Er ist ein Berliner und zugleich ein Gentleman. Er pendelt zwischen Film und Show, Theater und Literatur, Friedensbewegung und Bürgerinitiative. Ilja Richter, der früh entdeckte Kinderdarsteller, kann mehr, als man ihn machen lässt. Er lebt damit, oft unterschätzt zu werden – aber er ist nicht eitel. Nein, das Interview müsse man ihm vor der Veröffentlichung nicht vorlegen. Aber ja, wenigstens den Namen solle man richtig schreiben.

Er hat ein Berliner Herz und einen kosmopolitischen Verstand. Schriftsteller will er sich nicht nennen, weil er nicht davon lebt. Aber er ist ein leidenschaftlicher Autor. Sozusagen ein schreibender Schauspieler. Und für einen Schauspieler singt er auch gut, der gelegentliche Synchronsprecher. Ilja Richter ist nicht so einfach zu verschlagworten – da geht es ihm wie seiner Stadt Berlin.

Was bedeutet Ihnen Berlin?

In dem Zitat „Berlin ist nicht, Berlin wird“ steckt alles drin. Die Stadt ist genau das nicht, was sie behauptet zu sein. Und sie wird wohl auch nicht, was sie werden soll. Das ist der Charme von Berlin, ein unbeabsichtigter Charme. Man kann Berlin nicht richtig in den Griff bekommen, es flutscht immer wieder weg. Glatte Ecken sorgen hier immer noch für Irritation. Ich hoffe, dass es selbst durch die Spießigkeit wechselnder Parteien nie einen Erfolg geben wird, das Berlinische fassbar zu machen.

Welche Spießigkeit meinen Sie?

Schon die politische Bezeichnung Hauptstadt – die klingt nach Großmannssucht. Diese Erwähnung ist wohl notwendig, weil es so viele Nebenstädte gibt. Darin steckt Provinzialität. 1870/71 fing das an nach dem Krieg – endlich mal einen Krieg gewonnen. Die Folgen davon kennen wir alle. Der Protz der Zwanziger, dieses Paris-Spielen von Berlin, das hat Kosmopoliten verstimmt. Vor jener Kleinkariertheit floh einst schon Kurt Tucholsky; dafür brauchte er nicht die Nazis.

Schon im 30er-Jahre-Musical „Cabaret“ heißt es: Die Stadt ist so großartig geschmacklos. Blieb sie das?

Das gehört zum Wesen dieser unmöglichen Stadt, die ich so liebe. Etwa bei der Architektur! Alles ist ein bisschen zu groß, ein bisschen zu protzig geraten. Sich über seine eigentliche Größe zu erheben, hat etwas zutiefst Kleinbürgerliches.

Haben Sie ein Beispiel von heute?

Den Potsdamer Platz – mit seinem Anspruch, was er sein sollte, und was er tatsächlich ist. Da wird teilweise Lächerlichkeit produziert. Aber Berlin ist nicht lächerlich. Da bauen weltberühmte Architekten fraglos Bedeutendes – am Ende sind ihre Künste aber nur Teil eines Gemischtwarenprinzips. Also: Fahre ich über den Potsdamer Platz, ist er hinreißend. Verweile ich, wird er kleiner. Da fehlt die Seele.

Was wäre denn Berliner Seele?

Beispielsweise war der Osten erkennbar da, wo das Ampelmännchen war. Dann wurde einfach durch ein Geschäft – das für den Ampelhersteller natürlich ein hervorragendes ist – die ganze Stadt gleichgemacht. Durch Lobbyismus verschwinden die Details. Oder Stichwort: Gaslaternen. Die wurden nun wiederum im Osten schon vorher gerupft. Doch für die, die es im Westen noch gibt, wollen wir Bürger ein Umrüsten mit Elektroleuchten und LEDs verhindern. Die Politiker tun so, als würde es sich um romantische, wilhelminische Nostalgie handeln. Tatsächlich geht es uns aber um das Licht von Berlin. Das neue Licht ist viel kälter. Nun wird also ein Original kopiert. Ich nenne das Antihistorismus, denn man kann nicht etwas besser machen, indem man es nachmacht.

Sie sprechen noch von Ost und West?

