Interview mit Lothar de Maizière: „Berlin wird nicht regiert, sondern nur noch schlecht verwaltet“

Lothar de Maizière hat seine Anwaltskanzlei in der Chausseestraße in Mitte, auf einem Hinterhof, abseits vom Straßenlärm. Sein Büro ist gleichzeitig eine kleine, private Galerie. Grafiken von Manfred Butzmann, Horst Hussel, Arno Mohr und anderen DDR-Künstlern hängen dort. Auch Familienmitglieder sind vertreten – mit Ölbildern und Plastiken. Von seinem Schreibtisch aus blickt der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR durch eine große Fensterfront ins Grüne, auf den französischen Friedhof.

Einen wunderschönen Ausblick haben Sie.

Ja, ich gucke hier in meine Zukunft. Auf dem französische Friedhof liegen meine Eltern, und da will ich auch mal hin.

Wann ist Ihre Familie nach Brandenburg gekommen?

Die erste Geburt ist 1688 nachgewiesen. Möchten Sie einen Kaffee? Mit Milch? S Molokom?

Gerne. (Eine Mitarbeiterin bringt Kaffee in dem blau-gestreiften Design der Keramikerin Hedwig Bollhagen.) Oh, Bollhagen.

Wir haben hier nur Bollhagen. Mein Vater hat Hedwig Bollhagen 1972 bei der Enteignung begleitet. Ich habe in den 90er-Jahren ihre Reprivatisierung durchgesetzt. Außerdem ist sie die Cousine der Mutter von Thomas de Maizière.

Wie kommt es, dass Sie Ihre Kanzlei in Räumen des Erzbistums Berlin haben?

Diese Gebäude hier waren zu DDR-Zeiten enteignet, obwohl sie der katholischen Kirche gehörten. Meine Frau und ich haben nach der Wiedervereinigung die Restitution betrieben. Der Kontakt hat die Vertragsverhandlungen für das Büro erleichtert.

War es schwer, nach dem Rückzug aus der Politik wieder als Anwalt Fuß zu fassen?

In den ersten Jahren war ich mit Einigungsrecht befasst: Das kannte ich relativ gut, weil ich es teils selber gemacht hatte.

Wer sind heute Ihre Klienten?

Ich mache vor allem Wirtschaftssachen mit dem Schwerpunkt Osteuropa.

Wie erleben Sie diese Stadt als Brücke nach Osteuropa?

Das war einer der Gründe, warum ich für Berlin als Parlaments- und Regierungssitz gekämpft habe. Mir war klar: Wenn die Bonner Republik wirklich Deutschland werden will, dann geht das nur von Berlin aus.

Und, hat Berlin die Brückenfunktion übernommen?

Die letzten Wochen haben uns Zweifeln gelehrt. Aber ich bin schon der Meinung: Die gesamte Osterweiterung der EU, der große Schub 2004, wäre nicht ohne den Druck Deutschlands gelungen.

Aber welche Rolle spielt Berlin dabei?

Berlin ist ein Schmelztiegel der Kulturen geworden. Charlottenburg heißt längst wieder Charlottengrad. Tausende Russen wohnen hier, auch viele Polen. Die würden nicht nach Bonn ziehen. Auf kulturellem Gebiet gibt es keinen Ort, wo das Westliche und das Östliche so aufeinandertreffen. West-Berlin war ja Bestandteil des westlichen Kulturraums mit einer großen Nähe zur franko-iberischen und der angelsächsischen Kultur. Mit der slawischen konnten sie dort nichts anfangen. Wir im Osten sind nolens volens mit der slawischen Kultur bekannt geworden. Mit Bulgakow, Solschenizyn...

Solschenizyn in der DDR?

Ich habe ihn gehabt. Eingeschlagen ins Neue Deutschland. Ich kann mir mein Leben auch ohne Schostakowitsch nicht vorstellen. Und es haben immerhin 22 000 DDR-Bürger ein Vollstudium in der Sowjetunion absolviert.

Ihre Kanzlei hat auch am Kudamm einen Sitz.

Das ist der eigentliche Hauptsitz. Ich arbeite mit einem Westkollegen, Uwe Kärgel, zusammen, mit dem ich befreundet bin. Die Idee war, die Leute im Westen gehen im Westen zum Anwalt und die Leute aus dem Osten im Osten. Das haben wir versucht zusammenzuführen.

