten auch mit Instituten zusammen, die einiges mehr können als wir. Es ist relativ schwer, da als Fälscher unbemerkt durchzukommen.

Sie sind „nur“ Polizist, haben Verwaltungsrecht und nicht Kunstwissenschaften studiert. Und trotzdem kennen Sie sich aus?

Man muss sich Fachwissen aneignen und das Interesse für die Materie haben. Alle, die hier arbeiten, wollten hierher. Sie müssen zudem ein vertrauensvolles Verhältnis in den Handel, zu den Experten haben, zu den Untersuchungsstellen, Sammlern und Museen. Wenn Sie da nicht gut vernetzt sind, werden Sie nichts aufklären.

Vor Ihnen auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel Akten, worum geht es da?

Um mehr als 10.000 mutmaßlich gefälschte Grafiken. Sie wurden in einer Fälscherwerkstatt in Nordrhein-Westfalen ausfindig gemacht, nach einem Hinweis aus dem Berliner Kunsthandel.

Haben Sie heute aktuell schon einen Fall auf den Tisch bekommen?

In der Nacht kam eine Keramikvase aus einem Vorgarten im Grunewald weg. Der Geschädigte hat das angezeigt. Die Vase soll einige Tausend Euro wert sein.

Was sind das für Leute, die Kunst stehlen, organisierte Banden im Auftrag von Kunstsammlern?

Diese hoch professionellen Kunstdiebe, wie man sie aus Filmen kennt, sind selten. 2009/2010, gab es mal eine Häufung von Fällen, die wir aufklären konnten. Da war eine polnische Einbrecherbande aus Bydgoszcz unterwegs, die großen Schaden angerichtet hat. Wir haben viel Diebesgut in Polen gefunden. Aber das ist vorbei, Osteuropäer spielen heute nicht mehr so eine große Rolle in unserem Bereich. Meistens sind bei den Einbrüchen in solchen Gegenden wie Grunewald, Wilmersdorf, Frohnau einzelne Serientäter am Werk, die auf das schnelle Geld aus sind. Wir haben es oft mit Beschaffungskriminalität zu tun.

Wie viele Fälle klären Sie auf?

Bei den Kunstdiebstählen fast jede zweite Tat. Damit liegt die Aufklärungsquote um das Fünffache höher als bei herkömmlichen Diebstählen. Nehmen Sie den Einbruch ins Brücke-Museum vor zwölf Jahren. Bei der Planung waren die Täter richtig gut. Aber dann konnten sie die Bilder nicht absetzen und wandten sich an dubiose Leute, die aufflogen. Die Bilder kamen nicht einmal aus Berlin raus.

Die beiden Spitzweg-Bilder „Der arme Poet“ und „Der Liebesbrief“ sind aber immer noch verschwunden. Sie wurden 1989 aus dem Schloss Charlottenburg gestohlen. Haben Sie Hoffnung, sie eines Tages wiederzufinden?

Die Akten stehen hier noch, alle Jahre kommt mal ein Hinweis, aber eine konkrete Spur gibt es derzeit nicht, obwohl jedes Kind die Bilder kennt. Das ist eigenartig. In diesem Fall könnte es wirklich so sein, dass wir es mit einer gezielten Auftragstat eines Kunstliebhabers zu tun haben.

Welche Strafe würde ihn denn erwarten, wenn Sie ihn schnappen?

Er ginge straffrei aus, wenn er die Bilder zurückbringen würde. Mord verjährt nicht, aber Kunstraub verjährt nach zehn Jahren. Ich habe in der Tat schon erlebt, dass Verurteilte nach Verbüßen ihrer Haftstrafe gestohlene Kunstwerke zurückgebracht und einfach bei uns unten an der Hauswache abgegeben haben.

Wozu heben Sie die Akten auf, wenn der Dieb keine Strafe mehr zu befürchten hat?

Wenn jetzt einer versucht, den Spitzweg zu verkaufen, dann kann das für ihn noch gefährlich werden, dann ist das Hehlerei und die ist noch nicht verjährt.

Sie klärten vor vier Jahren in Amtshilfe für Köln den größten Kunstfälscher-Skandal in der deutschen Nachkriegsgeschichte maßgeblich mit auf, den Fall Wolfgang Beltracchi mit 53 gefälschten Bildern und einem ergaunerten Betrag von 16 Millionen Euro. Beltracchi wurde wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt. Hat sich danach auf dem Kunstmarkt zum Schutz vor Fälschungen etwas verändert?

Es hat sich einiges getan. Früher ließ man sich von der Polizei nicht gern in die Geschäfte gucken, wenn es um hochklassige Fälschungen und Millionen ging. Nur wenn einer mal mit seinen Schadensersatzforderungen nicht weiterkam, machte er eine Anzeige, und dann waren wir mit im Boot und bekamen Einblicke in ein Gebiet, das uns sonst weitgehend verschlossen blieb. Inzwischen hat sich am Informationsverhalten viel geändert, und uns rufen Auktionshäuser an, wenn ihnen etwas komisch vorkommt. Außerdem gibt es mittlerweile Gerichtsurteile, die dem Kunsthandel beschreiben, was er machen muss, um seriös zu handeln: Beispielsweise das Prüfen der Provenienz, das Einholen von stilkritischen Einschätzungen oder eines technischen Gutachtens vor einer Auktion, wenn ein Bild extrem teuer ist.

