Das Berlin Syndrom. So nennt Olga Grjasnowa in ihrem zweiten Roman den Zustand, der eine der Protagonistinnen befällt, eine junge New Yorker Künstlerin mit israelischen Wurzeln: Sie stürzt sich in niemals endende Nächte, schläft mit unzähligen Männern, nimmt Drogen. Und das, obwohl sie eigentlich weiß, dass sie nicht für dieses exzessive Leben gemacht ist. Hat Olga Grjasnowa damit ihre eigenen Erfahrungen in Berlin verarbeitet? „Nein“, sagt sie und klingt dabei fast entschuldigend. „Ich bin eher eine Langweilerin.“

Trotzdem haben Sie einen „Berlin Roman“ geschrieben, das sagen zumindest die Kritiker und feiern Sie als „Stimme einer Generation“. Können Sie mit diesen Schubladen etwas anfangen?

Das sind fast inflationär verwendete Begriffe. Ein Berlin-Roman wird fast jeder Roman genannt, in dem Berlin vorkommt. Und was soll das schon für eine Generation sein, für die ich spreche? Die jungen, überprivilegierten, weißen Menschen? Ja, vielleicht. Aber für langzeitarbeitslose Jugendliche spreche ich bestimmt nicht.

Uns fallen noch andere Schubladen ein: Frau. Jüdin. Osteuropäerin.

Das höre ich alles immer wieder. Ich gelte auch regelmäßig als Russin, dabei ist nur mein Nachname russisch. Trotzdem werde ich immer wieder zum Ukraine-Konflikt befragt. Ich finde die Ukraine auf der Landkarte, aber damit haben sich meine Kenntnisse leider auch schon erschöpft. Da könnte man mich genauso bitten, über Neuseeland zu sprechen.

Welche Rolle spielt Berlin in Ihrem Roman? Ist die Stadt bloß Kulisse?

Die Geschichte ist nur in Berlin so möglich, weil Berlin diese besondere Ausstrahlung hat, es ist das liberale, internationale und verhältnismäßig günstige. Berlin ist ein Magnet für viele Leute, weil hier ein Freiheitsversprechen eingelöst wird. Jonoun (die mit dem Berlin-Syndrom, Anm. d. Red.) zum Beispiel, die es in New York als Künstlerin nicht schafft, ist jemand, der in Berlin landen könnte. Wenn man nicht weiter weiß, so wie sie, geht man nach Berlin.

Was für eine Art Heimat gibt Berlin Menschen, die auf der Suche sind?

Ich glaube nicht an die Heimat. Dabei geht es doch immer darum, sein Territorium zu verteidigen, gegen Flüchtlinge zum Beispiel. Berlin als sicherer Hafen? Das gilt vielleicht für jemanden mit einem europäischen oder maximal amerikanischen Pass. Wenn man aber versucht von außerhalb der EU nach Berlin zu kommen, ist es viel schwieriger. Für wen darf Berlin denn eine Heimat sein? Für wen soll Berlin eigentlich sexy sein?

Was ist denn Heimat für Sie?

Gar nichts.

Sie haben selbst kein Heimatgefühl?

Ich weiß, was es bedeutet, sich wohlzufühlen. Aber das Heimat zu nennen, finde ich übertrieben. Ich fühle mich in bestimmten Bezirken Berlins wohl und bin oft froh, wenn ich von Reisen hierher zurückkomme, aber dieses Gefühl ist nicht so groß, nicht so pathetisch.

Sie könnten also überall leben?

Das nun auch wieder nicht. Ich habe zum Beispiel wirklich Angst vor dem Landleben.

Was fehlt Ihnen auf dem Land?

Alles. Angefangen beim Smog bis hin zu den Einkaufsmöglichkeiten. Abends kann man auch nirgendwohin. Ich bekomme auf dem Land immer Angst, dass ich überfallen werde. Das habe ich in der Stadt nie. Ich weiß, dass ich hier nachts nicht unbedingt alleine durch den Görlitzer Park gehen sollte. Aber in der Kleinstadt habe ich panische Angst, dass hinter der nächsten Ecke ein Psychopath lauert, der mir den Kopf abhackt.