Unterscheiden Sie noch nach Ost und West?

Anfänglich bin ich noch „nach drüben“ gefahren. Jetzt nicht mehr. Das liegt bei mir aber auch daran, dass ich schon 21 war, als die Mauer gebaut wurde. Wir hatten damals viele Beziehungen nach West-Berlin. Ich habe im Rias-Jugendorchester gespielt. Ich erkannte vieles wieder.

Wie war der Kontakt zu Ihrer weit verzweigten Ost-West-Familie vor der Wende?

Ich denke manchmal, er war sogar enger. Jedes Jahr im Juni hat ein Familientreffen stattgefunden, immer bei uns in Treptow, weil dann die Wessis mit Tagespassierschein kommen konnten. Das war ein familiäres Muss, weil man sich sonst nicht sehen konnte. Jetzt können wir uns treffen, wann wir wollen. Da findet ein familiärer Wanderzirkus statt. Wir sind so 50 bis 60 Leute.

Ist Innenminister Thomas de Maizière auch dabei?

Ja, wenn es seine Zeit erlaubt.

Treffen Sie auch noch Angela Merkel? Sie kennen sich ja seit den Zeiten, als sie die stellvertretende Sprecherin Ihrer Regierung war.

Wir haben keinen regelmäßigen Kontakt, aber ich habe ihre Handy-Nummer. Davon mache ich nicht missbräuchlich Gebrauch.

Sie waren früher in der Hauptstadt der DDR gut vernetzt und sind es heute wieder. Wie würden Sie die atmosphärischen Unterschiede beschreiben?

Wenn ich es ganz grob sage: West-Berlin war viel verfilzter als es der Osten war. Alle Entscheidungsträger kennen einander, sie wissen genau, was sie mit wem zu bereden haben, wie sie etwas durchsetzen. Das geht über die Parteigrenzen hinweg. Das war eine in sich geschlossene Gesellschaft. Das, was eine Stadt braucht, den noblen Citoyen, der war aus West-Berlin abgehauen.

Gab es den etwa in der Hauptstadt der DDR?

Einige schon. Nehmen Sie den Bismarck-Biografen Ernst Engelberg. Das war ein großartiger Mann. Oder der alte Jürgen Kuczynski. Ich habe seine Meinungen nicht geteilt, aber er war eine dolle Persönlichkeit. Es gab Reste von jüdischem Bildungsbürgertum. In West-Berlin gab es Wolf Jobst Siedler und auch Winfried Fest. Heute fehlt Berlin eine intellektuelle Oberschicht.

Wie meinen Sie das?

Ich glaube, dass eine Gesellschaft Menschen braucht, deren Grundbefindlichkeit nicht dadurch bestimmt wird, wie viele Immobilien sie besitzen und welchen Jahresumsatz sie machen, sondern davon, welche Bücher sie lesen und welche Bücher sie schreiben. Wenn man bedenkt, was in Berlin in den 20er-Jahren stattfand! Dass das weg ist, ist die Tragik dieser Stadt.

Der Bildungsbürger ist kein Anachronismus?

Vielleicht habe ich auch einen altmodischen Begriff von Gesellschaft. Ich glaube, dass eine Gesellschaft Bürgerlichkeit braucht. Auch durch meine Tätigkeit im Petersburger Dialog sehe ich, wie schlimm es ist, dass in Russland dieses Bürgertum völlig ausgerottet worden ist. Gehen Sie einmal in Weißensee über den großen Friedhof. Was liegt da an Berliner Geistesgeschichte! Erschwerend kommt hinzu, dass wir im Osten einen Teil der Menschen, die diese Schicht bilden könnten, mit der Wende aussortiert haben. Die Funktionselite der DDR steckte zu 90 Prozent in der SED. Es hat ein Elitenwechsel stattgefunden, bei dem nicht jeder, der kam, auch Elite war.

Wie kam es, dass ausgerechnet Sie, ein einfaches Parteimitglied der Block-CDU, im November ’89 an die politische Spitze rückte?

Ja, mein erstes Amt war Vorsitzender.

Demonstriert haben Sie auch nicht, oder?

