Bildungssenatorin Sandra Scheeres im Interview.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinEin schwieriges Jahr geht zu Ende für Sandra Scheeres. In der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in der Nähe vom Alex sieht es zum Jahresabschluss trotzdem festlich aus. Der grellste Blickfang schmückt das Büro der Senatorin allerdings das ganze Jahr über: ein quietschbuntes Wimmelbild an der Wand hinter ihrem Schreibtisch. Es ist eine Auftragsarbeit aus dem Pankower Mädchentreff Tivolotte. „Sehr wild, ne?“, sagt Sandra Scheeres. „Ich liebe das Bild.“ Jeder soll sehen: Sandra Scheeres ist auch Jugendsenatorin. Das gerät schon mal in Vergessenheit. In der Kritik stand Scheeres 2019 jedenfalls immer dann, wenn es um Berlins Kitas und Schulen ging.

Frau Scheeres, wie haben Sie Weihnachten gefeiert?

In der Familie. Ich habe zwei Kinder, 9 und 16 Jahre alt, die Oma war bei uns, und mein Mann hat wie jedes Jahr Gans, Rotkohl und Klöße gekocht. Wir gehen am 24. immer entweder ins Kindertheater oder in ein alternatives Krippenspiel, dann wird gefeiert und gegessen und schließlich kommt die Bescherung. Normalerweise gehen wir am Abend vorher zum Union-Weihnachtssingen in der Alten Försterei. Das ging dieses Jahr nicht, weil wir über die Feiertage einen Hund betreut haben.

Im neuen Doppelhaushalt hat die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie 10 Milliarden Euro bewilligt bekommen. Welche Weihnachtsgeschenke planen Sie in den nächsten beiden Jahren?

Ich konnte da sehr viel verhandeln und bin sehr zufrieden. Wir haben rund eine Milliarde Euro mehr zur Verfügung als im vergangenen Haushalt. Das brauchen wir auch, weil wir im Bildungsbereich viel bewegen wollen: beim Schul- und Kita-Bau, bei der Digitalisierung und der Schulqualität. Für mich ist das Thema der Digitalisierung zentral. Für den Breitbandanschluss für alle Schulen nehmen wir richtig viel Geld in die Hand, an die 90 Millionen Euro. Wir investieren in die Qualität der Schulen, mehr Deutschunterricht in der Grundschule, attraktiveren Matheunterricht, in die Begabungsförderung und in die Qualifizierung von Lehrkräften. Auch Entlastung der Schulen ist uns wichtig.

Was bedeutet das konkret?

Wir wollen, dass sich die Lehrkräfte auf den Unterricht konzentrieren können. Deshalb werden wir bis Ende 2021 an jeder Schule mindestens einen Schulsozialarbeiter haben sowie IT- und Verwaltungsleiter. Die Sekretariate werden ausgebaut. Wir wollen einen guten Rahmen schaffen, damit der Unterricht qualitativ weiterentwickelt werden kann. Viel Geld fließt auch in die Inklusion. Im Kita-Bereich haben wir 100 Millionen Euro zusätzlich. Wir sind stolz darauf, dass wir in den vergangenen Jahren 60 000 Kita-Plätze geschaffen haben. Aber wenn wir uns die Geburtenrate und den Familienzuzug ansehen, können wir uns nicht zurücklehnen. Familien ziehen hierher, gerade weil wir eine gute Infrastruktur bieten können. Aber das große Wachstum stellt uns auch vor extreme Herausforderungen.

Schulplatzprognosen waren im vergangenen Sommer ja ein ziemlicher Stolperstein für Sie. Haben Sie jetzt einen Überblick, wie viele Schulplätze gebraucht werden?

Einen Überblick hatten wir schon vorher. Das Problem, und da bin ich auch selbstkritisch, lag in der Kommunikation. Die Zahl von mehr als 20 000 fehlenden Schulplätzen, die da in der Welt war, war eine absolute Maximalprognose: Was würde es bedeuten, wenn sofort alle großen geplanten Wohnungsbaumaßnahmen etwa in Tegel, Buch oder am Güterbahnhof Pankow durchgeführt werden würden? Der reale Bedarf sind 9 500 Schulplätze. Das Problem war, dass diese Maximalprognose unkommentiert in einer Excel-Liste stand. Daraus haben wir gelernt.

Aber die 9 500 gebrauchten Schulplätze wird es im Jahr 2021/2022 dann geben?