Das passiert relativ selten.

Total irrational, ich weiß.

Sie sind selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen...

Nein, da gab es einen wichtigen Unterschied: Wir hießen zwar Kontingentflüchtlinge, das war aber nur ein Name. Mit Flucht hatte das nichts zu tun. Die Kontingentflüchtlinge waren ein Prestigeprojekt für Deutschland. 1991 wurde ein Gesetz erlassen, nach dem Juden aus den postsowjetischen Ländern nach Deutschland kommen durften. Die BRD wollte zeigen, dass Juden wieder gerne hier leben und haben keine anderen gefunden als die aus der Sowjetunion. Also haben sie einfach alle aufgenommen, die kommen wollten.

Was hat Ihre Eltern dazu bewegt, herzukommen?

In Aserbaidschan war das System zusammengebrochen. Und es gab Krieg. Davon waren wir zwar nicht direkt betroffen, aber es gab einfach keine Sicherheit, weder politisch noch ökonomisch. Wir waren wohl am ehesten das, was man als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet. In Deutschland angekommen bekamen wir gleich eine Aufenthaltsgenehmigung und wussten, dass wir bleiben konnten. Und zwar für immer. Das ist ein Luxus, den man kaum beschreiben kann.

Wie war die Ankunft für Sie selbst?

Wir haben in der tiefsten hessischen Provinz gelebt, das war eine heftige Umstellung. Von einer Zwei-Millionen-Stadt kam ich in ein Dorf, wo nicht mal ein Bus fuhr. Zur nächsten Haltestelle musste man zwei Kilometer über die Landstraße wandern. Wir hatten auch keine Vorstellung von Deutschland. Es gab nur dieses Bild: das Deutschland von 1945, vielleicht noch das aus antifaschistischen Filmen.

Identifizieren Sie sich noch mit Aserbaidschan?

Ja und Nein. In den vergangenen sechs Jahren war ich oft in Aserbaidschan, vor allem für die Recherche für meine Romane. Das Land hat sich so stark verändert. Ich bin froh, dass ich nicht permanent dort lebe. Die Korruption ist erschreckend, genauso wie die Lage der Menschenrechte. Und dann gibt es wieder die unglaublich schöne Landschaft und das Kaspische Meer mit seinen Bohrtürmen und einen ganz spezifischen Geruch nach Erdöl, der immer durch die Stadt weht.

Baku hatte seinen großen Auftritt mit dem European Song Contest.

Ich war sogar da. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Wie haben Sie das Bild empfunden, das dabei hier in Deutschland von Aserbaidschan ankam?

Dieses Bild zeichnen extrem teure, extrem gute europäische Werbeagenturen, die dafür sorgen, dass Aserbaidschan so rüberkommt, wie man es gerne hätte. Zum Beispiel wäre es ganz gerne das nächste Dubai. Das klappt noch nicht ganz, auch wenn die Innenstadt von Baku schon sehr danach aussieht. Man hat auch viele sowjetische Wohnblocks mit neuen Fassaden verkleidet. Das sieht von außen gut aus, aber dahinter ist alles marode.

Hat das Land Ihrer Meinung nach vom ESC profitiert?

Nein. Es ist genau dasselbe geblieben.

Ihr Buch ist in zwei Teilen geschrieben. Der eine spielt in der Partyszene Berlins, der andere im postsowjetischen Baku. Das erzeugt einen enormen Kontrast.

Das ist bewusst so gewählt. Dieser Kontrast rüttelt an der Scheinheiligkeit des Westens. Es wird immer so getan, als wären die Menschenrechte hier erfunden worden, als hätte man die absolute Freiheit. Aber dass diese Freiheit sehr eingeschränkt ist, sie zum Beispiel eben nicht für Asylsuchende gilt, wird in diesem Zusammenhang nie erwähnt. Und auch in Berlin gibt es immer wieder homophobe Angriffe. Man legt gerne Russland oder auch Aserbaidschan als Folie darüber, um sagen zu können, dass es noch schlimmer geht. Klar. Das ist aber auch keine Entschuldigung. Auch hier gibt es keine komplette Gleichstellung, keine Homoehe, kein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare und noch immer keine gleichberechtigte Ehe.

