Was ihr Büro angeht, ist Monika Herrmann völlig undogmatisch. Als die Grüne vor sechs Jahren zur Nachfolgerin des Bezirksbürgermeisters Franz Schulz gewählt wurde, wechselte sie nicht in das Chefbüro des Bezirksamtes, sondern blieb in den Räumen, die sie schon als Stadträtin für Familie, Gesundheit, Kultur und Bildung genutzt hatte. Dort, in dem an der Frankfurter Allee gelegenen Bezirksamt, ist sie bis heute zu finden. In anderen Punkten ist sie dogmatischer, etwa hinsichtlich der Geschlechtergerechtigkeit. Für das Interview besteht sie zunächst auf dem Gendersternchen, das aber in der Berliner Zeitung nicht üblich ist. Der Hinweis auf die schlechte Lesbarkeit fruchtet nicht. Der Kompromiss besteht in der Nennung beider Geschlechtsformen. 

Frau Herrmann, das Dienstauto hat schon Ihr Vorgänger abgeschafft. Gibt es inzwischen ein Dienstfahrrad?

Nein, ich könnte eines beantragen. Aber ich fahre lieber mit meinem privaten Fahrrad.

Mit dem radeln Sie also jeden Tag von Ihrer Wohnung zum Bezirksamt am Frankfurter Tor. Nicht immer ganz ungefährlich, oder?

Das häufigste Übel sind zugeparkte Radwege. Wenn man sich plötzlich in den fließenden Verkehr einordnen muss, kann das gefährlich werden. Aber ich fahre langsam.

Sie sprechen Radwegparker an, oder?

Wenn jemand in seinem Wagen sitzt, mache ich das, auch bei Zweite-Reihe-Parker und -Parkerinnen. Sie reagieren höchst unterschiedlich – einige fahren weg, andere sind hochaggressiv. Auch wenn ich mich als Bezirksbürgermeisterin vorstelle. Andere antworten: „Was willste denn, das kostet doch nur 15 Euro.“ Ich interveniere aber auch bei Radfahrern und Radfahrerinnen, die auf dem Gehweg fahren. Ich verstehe, dass das Fußgängern und Fußgängerinnen Angst macht. Dafür muss man nicht Rentner oder Rentnerin sein.

Dazu passt die Frage unserer Leserin Renate Nestvogel. Sie wohnt am Paul-Lincke-Ufer und ärgert sich, dass dort so viele Radfahrer den Bürgersteig benutzen. Sie will wissen: Wie wollen Sie die Nichtbeachtung gesetzlicher Regelungen sanktionieren?

Wir brauchen bessere Infrastruktur für Radfahrende, damit das nicht mehr vorkommt. Ich bin im Übrigen dafür, dass Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung – egal ob von Fußgängern und Fußgängerinnen, Radfahrern und Radfahrerinnen oder Autofahrern und Autofahrerinnen – härter bestraft werden. Das muss teuer werden.

Was schwebt Ihnen da so vor?

Das darf richtig teuer werden, bei bestimmten Sachen gern vierstellig.

Zumindest bei Verstößen im ruhenden Verkehr wäre dann Ihr Bezirk, Ihr Ordnungsamt zuständig.

Theoretisch könnten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen den ruhenden Verkehr viel stärker kontrollieren, praktisch fehlt oft das Personal. Ich habe mich im großen Verwaltungsmodernisierung-Prozess dafür eingesetzt, dass wir uns im Land Berlin noch einmal konkret die Aufgaben und Ausstattung der Ordnungsämter anschauen. Denn die Möglichkeiten der Kollegen und Kolleginnen dort sind vielfach unterschätzt. Auch mit unserem Ordnungsamt stehe ich dazu in einem sehr intensiven Kontakt.

Das heißt: mehr Kontrollen?

Ja, mein großer Wunsch ist eine Fahrradstaffel beim Ordnungsamt, die sich darum kümmert, dass Fahrradwege nicht zugeparkt werden.

Sie bräuchten also mehr Personal. Haben Sie das mal durchgerechnet?

Über zusätzliche Stellen kann ich noch nichts sagen, wir müssen uns erst einmal die Aufgaben genau angucken.

Zu den Aufgaben des Ordnungsamtes zählt auch die Sauberkeit im öffentlichen Raum. Unser Leser Ralf Rohring hat erfreut festgestellt, dass der Bezirk hier jetzt mehr macht als früher. Und er will wissen, wie es weitergeht.

