Schließen Sie aus, dass Sie beim Parteitag Anfang November als Vorsitzender kandidieren?

Ich will deutlich sagen: Ich habe für ein Regierungsamt kandidiert. Es ging nicht darum, irgendwelche alten Geschichten aufzuarbeiten.

Was ist die solidarische Stadt?

Eine solidarische Stadt ist mehr als ein Fürsorgesystem. Ich meine eine aktivierende Politik und eine aktive Bürgergesellschaft. Solidarität heißt: Der eine tut etwas für den anderen. Für Berlin wird das in den nächsten Jahren ganz wichtig sein. Wir alle müssen lernen, gemeinsam Verantwortung zu tragen und die Entwicklung der Stadt gemeinsam zu gestalten.

Geht es etwas konkreter?

Es geht um mehr Beteiligung der Bürger, sei es in Integrationsfragen oder in ganz harten Fragen der Bebauungspolitik. Wir müssen hart darum ringen, was wir in der Stadt zulassen wollen. Beispielsweise wo wir Wohnungen, Schulen oder Straßen bauen.

Das klingt nach einem Senat der Runden Tische…

Überhaupt nicht. Politik muss eine Meinung haben, Vorgaben machen und klar sagen, was sie will. Sie muss aber auch offen sein für andere Ideen und Teilhabe zulassen. Weil man sonst gute Chancen hat, bei jedem größeren Vorhaben vor den Schrubber zu laufen.

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Apropos Schrubber. Hatten Sie auch ernsthafte Konflikte mit Wowereit?

Natürlich hatten wir Differenzen, zum Beispiel in der Finanz- und Privatisierungspolitik. Auch in der Wohnungspolitik hätten wir früher umsteuern können.

Warum haben Sie das nicht durchgesetzt als Partei- und Fraktionschef?

Die Fraktionen können Strukturveränderungen beschließen oder verhindern, aber das konkrete Umsetzen läuft ausschließlich auf Senatsebene. Das ist mir in den letzten drei Jahren klar geworden. Förderprogramme für den Wohnungsbau sind nichts wert, wenn sie nicht in der Verwaltung jeden Tag mit Herzblut vorangetrieben werden.

Sie werfen sich also nicht vor, zu zögerlich gewesen zu sein?

Ich will nichts schön reden. Aber wir haben mit aller Kraft umgesteuert.

Wird Stadtentwicklung Ihr Markenzeichen?

Jeder Regierungschef hat sein eigenes Profil, bei Klaus Wowereit waren es ganz klar die Finanzen und die Kultur. Für mich wird die Stadtentwicklung in der Tat ein wichtiges Feld bleiben. Die drei Jahre als Senator haben mich da sehr geprägt. Das Amt macht mir richtig Spaß.

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Pech für Sie.

Na ja, als Senatschef lässt sich da schon auch noch was tun. Es ist wichtig für Berlin, dass der Regierende Bürgermeister das Thema aktiv begleitet.

Das heißt, Haushaltskonsolidierung ist nicht mehr so wichtig?

Das heißt es nicht. Solide Finanzen sind die Grundlage für alles. Wir werden nicht Geld in der Stadt verteilen, das wir nicht haben. Berlin hat immer noch 60 Milliarden Euro Schulden. Damit müssen wir seriös umgehen. Aber Investitionsspielräume, die wir uns erarbeitet haben, die muss dann auch aktiv nutzen.

Wie kann sich Berlin dem gewaltigen Verwertungsdruck privater Investoren entgegenstellen?

Man wird die Welt nicht auf den Kopf stellen können, das ist klar. In den Bereichen, die für die Berliner die Lebensgrundlage bilden, brauchen wir aber staatlichen Einfluss und dürfen die Entwicklung nicht den Privaten allein überlassen. Eigentum muss man ja nicht gleich abschaffen, aber ich will Einfluss haben. Deshalb haben wir die Wasserbetriebe zurückgekauft, deshalb erhöhen wir die landeseigenen Wohnungsbestände, deshalb stärken wir Vivantes und die Charité im Gesundheitsbereich.

Was stellen Sie für Anforderungen an Ulrich Nußbaums Nachfolger?

Ein Finanzsenator braucht Kühle und Durchsetzungskraft. Er darf nicht sofort bei jedem Wunsch mitweinen und die Tasche aufmachen. Er muss aber auch politische Vorgaben, die für die Stadt wichtig sind, mit aufnehmen.

Wissen Sie schon, wen Sie anrufen?

Ja, das weiß ich. Ich habe im Moment zwei Namen konkret im Kopf. Es wird also auf jeden Fall zwei Telefonate geben.

Hätten Sie Nußbaum behalten, wenn er gewollt hätte?

Ich hätte mit ihm gesprochen, ja. Ich bedaure die Entwicklung. Ulrich Nußbaum ist ein guter und starker Finanzsenator. Aber man muss auch in einem Team spielen wollen. Er hat für sich anders entschieden.

Was ist mit der CDU? Werden Sie nur den Koalitionsvertrag abarbeiten?

Ich möchte in den nächsten Tagen mit Frank Henkel und Florian Graf sprechen. Ich kann mir vorstellen, dass SPD und CDU nochmal gemeinsam einige wenige neue Akzente setzen wollen. Wir werden keinen neuen Koalitionsvertrag aushandeln, doch wir brauchen eine Grundlage, was wir noch dringend erledigen müssen. Für Anfang nächsten Jahres plane ich dafür eine Senatsklausur.

Die Grünen wollen Ihre Wahl im Abgeordnetenhaus vorziehen.

Von meiner Seite gibt es keinen Grund, da Druck zu machen. Aber wenn es für Berlin wichtig ist, sich als Mannschaft schneller aufzustellen, würde ich mich dem nicht in den Weg stellen. Wir werden das in der Koalition besprechen.

Wowereit hat eine Ära geprägt. Was für eine Ära kommt mit Ihnen?

Das Wachsen der Stadt ist eine sehr große Herausforderung, auch die irre Geschwindigkeit, in der das passiert. Diesen Prozess solide und ernsthaft zu gestalten und das gute Zusammenleben in der Stadt zu erhalten, ist mir das absolut wichtigste. Ob man dafür irgendwann in der Nachschau eine Überschrift findet, wird man sehen.

Das Gespräch führten Jan Thomsen und Regine Zylka.