Aus Trotz. Weil nach schlechter deutscher Art gern Dinge weggebügelt werden. Später versucht dann die Erinnerungskultur das Weggebügelte darzustellen. Also das gut Gemeinte folgt einer absichtlichen Verwischung von Spuren. Das fängt an bei Straßennamen von Widerstandskämpfern und geht bis zum Palast der Republik. Das ist Vernichtung von Erinnerung. Vernichtung ist ein großes Wort, aber hier nicht falsch. Ich hätte gern meinem Sohn den Palast gezeigt. Der Reichstag ist doch auch hässlich, aber ein Stück deutscher Geschichte – mit abenteuerlichen Stilbrüchen. Ist doch egal, das war eben so. So lange man noch etwas erkennen und verorten kann, rede ich gern von West und Ost.

Ist dieses Hochrüsten der Stadt das Zeichen einer Provinzialisierung?

Ja, dadurch geht Originalität verloren. Das Ursprüngliche wird weg-retuschiert. Egal, ob es das Berliner Licht ist oder das Berliner Schloss, das Kulissenhafte schreitet voran. Zum Beispiel am Kudamm: Wo bei McDonald’s hinter großbürgerlicher Fassade ein Fresstempel steckt. Oder beim Apple Store, der die Filmbühne Wien historisch zerstört hat und innen nur eine Verkaufshalle ist. Oder das Astor Kino, das von Tommy Hilfiger ausgehöhlt wurde. Dabei hat Berlin gar keinen Grund, zur Kulisse zu werden.

War das auch so beim Hotel Bogota, über das Sie einen Film drehten und für dessen Erhalt Sie sich einsetzten? Geht da auch Geschichte verloren?

Ich fürchte schon. Deshalb haben wir anlässlich der Hotel-Schließung fünf Tage lang eine Dokumentation gedreht, einen 47-Minuten-Film. Um wenigstens etwas zu bewahren. Das Haus in der Schlüterstraße 45 ist hundert Jahre alt: Der Jazzmusiker Benny Goodman, trat hier auf; hier war das Atelier der jüdischen Modefotografin Else Neuländer-Simon, die Reichskulturkammer saß hier, an diesem Ort gründeten sich der westlich orientierte Bund der Kunstschaffenden und der prosowjetische Kulturbund der späteren DDR. Jetzt sind da Wohnungen und Büros geplant. Vielleicht bleibt das Studio von der ermordeten Fotografin Yva erhalten, bei der Helmut Newton gelernt hat? Aber was hat die Öffentlichkeit davon? Bleibt es begehbare Kultur?

Sie lehnen Provinzialismus ab. Wie verorten Sie sich selbst? Als Berliner? Deutscher? Europäer? Weltbürger?

Ich bin ein berlinischer Kosmopolit. Ich kann Europa nicht meine Heimat nennen, aber ich kann das europäische Denken nachvollziehen und weiß auch, was ganz deutsch an mir ist. Doch das meiste an mir ist eben berlinisch.

Sie sind sehr eloquent. Ist diese Sprachfertigkeit typisch berlinisch?

Weiß ich gar nicht. Neulich habe ich an einem Bauzaun ein Plakat gesehen, das ging sinngemäß so: „Ihr werdet hier so lange alles umgebaut und verändert haben, bis Prenzlauer Berg so aussieht, wie das Dorf, aus dem ihr einst geflohen seid.“ Das ist unerfreulich, aber die Pointe stimmt hundertprozentig. Das ist ganz sicher berlinisch.

Sie haben jüdische Wurzeln. Leben Sie ein jüdisches Leben? Wird das von Ihnen erwartet?

Ich wurde nicht jüdisch erzogen und lebe kein jüdisches Leben. Natürlich prägen mich meine Wurzeln – aber ich bin nicht repräsentativ. Es hat mich mal sehr verletzt, als man mir nachsagte, ich wolle mich damit interessant machen. Dabei halte ich mich sogar absichtlich zurück. Ich bin das Gegenteil von manch Konvertiertem, der nichterlebtes Leiden zu Markte trägt.

Ihre Mamme hatte angeblich den typischen Berliner Mutterwitz …

Das stimmt. Aber Mamme; diesen Begriff würde ich nicht verwenden. Eine Mamme ist eine gluckende, über ihren Kindern thronende, wärmende Frau. Meine Mutter war das nicht. Sie wärmte sich mehr an den Möglichkeiten, die ich hatte. Ich rede offen über sie. Ich bin ein Hinterbliebener, und ihre Seele ist auf Reisen gegangen. Ich glaube nicht, dass es sie schert, was wir hier sprechen. Ich liebe sie aber trotzdem.

