Berlin - Es lässt sich einfach nicht vermeiden: Auf dem Weg zum Interview mit Marianne Rosenberg setzt sich der eine oder andere Ohrwurm fest. In den Siebzigern wird die heute 58-Jährige mit Songs wie „Marleen“ und „Er gehört zu mir“ zum Schlagerstar. Zurzeit sitzt sie in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“. Wir treffen Marianne Rosenberg im Schwarzen Café in Charlottenburg.

Frau Rosenberg, Sie haben für unser Treffen das Schwarze Café vorgeschlagen, eine Institution im Charlottenburger Nachtleben. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Ich habe viele schöne Erinnerungen an dieses Café. In den Achtzigern war es legendär, einfach weil es rund um die Uhr geöffnet hatte. Wenn wir um vier Uhr morgens aus dem legendären Club „Dschungel“ gekommen sind, haben wir hier noch was getrunken und gefrühstückt. Ich saß hier mit meiner Freundin Marianne Enzensberger, mit Alphaville-Sänger Marian Gold und mit Rio Reiser. Das war eine tolle Zeit, weil alles im Umbruch war. Neue Musik ist entstanden, die ersten Elektrobands kamen auf. Diese kreative Musikszene hatte Kraft, ganz speziell in West-Berlin.

Wie haben Sie Rio Reiser kennengelernt?

Ich habe einfach bei Ton Steine Scherben in Fresenhagen angerufen und auf den Anrufbeantworter gesprochen, dass ich gerne mit ihnen arbeiten würde. Ich hatte mir die Konzerte angesehen und fand das toll. Neben Lindenberg war Reiser der Einzige, der eine besondere Sprache hatte für Musik. Ich fühlte mich zu dieser Zeit musikalisch ausgereizt, war erwachsen geworden. Die Themen wiederholten sich ja auch, immer dieses einsame Mädchen, das einen Mann nicht bekommt, das war mir zu langweilig. Daher war ich daran interessiert, zu sehen und zu hören, wie andere Menschen Musik machen.

Hatten Sie Angst, dass Die Scherben Sie auslachen?

Ich hatte so etwas befürchtet. Die Genres waren damals scharf gegeneinander abgegrenzt. Die Scherben aber dachten nicht in Schubladen, sie schickten ein Fax, dass sie sich freuen würden, mit mir Musik zu machen. Es stellte sich heraus, dass Rio Reiser mein ganzes Repertoire kannte. So kam es zu unserer Zusammenarbeit.

Damals, im West-Berlin der Achtzigerjahre, warfen Sie Ihr bisheriges Leben über den Haufen, lernten in der linksrevolutionären Szene ihren Lebensgefährten und späteren Vater ihres Kindes kennen.

Die Achtziger waren die schönste Zeit in meinem Leben. Ich wohnte damals am Winterfeldtplatz und bekam die ganzen Demos mit. Mein Freund lebte in einer WG in einem besetzten Haus, dort war ich oft. Das war nicht ganz leicht, als Promi stand ich plötzlich auf der falschen Seite. Das war ja nicht wie heute, wo alles ineinanderfließt, es gab da ganz klare Grenzen. Für mich war es eine wichtige Phase, ich nabelte mich von den Plattenfirmen ab, ließ meine Verträge auslaufen, auch wenn das nicht ganz einfach war. Schließlich war ich mit meinen Liedern erfolgreich, und die Macher hatten verständlicherweise Interesse daran, dass das so bleibt.

Wie haben Sie Berlin zu dieser Zeit erlebt?

Kreativ, bunt und verrückt. Als ich losgelassen hatte, konnte ich auf einmal alles machen. Geld hatte ich verdient, musste mich also nicht mehr um kommerzielle Verwertbarkeit kümmern, sondern konnte tun, was mir Spaß macht. Ich spielte im Szenefilm „Der Biss“ mit, ging mit Max Goldt aus, traf verschiedene Künstler. Damals titulierte mich die taz als „Rockröhre“. Das war ich allerdings nie. Es ist wohl die verzweifelte Suche der Menschen nach Zuordnung. Obwohl ich seit Ende der Achtziger von Jazz bis Elektropop in vielen Sparten zu Hause bin, konnte ich ja meine Schlagerzeit auch nie abschütteln, bis heute sind die Siebziger wie in Stein gemeißelt.