Na ja, wenn man sich die Beschlüsse der Synode ansieht und die darin enthaltenen Forderungen, dann werden Sie sehen, dass wir weit vor den Demonstranten waren. Aus der DDR-CDU kamen damals einige jüngere Leute auf mich zu und fragten, ob ich bereit wäre, die Nachfolge anzutreten, wenn der Parteivorsitzende Gerald Götting abgelöst würde. Ich fragte zurück: Wie kommt ihr denn auf mich? Da sagten sie, fünf Punkte sollten erfüllt sein: Der Kandidat solle hinlänglich intelligent sein, erkennbar kirchennah, mit der Politik dieser Partei nicht verhaftet, organisatorisches Geschick solle er besitzen und die Fähigkeit, auf große Menschengruppen zuzugehen. Da sagte ich, das Fünfte bin ich nicht. Wahlkampf auf dem Marktplatz ist etwas Furchtbares für mich.

Zehn Monate später saßen Sie mit den Mächtigen dieser Welt an einem Tisch und unterzeichneten in Moskau die 2+4-Verträge...

Da wurde einem schon schwindlig. Mir ging durch den Kopf, jetzt weißt du, was Gnade ist. Vor einem Jahr warst du noch ein kleiner Provinzanwalt in Ost-Berlin, und jetzt unterschreibst du den Friedensvertrag für Deutschland, der es seinem Wesen nach ja war. Vor einem Jahr wurde er in das Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Fiel es Ihnen schwer, vom Politikbetrieb wieder abzulassen?

Ich war wohl zu kurz dabei, um schon süchtig zu werden. Ich wollte schon am 3. Oktober ganz aufhören, und es war ein Fehler, dass ich das nicht gemacht habe.

Kurz danach sind Sie wegen Stasi-Vorwürfen von allen Ämtern zurückgetreten.

Nicht nur. Für mich war neben Helmut Kohl kein Platz. Ich wollte auch nicht auf Dauer von der Politik abhängig sein. Dann kamen diese dämlichen Stasi-Vorwürfe. Natürlich habe ich mit der Stasi zu tun gehabt. Sie war ja das Ermittlungsorgan in vielen Verfahren etwa von Wehrdienstverweigerern, die ich zu vertreten hatte. Man musste zu denen ein Arbeitsverhältnis herstellen. Wie die Staatssicherheit meine Tätigkeit intern bewertet hat, ob sie mich als Verbündeten sah oder nicht, das weiß ich nicht, und es ist mir völlig wurscht gewesen.

Mittlerweile kommen Sie in der Gesamtberliner Gesellschaft ganz gut zurecht. Sogar beim Golfclub in Wannsee, einer Institution des alten West-Berlin, haben Sie schon eine Neujahrsansprache gehalten.

Denen habe ich erzählt, wie wir von uns aus die Einigung produziert haben. Das waren für die Potemkin’sche Dörfer. Es wird ja gerade noch wahrgenommen, dass es bis zum Fall der Mauer einen Prozess der Selbstbefreiung gegeben hat. Es ist aber gar kein Thema, dass es danach einen Prozess der Selbstdemokratisierung gab, auf den wir ebenso stolz sein können.

Sind Sie noch in der Berliner CDU aktiv?

Nein, ich zahle brav meinen Beitrag und gehe höchstens mal zur Kreisversammlung.

Wie geht es Ihnen mit dem 25. Mauerfall-Jubiläum. Macht Sie das sentimental?

Nö. Ich kann heute in einen Buchladen gehen, und wenn das gesuchte Buch nicht da ist, wird es mir bestellt. Ich kann mir die Noten von Strawinsky und Hindemith kaufen und muss sie mir nicht abschreiben, weil sie als Formalisten galten und verboten waren. Ich muss nicht mehr darum kämpfen, dass meine Enkel, wenn sie gute Schüler sind, auf die Oberschule kommen. Und wenn sie wollen, machen sie ein freiwilliges soziales Jahr in Argentinien, wie die eine, oder in Ghana, wie die andere. Das ist für mich der Zugewinn. Sicher, die Leute sind auch frei, jede Dummheit zu sagen. Das kann auch wehtun.

Gibt es auch Dinge an der Stadt, die Sie richtig ärgern?

Ja, dass Berlin nicht mehr regiert wird, sondern nur noch schlecht verwaltet. Darunter leidet die Stadt. Dafür ist der BER nur ein Symbol. Die Entscheidungsprozesse dauern ewig. Wir haben keine intellektuelle Führungsschicht.

Wenn Sie sich einen Regierenden wünschen könnten, wer wäre das?

Ein junger Weizsäcker.

Das Gespräch führten Andrea Beyerlein und Frank Herold.