Der Aktienmarkt brummt, der Kunstmarkt auch, das müsste doch Betrüger reizen.

Die Sammlerlandschaft hat sich komplett verändert in den letzten Jahrzehnten. In den 60er- und 70er-Jahren investierten Kunstsammler ihr Familienvermögen, in den 80er-und 90er-Jahren stieg dann die Zahl der Spekulanten an, die erkannt haben, dass man mit Kunst viel Rendite herausholen kann. Im Moment ist viel preiswertes Geld im Umlauf. Schauen Sie sich doch nur die Auktionen an, da werden die Preise immer verrückter. Gerade erst sind in New York zwei Warhol-Bilder für 150 Millionen Dollar weggegangen. Für solche extrem teuren Werke interessieren sich heute eher keine Einzelpersonen, sondern Firmengeflechte, teilweise Fonds als Anlageobjekte. Aber auch die können Opfer eines Betrugs werden.

Wie hoch vermuten Sie die Dunkelziffer an Fälschungen?

Es gibt ein großes Dunkelfeld. Zum einen sind die Besitzer solcher Fälschungen oft Leute, die einen gewissen Ruf haben. Und die haben kein Interesse daran, dass ihre Reputation beschädigt wird. Dies gilt insbesondere für Kunsthistoriker, die erkennen müssen, dass sie sich geirrt haben. Und natürlich hat ein Sammler auch immer die Sorge, dass bei einer Fälschung gleich der Wert seiner ganzen Sammlung infrage gestellt wird. Das sind alles Gründe, warum man bei einem Verdacht nicht gleich den Weg zur Polizei sucht.

Gehen Sie selbst zu Auktionen?

Ab und zu setzen wir uns mit rein, um die Mechanismen zu erkennen, wie das abläuft. Wir gehen auch über Flohmärkte und gucken, welche Händler da sind und was sie anbieten. Denn Flohmärkte sind auch beliebte Absatzmärkte für gestohlene oder gefälschte Sachen.

Wir dachten, die Sammlerszene würde in München oder Stuttgart aber nicht im armen Berlin sitzen?

Im Rheinland zum Beispiel wird man sicherlich ein größeres Konvolut an Kunstwerken finden als hier. Aber gerade im ehemaligen West-Berlin gibt es eine Reihe alteingesessener Sammlerfamilien. Etwa die Familie Pietzsch, die in der Nationalgalerie ihre Sammlung ausstellt, hat sehr viel für unsere Kulturlandschaft beigetragen. Bei den Sammlern in Berlin sind es mitunter nicht die ganz großen Namen, die jeder kennt, weil sie nicht so sehr bestrebt sind, in der Öffentlichkeit zu zeigen, was sie haben. Aber wann gilt jemand als Berliner Sammler? Viele haben Wohnorte auf Mallorca oder in New York.

Und wie sieht es mit der Händlerszene aus?

Es gibt die alteingesessenen Händler in der Suarezstraße in Charlottenburg, auf dem Markt an der Straße des 17. Juni, in den S-Bahnbögen. Inzwischen sind aber auch viele arabische Familien in den Kunsthandel eingestiegen. Der Kunstmarkt wird auch zur Wäsche von kriminell erlangtem Geld genutzt. Wir schauen da genau hin.

Gibt es Erkenntnisse über Kulturgüter, die aus Syrien kommen und angeblich in Deutschland in Sicherheit gebracht werden sollten?

Berlin ist bislang davon nicht betroffen. Wir hatten eher damit Probleme, dass solche Sachen gefälscht wurden und dann hier auf den Markt gebracht werden sollten. So hatten wir vor einiger Zeit mal mit einer vorgeblichen Goldmaske zu tun, die angeblich viele Millionen Euro wert gewesen sein soll, sich aber als Fälschung herausstellte. Unsere Münchener Kollegen haben dagegen öfter mit solchem Kulturgut aus Syrien zu tun, die Händlerszene dort hat den Schwerpunkt mehr auf Antiken.

Lassen Sie sich von Fälschern, die ihre Strafe verbüßt haben, beraten?

Wir sind mit solchen Leuten in Kontakt. Es kommt durchaus vor, dass sich Betroffene nach ihrer Verurteilung bei uns melden und ihre Zusammenarbeit anbieten. Das darf natürlich nur im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten passieren. Für uns ist interessant, welches Motiv diese Leute treibt. Gerade im Kunsthandel ist die Schwelle zur Diffamierung untereinander sehr niedrig.

Das Gespräch führten Sabine Deckwerth und Andreas Kopietz.