Rebellieren kann Ihre Protagonistin Leyla aber nicht in Berlin, sondern erst in Baku, wo sie illegale Autorennen fährt.

In Berlin wird Leyla in Ruhe gelassen, weil sie hier im Grunde machen kann, was sie will. Sie ist eine recht narzisstische Figur. Es kümmert sie nicht, dass sie in Baku mit 140 Stundenkilometern durch kleine Gassen saust und damit Passanten gefährdet. In Baku ist übrigens viel erlaubt, wenn man aus einer reichen Familie kommt.

Nun ja, sie wird ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Das klingt schon nach einer harten Strafe.

Ja, aber nicht im Vergleich zu dem, was normalen Bürgern passieren würde. Die Schläge werden zum Beispiel so ausgeübt, dass keine sichtbaren oder permanenten Schäden bleiben.

In Berlin dagegen geht irgendwie alles. Partys haben noch die Anmutung, illegal zu sein, dabei sind sie längst legal. Zum Christopher Street Day beispielsweise gehen Tausende auf die Straße und zeigen freizügig, wer sie sind. Die Wände, gegen die man läuft, sind weich.

Wenn man ohne EU-Pass versucht, dazuzugehören, wird die Wand schon sehr viel härter. Es stimmt, das deutsche System funktioniert sehr gut. Rebellion entsteht eher in Extremsituationen. Wenn man halbwegs zufrieden ist, hat man dazu keinen Grund. Es braucht einen harten Bruch, ehe Menschen auf die Straße gehen. Dafür gäbe es auch in Deutschland viele Gründe. Aber man rebelliert eben nicht für andere.

Sie leben in Neukölln.

In Kreuzberg hätten wir keine Wohnung gefunden, die wir uns hätten leisten können. Gentrifizierung ist übrigens noch so eine harte Wand. In Berlin war die Kunstszene einmal viel größer, die Literatur viel experimenteller. Aber heute kann man in Berlin als Schriftsteller oder Künstler nur noch leben, wenn man damit einigermaßen gutes Geld verdient. Das wird sich noch auf die Stadt auswirken.

Noch mal zu den Schubladen: Es leben viele Russen in Berlin, es gibt zahlreiche Restaurants, oder auch Bars. Suchen Sie solche Orte manchmal auch auf?

Eigentlich nicht. Gegenüber von meinem Haus liegt das Café Baku. Aber nichts dort ist aserbaidschanisch, außer der Bilder von Baku an den Wänden. Die persische Küche ist der aserbaidschanischen sehr ähnlich, manchmal weiche ich darauf aus. Die Kultur meines Mannes, die syrische, ist in Neukölln eher präsent.

Noch eine Schublade: Nehmen Sie als Jüdin am jüdischen Leben in der Stadt teil?

Ich bin nicht sehr religiös, ich gehe nicht in die Synagoge.

Und die letzte: Wie schauen Sie als junge, werdende Mutter auf die Stadt? Ist Berlin eine kinderfreundliche Welt?

Noch habe ich davon keine Ahnung. Dass es hier so viele deutsch-russische Kitas gibt und gleichzeitig den Kontakt zur arabischen Kultur, ist großartig. Dann die Kunsterziehung, das Ballett, da gibt es tolle Möglichkeiten. Aber wahrscheinlich wäre es auf dem Land insgesamt schon ein bisschen schöner. Der Kinderbauernhof im Görlitzer Park wirkt dagegen ein bisschen traurig. Aber ich habe doch leider dieses Problem mit dem Landleben.

Das Gespräch führten Julia Grass und Anne Lena Mösken