Ich will in diesem Dreck auch nicht leben. Auch deshalb haben wir das Ordnungsamt um zehn Stellen aufgestockt, und das Grünflächenamt kontrolliert häufiger. Mehr kann der Bezirk ordnungspolitisch nicht machen. Dabei geht es nicht nur um den weggeworfenen Pappbecher, sondern auch um den Sperrmüll, der meist nachts abgestellt wird. Und da ist niemand vom Ordnungsamt unterwegs. Man muss sich mal überlegen, wie viel Steuergeld wir ausgeben, nur weil die Leute keine Eigenverantwortung mehr wahrnehmen und alles auf das Gemeinwesen abwälzen.

Noch mal kurz zurück zum Fahrrad. Wie finden Sie den neuen abgepollerten Radweg an der Hasenheide?

Ich bin einerseits sehr froh, dass es ihn gibt. Die farbliche Markierung erhöht die Sicherheit. Andererseits bin ich keine Freundin davon, dass wir die ganze Stadt zupollern. Aber im Moment müssen wir es noch tun – aus Sicherheitsgründen. Die Poller sind hoffentlich eine vorübergehende Erscheinung, bis wir so wenig Autos in der Innenstadt haben, dass man gefahrlos Fahrrad fahren kann.

Weitgehend autofrei soll ja in Zukunft der Wrangelkiez sein ...

Autofreier Wrangelkiez, das sagt sich so leicht. Aber das ist ein Riesenprojekt. Vor allem, weil die Verkehrspolitik in Berlin 30 Jahre lang nur aus Auto, Auto, Auto bestand. Die Wende ist sehr mühsam. Zugleich sind die Bewohner und Bewohnerinnen dort ungeduldig, was ich persönlich nachempfinden kann.

Es gibt gewiss nicht nur Zustimmung ...

Sagen wir mal so, es gibt Hinweise auf reale Probleme: etwa von einem Mann, der darauf angewiesen ist, dass jeden Tag ein Pflegedienst vorbeikommt. Oder von einer Hebamme, die ihren Job nur mit dem Auto machen kann, aber nicht jeden Morgen lange Fußmärsche bis zu ihrem Wagen zurücklegen kann.

Klingt plausibel. Wie löst man das?

Wir haben jetzt erst mal eine Studie auf den Weg gebracht, die Lösungen für solche Probleme aufzeigen soll. Beispielsweise auch für den Lieferverkehr. Ganz ohne wird es nicht gehen, denn die Supermärkte und Kneipen im Wrangelkiez brauchen Nachschub. Wenn sie etwa mit Lastenfahrräder beliefert werden sollen, dann muss es Orte geben, an denen die Waren vom Lkw auf Lastenräder umgepackt werden. Aber trotz aller Probleme: Ich bin da optimistisch.

Eher aggressiv verliefen ja die Diskussionen um die Markthalle Neun. Die Betreiber wollen Aldi kündigen, der nicht mehr zum Öko-Handmade-Angebot der sonstigen Markthalle passt. Anwohner protestieren, fürchten um die günstige Einkaufsmöglichkeit für die Ärmeren im Kiez ...

Ich sehe es nicht so, dass sich jetzt das grün-gefühlte Kreuzberg für Aldi einsetzt. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die sich dort sehr aggressiv gegen die Marktbetreiber aufstellt. Politische Parteien befeuern diesen Konflikt. Diese Polemik hilft den Leuten, die kein Geld haben, überhaupt nicht. Denn zu Ende gedacht, bedeutet das doch: Die Armen sollen das billige Zeug essen, die anderen das Biogemüse. Das Ziel muss doch sein, dass sich alle gut ernähren können, dass die regionale Landwirtschaft gut bezahlt wird und dass sich trotzdem alle im Kiez seine Produkte leisten können. Es stimmt im Übrigen nicht, dass es in dem Kiez keine anderen Läden mit günstigen Lebensmitteln gibt. In dem Multi-Kulti-Supermarkt direkt neben der Markthalle sind die Preise zum Teil niedriger als bei Aldi. Und Lidl ist zwei Minuten Fußweg entfernt.

Von dem heißt es, er schließe bald.

Nein, das ist ein Gerücht, das bewusst gestreut wird. Wenn Aldi in der Markthalle bleibt, dann gibt es in dem Kiez zwei Discounter nahe beieinander. Zieht wie vom Betreiber geplant ein Drogeriemarkt ein, dann wird eine Versorgungslücke geschlossen. Denn der nächste Drogeriemarkt befindet sich nämlich am Kotti. Das sind die Realitäten.

Was steckt in Ihren Augen in Wahrheit hinter dem Konflikt?