Jedes Kind wird einen Schulplatz bekommen. Dafür werden die Bezirke und meine Verwaltung sorgen. Die Schulbauoffensive ist in die Gänge gekommen. Seit Anfang der Legislaturperiode ist meine Verwaltung für die Steuerung zuständig. Wir mussten erst mal die Strukturen dafür schaffen, dass Land und Bezirke gemeinsam die Verantwortung übernehmen. Und weiterhin ist es schon so, dass die Bezirke dafür verantwortlich sind, Schulplätze zu schaffen. Aber im neuen Haushalt haben wir allein 100 Millionen für „Fliegende Klassenzimmer“ vorgesehen, wollen mit Pavillons und Holzbau-Erweiterungsbauten ganz schnell zusätzliche Schulplätze schaffen. Das ist natürlich keine Dauerlösung, aber so können wir die Spitzen abfangen, bis die vielen in Planung befindlichen Schulneubauten fertig sind. 16 000 Schulplätze sind übrigens bereits in den letzten Jahren entstanden.

Zur Person

Sandra Scheeres ist 49 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Düsseldorf. Dort hat sie auch eine Ausbildung zur Erzieherin und ein Studium der Pädagogik absolviert. Zweiteres werde oft unterschlagen, sagt Scheeres, was sie ärgere.

SPD-Mitglied ist Scheeres seit 1993, vor 13 Jahren gewann sie in ihrem Wahlkreis Pankow ein Direktmandat im Abgeordnetenhaus.

Dem Senat
gehört sie seit acht Jahren an: 2011 wurde sie Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Wissenschaft gehört seit 2016 nicht mehr zu ihrem Ressort, nun ist sie für Familie zuständig.

Berlin investiert so viel Geld pro Schüler und Schülerin wie kein anderes Bundesland, ist aber fast durchgehend auf den letzten Plätzen in bundesweiten Vergleichstests. Woran liegt das?

Man muss sich klarmachen: Hier in Berlin lebt jedes dritte Kind in Armut. Für viele Kinder ist Deutsch nicht die Familiensprache. Auch die anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen liegen bei den Vergleichstests hinten. Das hat ja seinen Grund. Diese Kinder haben einfach einen besonderen Unterstützungsbedarf. Das ist mir persönlich wichtig, ich bin selbst in einem sozialen Brennpunkt groß geworden und weiß, was es bedeutet, in Armut aufzuwachsen. Meine Mutter war alleinerziehend und konnte mir ab der zweiten Klasse nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen. Ich weiß genau, dass Kinder, die sich durch solche Umstände durchkämpfen müssen, viel mehr leisten müssen als diejenigen, die das Glück haben, in ihrem Elternhaus unterstützt und gefördert zu werden. Berlin hat in den vergangenen Jahren schon viel für die Entlastung der Familien getan. Aber wir müssen an den Schulen noch mehr auf qualitative Verbindlichkeit achten.

Wie wollen Sie das erreichen?

Wir haben ein datenbasiertes Indikatorenmodell erarbeitet, durch das wir für jede Schule genau sehen können, wie sie sich entwickelt. Wie sieht es aus mit der Schuldistanz, der Schulabbrecherquote, wie viele dauerkranke Lehrkräfte gibt es? Schulleiter können nun quasi auf Knopfdruck sehen, wo ihre Probleme liegen. Wir vereinbaren begleitend mit jeder Schule Schulverträge mit konkreten Zielen. Wenn eine Schule beispielsweise eine konstant hohe Schulabbrecherquote hat, soll der Schulvertrag ein Anstoß sein, sich zu fragen: Warum ist das so? Mit welchen Partnern können wir zusammenarbeiten, um die zu senken? Müssen wir etwas an unserem Schulkonzept ändern?

Und wie wird kontrolliert, dass sich dann auch wirklich etwas ändert?

Dafür wollen wir auch die Schulinspektion umstellen. Die soll in Zukunft noch stärker datenbasiert arbeiten und ich möchte einen noch stärkeren Fokus auf Leistungsdaten und Entwicklung von Schulen legen.

Bei einer Schulinspektion besuchen Teams aus Schulleitern, Lehrern, Schulaufsicht und Menschen aus nichtschulischen Berufen eine Schule und bewerten ihre Qualität.