Nervt Sie das?

Wenn daneben noch etwas anderes existiert, dann nicht. Wenn ich die alten Sachen höre, finde ich sie super und kann auch verstehen, dass die Leute das überzeugt hat. Diese Sehnsucht, der Schmelz, das war ja tatsächlich so. Rio rief damals oft über die Tische: „Marianne singt die Wahrheit!“

Sie haben mal das Gefühl beschrieben, nirgends dazuzugehören.

Mein Vater war Sinto, meine Mutter Berlinerin, ich wurde schon zwischen zwei Welten geboren. Und so fühlte ich mich auch – zwischen den Welten. Im Showgeschäft war ich das Küken, aber in der Schule in Reinickendorf, da war ich die Sängerin, die in der Bravo stand und diese Ottos bekam. Das machte mich ungleich, hob mich aus der Menge heraus. Auf dem Schulhof war es Stress, wenn alle mich anstarrten. Das war ich nicht gewohnt, und ich mochte es auch nicht. Ich kam ja aus einer großen Familie und war zu Hause eine von vielen. Daher fühlte ich mich wohler, wenn der Fokus nicht so auf mir lag.

Wurden Ihre Wurzeln auch gegen Sie verwendet?

In den Sechzigern, in der Grundschule habe ich durchaus Diskriminierung erfahren. Von Schüler- und von Lehrerseite. Mit dem Kriegsende endete ja nicht der auf Rasse begründete Wahn in den Köpfen der Menschen. Unsere Lehrer sind damit aufgewachsen, dass es Menschen und Untermenschen gibt. Diese Lehrer haben uns unterrichtet. Manchmal brauchte Diskriminierung keine Worte, da genügten schon Blicke. Ich glaube, man kann sich das nicht vorstellen. Da alle, die anders aussahen, getötet worden waren, stachen wir heraus. Auf den Klassenfotos sieht man zwei Kinder mit dunklen Haaren, eines davon war ich. Man beschimpfte mich als Zigeunerin, das hat mich sehr verletzt.

Hat Ihr Vater Sie auf solche Beschimpfungen vorbereitet?

Mein Vater wusste, dass es dazu kommen kann und wollte, dass wir uns wehren. Er hatte aber auch immer Angst, dass das Schreckliche noch einmal geschehen könnte. Mein Vater ist in diesem Land aufgewachsen, er war auch Berliner, so lange er denken konnte, waren wir deutsche Sinti. Nach dem Krieg hat man ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, und er hat dafür gekämpft, sie wiederzuerlangen. Er zog bis vors Berliner Landgericht.

Haben Sie im Showgeschäft auch Diskriminierung erlebt?

Nein, dort erfinden ja einige sogar eine Sinti-Identität, um sich interessant zu machen. Bei mir war es anders. Mein Vater hatte kein Vertrauen darin, dass sich in den Köpfen der Menschen etwas verändert. Ich denke, er hatte recht, als er sagte: Diese schrecklichen Geschichten will niemand hören, weil die Leute sich schuldig fühlen und du dann angefeindet wirst. Er wollte mich schützen und riet mir zu sagen, wir kämen aus Ungarn. Bis zu den Achtzigern habe ich das auch so gehalten. Im Nachhinein würde ich mir wünschen, dass Fragen nach der Herkunft gar nicht wichtig wären.

Haben Sie eigentlich immer in Berlin gewohnt?

Ja, immer. Berlin ist meine Stadt. Sie ist einerseits provinziell, andererseits eine Weltstadt. Sie ist bunt, kreativ und verrückt, und es gibt eine große Akzeptanz für Andersartigkeit. Ich lebe gern hier, das muss ich wirklich sagen. Durch meine Arbeit bin ich ja sehr viel gereist, aber ich bin immer froh, wenn ich wieder hier lande. Wenn wir über die Berliner Dächer nach Tegel einfliegen, überkommt mich ein Glücksgefühl.

Sie sind in Lankwitz geboren, haben in Reinickendorf und Britz gewohnt und leben nun in Charlottenburg. Fühlen Sie sich dort angekommen?