Ich glaube, hier bricht der ganze Frust über die Gentrifizierung heraus. Gerade in diesem Teil Kreuzbergs haben Immobilienhaie Häuser aufgekauft. Wir haben dort zwar viele Vorkaufsrechte gezogen, aber der Kampf gegen die Immobilienbranche ist lange nicht gewonnen. Wenn du Angst um deine Wohnung haben musst, dann ist das existenziell. Diese Sorge, vermischt mit den Verlusterfahrungen aus der Zeit der Hartz-IV-Reformen, bricht sich dort Bahn. Und zwar ganz laut und heftig.

Das alte Kreuzberg gegen das neue?

Das lässt sich nicht so martialisch verkürzen. In der jetzigen Situation liegt die Chance für eine Diskussion. Aber man muss in Ruhe miteinander sprechen. Es kann doch nicht sein, dass wir einerseits die Jugendlichen mit ihren „Friday for future“-Demonstrationen unterstützen und andererseits sagen „Aldi muss sein“. Denn die Art, wie die bei Aldi verkauften Lebensmittel produziert werden, ist klimaschädlich. Wir brauchen nicht nur eine Verkehrs-, sondern auch eine Lebensmittelherstellungswende.

An der Wende auf dem Wohnungsmarkt arbeiten Sie schon. Seit Jahren macht der Bezirk von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch. Reagiert der Markt?

Im Detail müssten Sie das mit dem Baustadtrat diskutieren. Generell lässt sich sagen: Dieses Signal wie auch die Initiative „Deutsche Wohnen enteignen“ beeindruckt die Immobilienbranche nachhaltig. Sie ist sehr nervös.

Abgesehen von der Karl-Marx-Allee scheint Gentrifizierung vor allem ein Thema in Kreuzberg zu sein…

Der Eindruck täuscht. Friedrichshain wurde in einem rasanten Tempo zugebaut. Kreuzberg hatte ja gar nicht mehr so viel Platz für neue Häuser. Zudem entstanden in Friedrichshain kaum günstige Mietwohnungen. Die Investoren vermarkteten Friedrichshain als jung und hip, dabei stimmt das für große Teile des Bezirks nicht. Die Käufer und Käuferinnen der Eigentumswohnungen wussten beispielsweise nicht von den Besonderheiten der Karl-Marx-Allee. Insofern hat Friedrichshain viel schnellere Umwälzungen hinter sich als Kreuzberg.

Friedrichshain-Kreuzberg ist einer der wenigen Ost-West-Bezirke. Der Mauerfall liegt im Herbst 30 Jahre zurück. Wie oft wird über Ost-Westliches im Bezirksamt noch gesprochen?

Täglich.

Worüber zum Beispiel?

Dass der kleine Eisbär im Tierpark Friedrichsfelde jetzt Hertha heißt, nach dem West-Fußballverein, das ist bei meinen Kolleginnen aus dem früheren Ostteil nicht gut angekommen. Schließlich gibt es mit dem 1. FC Union auch einen Fußballverein in ihrem Teil der Stadt. Diese Namensgebung ist ein Signal, das man nicht unterschätzen darf: Die Menschen im ehemaligen Ostteil fühlen sich nicht gesehen. Hertha BSC hätte gut die Patenschaft für die Eisbärin übernehmen können, aber dass sie auch noch Hertha heißt, das halte auch ich für einen Fehler.

Und abgesehen vom Eisbären?

Wir haben viel Austausch über die unterschiedlichen Lebensrealitäten – beispielsweise wie es früher in der Kita war und wie es dort heute zugeht. Oder wie die Verwaltungen vor 1989 aufgebaut waren. Das sind ständige Auseinandersetzungen.

Sie haben ständig Auseinandersetzungen? Klingt nicht harmonisch.

Na ja, Austausch. Wir haben viele Gespräche, ich habe viel gelernt und verstehe jetzt besser, dass sich ehemalige DDR-Bürger und -Bürgerinnen oft gedemütigt fühlen. Der Westen ist als Sieger einmarschiert, man hat die DDR verkauft und ausgebeutet. So empfinden das meine Ostkollegen und -kolleginnen. Wir haben diese Phase der deutsch-deutschen Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet, deshalb ist das Verhältnis auch nach 30 Jahren so fragil.

Was bedeutet das für Sie praktisch?

Beispielsweise führt unser Betriebsausflug dieses Jahr in das DDR-Museum in der Kulturbrauerei. Das ist nicht so touristisch, sondern sehr unaufgeregt. Das regt den Austausch und das Verständnis in unserem gemischten Team sicher an.

Wann wird die Kluft zwischen Ost und West einmal überwunden sein?

Analog zu den Erfahrungen nach 1945 vermute ich, dass das den Kindern der nach der Wende geborenen Generation gelingen könnte.