Trotzdem? Sie hatten doch eine sehr enge Bindung …

Ich war sogar ein echtes Muttersöhnchen! Doch mein Muttersöhnchendasein reflektierte ich erst viel später. Bestimmte Reflexe werde ich nie überwinden, aber von vielen habe ich mich befreit. Bis heute glauben noch Leute, ich sei schwul. Ist schon frech, wenn andere das behaupten. Ich kenne mein Privatleben besser. Vor 30 Jahren war ich da noch beleidigt, indes bin ich entspannt. Heute habe ich einen Sohn, der ist dreizehn. Kolja ist mein einziges Kind – und das Beste, was ich im Leben fertig gebracht habe.

Sie bringen auch gute Bücher zustande und mögen erkennbar Kurt Tucholsky. Verfassten Sie deshalb, wie Tucholsky, schon Ihren Nachruf?

Für mein Buch „Du kannst nicht immer 60 sein“ habe ich ein paar Nachrufe geschrieben – so wie ich sie mir vorstelle in der FAZ, in der Bild-Zeitung oder in der taz. Der in der taz ist übrigens der giftigste.

Fühlen Sie sich von den Feuilletons unterschätzt oder verkannt?

Ich werde noch nicht mal schlecht behandelt. Ich glaube, dass ich der gut gelaunteste Unterschätzte bin. Das habe ich mir über die Jahre emotional und intellektuell erarbeitet. Humor und Traurigkeit sind ja keine Gegensätze, sondern Geschwister. Mit dem Unterschätztwerden komme ich heute gut zurecht. Ich bin kein Getriebener, das wäre töricht. Es birgt auch einen großen Reiz, anderen ab und zu mal ein Aha-Erlebnis zu bieten.

Im eben erschienenen Buch „Wir Berliner“ geht es um Weltbürger aus Berlin. Sie schrieben da ein geistreiches Stück über Curt Bois. Wie kam es zu dieser Wahlverwandtschaft?

Die Herausgeberin hat mir Bois vorgeschlagen. Ich war ganz glücklich, weil Bois mir ein seelisches Vergnügen bereitet. Er war ein Original. Als Spielender wirkte er mit seiner Darstellung selbstverständlich international, hatte so etwas Kosmopolitisches. Man hörte ihn singen und sah Fred Astaire steppen. Bois ist in der Tradition der großen Berliner Komödianten, verkörperte Prosperität und Vitalität. Allerdings sah er sich nie als Vertreter jüdischen Humors, er fand das rassistisch. Er wollte zeigen, dass es keinen Unterschied gab. Aber da war bei Goebbels – einem Mann, der Heinrich Heine auf dem Nachttisch hatte – der Intellekt schon vom Kopf in seinen Klumpfuß gewandert.

Bois ging ins Exil in die USA. Aus Berlin mussten viele fliehen. Bekam diese Stadt jemals wieder ihre Glaubwürdigkeit zurück?

Man sieht ja, dass viele an Berlin glauben. Es ist doch herrlich, wenn man in orientalische Augen sieht, und aus dem Mund kommt reinster Berliner Dialekt. Das ist doch genau das, was Hitler, die Ideologen und Rassisten vermeiden wollten. Diese Internationalität tut uns gut.

Und wie steht es heute hier mit den Manieren, oder deren Verlust?

Meine Berlin-Liebe ist eine stille. Ich bin ein Gent, mache selbstverständliche Dinge eher unauffällig. Doch manchmal fällt es schon auf, wenn man hier mit einer gewissen Höflichkeit unterwegs ist. Aber Berlin war schon immer ruppig.

Wenn Sie Liebenswürdiges in dieser Stadt suchen: Wo werden Sie fündig?

Der Berliner ist immer hilfsbereit. Er trägt das aber nicht auf dem Präsentierteller vor sich her, sondern tief in sich. Wenn ich hier also Liebenswürdiges suche, finde ich es in den Menschen. Deshalb kann ich die Stadt, trotz aller Dinge, die mich empören, aufrichtig lieben.

Das Interview führte Abini Zöllner.