Ich kann nicht sagen, wo es mich noch hinzieht. Aber ich liebe Charlottenburg und das alte West-Berlin, den Kudamm und seine Seitenstraßen, die alten Kinos. Dass der Zoo Palast wieder da ist, darüber habe ich mich sehr gefreut. Mich hat es damals so geärgert, dass der Bahnhof Zoo aussortiert wurde. Was soll das? Das ist wie mit der Schließung der Flughäfen. Zu einer Weltstadt gehören doch mehrere Aus- und Eingänge.

Wir gehen wohl richtig in der Annahme, dass Sie die Bauverzögerungen am neuen Hauptstadt-Flughafen BER nicht sonderlich bedauern.

Ja, denn ich liebe den Flughafen Tegel, seine gute Erreichbarkeit und die kurzen Wege. Ich habe kein Verständnis für die Schließung von Tegel, genauso wenig wie damals bei Tempelhof. Schauen Sie London oder Paris an, warum kann es nicht auch bei uns so sein? Die Interessen der Wirtschaft sollten hier nicht immer Vorrang haben.

Wir müssen noch über „Deutschland sucht den Superstar“ reden. Dass Sie dort in der Jury sitzen, hat uns verwundert.

Mich auch.

Sie waren lange eine scharfe Kritikerin von Casting-Shows, sprachen von Menschenverwertungsmaschinen.

Interessanterweise nimmt die Öffentlichkeit meine kritische Haltung zu Casting-Shows erst richtig zur Kenntnis, seit ich in der Jury von DSDS sitze. Aber der Grund für meine Entscheidung war natürlich ein anderer. Nachdem ich den Gedanken zunächst als absurd abtat, fand ich die Idee immer spannender, an einer Veränderung des Formats von innen mitzuarbeiten, statt nur von außen zu kritisieren. Das neue Konzept, bei dem den Kandidaten sehr viel mehr Selbstbestimmungsrechte eingeräumt werden, sowie mein Wunsch, Kandidaten nicht nur zu beurteilen, sondern ihnen mit meiner Erfahrung vielleicht auch Hilfestellung leisten zu können, haben mich gereizt und bei mir den Ausschlag gegeben, mich in dieser Jury zu engagieren.

Sie sind selbst in einer Talentshow entdeckt worden. Haben Sie mit DSDS auch eine Reise in die eigene Vergangenheit angetreten?

Als ich damals im Europa-Center im Romanischen Café ein italienisches Volkslied sang, mit dem ich gewann, schauten vielleicht ein paar Hundert Leute zu, von denen viele wirklich am Talent interessiert waren. Heute haben sich die Gesellschaft und die Form, wie die Öffentlichkeit an so einem Wettbewerb teilnimmt, sehr verändert. Ein Millionenpublikum erwartet eine unterhaltsame Show und nimmt am Scheitern wie am Erfolg der Kandidaten teil. Trotz der voyeuristischen Komponente ist es eine große Chance, seinem Traum, Musiker zu werden, ein Stück näherzukommen.

Noch viel früher als im Europa-Center sind Sie in Neuköllner Kneipen aufgetreten. Ihr Vater hat Sie als kleines Mädchen manchmal zum Singen mitgenommen.

Das war in den Sechzigern, meine ersten Bühnenerfahrungen. Damals dachte ich, wie komisch es ist, dass alle Kneipen „Engelhardt“ hießen, dabei war das die Reklame für die Biersorte.

Ein ungewöhnlicher Ort für ein kleines Mädchen, so eine Eckkneipe.

Ja und nein. Nein, weil wir ja aus den Berliner Kneipen sonntags unsere geliebte Fassbrause in einem Siphon holten und nach einem Spaziergang auch mal Bouletten, das war für Berliner Kinder in den Sechzigern nichts Ungewöhnliches. Ja, weil Kinder dort abends nichts zu suchen hatten. Aber mein Vater hatte manchmal einfach Sehnsucht nach der Musik von früher. In seiner Familie waren viele Menschen musikalisch. Und jetzt hatte sein kleines Mädchen diese Stimme, und das erinnerte ihn an seine Mutter, die auf allen Festen der Familie gesungen hatte. Er hat oft geweint, wenn ich sang, und ich denke, er wollte mich einfach bei sich haben.

Das Gespräch führten Anne Vorbringer und Marcus Weingärtner.