In Zukunft wollen wir den Rhythmus von Schulinspektionen bei den Schulen, die Probleme haben, erhöhen. Gleichzeitig werden wir die Schulen, in denen es gut läuft, eher in Ruhe lassen. Solche Schulen gibt es hier übrigens auch einige. Wir haben in Pankow und anderen bürgerlichen Gebieten jede Menge Schulen, die im Bundesvergleich locker mithalten können. Aber unsere Sozialstruktur ist insgesamt einfach anders.

Viele Eltern sind unzufrieden mit der hohen Quote  an Quer- und Seiteneinsteigern in der Lehrerschaft.

Alle Bundesländer stellen Quer- und Seiteneinsteiger ein. Aber Berlin ist das einzige Bundesland, das damit transparent umgeht. Andere Bundesländer haben ihre Lehrerstellen nicht besetzt bekommen, und das trotz Quereinsteigern. Ich finde, man muss auch anerkennen, dass wir sehr hohe Qualitätsstandards haben, die man erfüllen muss, um als Quereinsteiger zugelassen zu werden, zum Beispiel einen Masterabschluss in einem relevanten Fach. Quereinsteiger müssen bei uns nachstudieren und in jedem Fall das Referendariat wie jeder andere Lehrer auch absolvieren. Wir haben eigens ein Institut aufgebaut, um sie zu qualifizieren. Und aus den Schulen höre ich kaum Klagen, die Quereinsteiger werden meistens eher als Bereicherung wahrgenommen. Klar gibt’s den einen oder die andere, bei dem oder der man sagt, das ist jetzt vielleicht nicht der richtige Beruf für dich. Aber das passiert zuweilen bei Lehrkräften oder Referendaren auch.

Braucht es dann überhaupt noch klassisch ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer?

Auf jeden Fall. Nicht ohne Grund haben wir die Studienkapazitäten ausgeweitet. Aber ich frag Sie mal, was ist denn die Alternative? Dass Unterricht ausfällt? Dass die Lehrer mehr arbeiten? Dass die Klassen größer werden? Das ist für mich keine Alternative. Wir haben so hart für die zusätzlichen Ressourcen für Inklusion, für Teilungsunterricht, für Sprachförderung gekämpft. Wenn wir diese Stellen jetzt nicht besetzen, dann können diese Ressourcen faktisch nicht genutzt werden. Deshalb ist es mir so wichtig, dass wir alle Stellen besetzen. Und das bekomme ich seit sieben Jahren hin, trotz steigender Schülerzahlen und obwohl uns bundesweit Tausende Lehrer fehlen.

Wie würden Sie eine Abiturientin oder einen Abiturienten für den Lehrerberuf begeistern?

Ich finde, die besten Vorbilder sind immer die Lehrerinnen und Lehrer selbst. Das sagen mir auch Schülerinnen und Schüler immer wieder. Außerdem findet in unseren Schulen Berufs- und Studienorientierung statt, und zwar für alle möglichen Berufe.

Aber warum ist Lehrer ein toller Beruf?

Weil man daran beteiligt ist, Bildungsbiografien zu gestalten und Chancen zu eröffnen. Wenn jemand Spaß daran hat, mit Menschen zu arbeiten und Inhalte zu vermitteln, dann ist das der richtige Beruf. Er ist sehr abwechslungsreich, weil man jeden Tag in unterschiedlichen Situationen ist. Aber: Klar muss es einem auch sein, dass es ein anstrengender Beruf ist. Dafür wird er auch anständig bezahlt, mehr als 5 400 Euro brutto. Wir sind übrigens das erste Bundesland, das seine Grundschullehrkräfte genauso bezahlt wie die Lehrkräfte an weiterführenden Schulen.

Wenn Sie überhaupt keine finanziellen oder bürokratischen Einschränkungen hätten, was wäre die schulpolitische Maßnahme, die Sie sofort am 1. Januar umsetzen würden?

Ich habe ja den Verfügungsfonds eingerichtet. Das ist Geld, mit dem jede Schule selbst entscheiden darf, wie sie es einsetzen möchte: für Anschaffungen, Projekte oder den Schulgarten. Da bin ich mit 7 000 Euro pro Schule gestartet, dann bis zu 20 000 Euro. An dieser Stelle würde ich noch mal richtig was draufpacken, um die Autonomie der Schulen zu stärken.

Was nehmen Sie sich persönlich vor fürs nächste Jahr?  

Mehr Sport und weniger Schokolade.