Berlin - Als ehemaliges Arbeiter-Kind sang er bei Simply Red Melodien für Millionen und wurde zum steinreichen Hedonisten. Jetzt, im Alter von 52 Jahren, startet Mick Hucknall, der streitbare Mann mit der naturroten Lockenmähne und der überreifen Soulstimme, auf Empfehlung der Hälfte der Rolling Stones seine Solokarriere. An diesem Freitag wird er als Hauptattraktion der "Aida Night Of The Proms" auf der Bühne der O2 World für musikalische Geschmeidigkeit sorgen.

Mr. Hucknall, wen sehen Sie, wenn Sie morgens in den Spiegel schauen?

Einen erwachsenen Mann, einen Vater, der stolz auf die Falten in seinem Gesicht ist.

Weil Ihre Falten von Leben zeugen?

Ja, ich betrachte sie als Zeugnisse von Erfahrungen, die ich mir und anderen rückblickend zwar lieber erspart hätte, die ich aber offenbar machen musste, um mich jetzt, in meinem sechsten Lebensjahrzehnt, selbst wertschätzen zu können.

Sie reden von den 3000 Frauen, mit denen Sie in den Erfolgsjahren von Simply Red angeblich schliefen?

Jeder, der so etwas von sich behauptet, ist doch irgendwie durchgeknallt, finden Sie nicht?

Die Behauptung stammt von Ihnen.

Ich war kein Kostverächter und als der Erfolg kam und die ersten Millionen aufs Bankkonto flossen, war ich genauso ratlos wie viele im Popgeschäft. Zuerst wünscht man sich Erfolg, und wenn er sich einstellt, fragt man sich verwundert, welche Ziele man noch hat. Und dann beginnt man zu kompensieren. Einige bezahlten dafür mit ihrem Leben, andere mit ihrer Gesundheit. Ich handelte mir einen schlechten Ruf bei Frauen ein.

"Meine Frau rettete mir das Leben"

Ihre Frau Gabriella, die Sie vor zwei Jahren heirateten, ist offensichtlich unerschütterlich.

Sie ist eine starke Frau, die mir buchstäblich das Leben rettete.

Stand es so schlimm um Sie?

Der Abhängigkeit von chemischen Substanzen fiel ich zwar nie anheim, aber als ich 40 wurde, erlebte ich eine sehr dunkle Lebensphase. Ich hatte weit mehr als genügend materielle Besitztümer, aber ich fühlte mich innerlich absolut leer. Meine Karriere war mir egal geworden, ich war mir egal.

Das klingt dramatisch.

Es war dramatisch. Noch dramatischer war allerdings das Vaterwerden mit 47. Meine kleine Tochter hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Ich schätze, dass der Sohn in mir erst sterben musste, bevor ich als Vater geboren werden konnte.

War Ihre Sexsucht nichts anderes als ein Ersatz für fehlende Mutterliebe?

Warum sang ich wohl in einem meiner größten Hits "I want to fall from the stars straight into your arms"? Meine Mutter suchte nach meiner Geburt das Weite und ich suchte bis Mitte 40 nach der Erfüllung von Liebe.

Sind SieMusiker geworden, weil Sie ein Romantiker sind?

Ich wusste schon im Alter von fünf Jahren, dass ich Musik machen musste. Als ich die erhellende Kraft von "I Want To Hold Your Hand" zum ersten Mal spürte, wusste ich, dass ich anderen Leuten die gleichen Erfahrungen bereiten wollte.

Sind Sie Musikliebhaber geblieben?

Musik ist mein Grundnahrungsmittel. In unserem Haus in Irland haben wir einen iPod, der uns in Dauerrotation mit klassischer Musik, Jazz und Dub-Reggae unterhält. Alles instrumental.

Ertragen Sie keine Gesangsstimmen außer Ihrer eigenen?

Es wird mir zunehmend wichtig, die Feinheiten meiner eigenen Stimme herauszuarbeiten. Das Hören auf andere Stimmen wäre da eher kontraproduktiv.

Ich wurde zum Opfer meines eigenen Erfolgs

Sie sind ein eitler Pfau.

Nein, ich besitze eine stimmliche Gabe, die von Jahr zu Jahr besser wird. Wie ein 1970er Cheval Blanc.

Wie empfinden Sie Ihre Stimme?

Fahren Sie mal mit Ihrer Fingerkuppe über ein Stück Seide. Es fühlt sich geschmeidig an und gleichzeitig körnig. So empfinde ich meine Stimme. Sie hat heute mehr Tiefe.

Interpretieren Sie deshalb auf Ihrem neuen Album "American Soul" alte Kamellen des 1950er Blues?

Ich hätte diese Songs vor 20 Jahren nicht singen können. Um sich Nina Simones "Don’t Let Me Be Misunderstood" würdig zu erweisen, muss man gelebt haben.

Warum haben Sie sich vom Markenzeichen Simply Red distanziert?

Simply Red war großartig, aber letztlich wurde ich damit Opfer meines eigenen Erfolgs. Ein Markenname hat nur solange Berechtigung, wie man ihn am Leben halten kann. Das funktionierte bei der Band nur durch Hits, deren Gehalt angesichts der Musik, die im Radio gespielt wird, immer dünner wurde.

Solo soll das jetzt anders werden?

Es ist anders. Schuld sind die Rolling Stones. Ron Wood nahm mich als Ersatz für Rod Stewart mit auf Tournee der Faces. Charlie Watts wollte mich als Sänger für seine eigene Band. Die Stones haben meine Liebe für R&B wiederbelebt.

Sind Sie glücklich?

Immer häufiger.