Interview mit Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel zur Zukunft von Autos und Nahverkehr

Voll, voller, Berlin: Die Stadt wächst, doch sie muss trotzdem in Bewegung bleiben. Eine schwierige Aufgabe für Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD). Er erklärt, wie er sich die Mobilität der Zukunft vorstellt.

Herr Geisel, künftig wohnen wir in riesigen Hochhausstädten und fliegen im Raumgleiter zum Einkaufen. Haben Sie in Ihrer Jugend auch solche Science-Fiction-Utopien gelesen?

Ja, solche Jugendbücher kenne ich. Ich habe auch Stanisław Lem gelesen und Fritz Langs Film „Metropolis“ gesehen. Heute erschrecken mich diese Utopien allerdings. Damals gab es einen unbändigen Technik- und Fortschrittsglauben, und man hat auf die autogerechte Stadt gesetzt. Heute stellen wir fest, dass sich das Mobilitätsverhalten anders entwickelt. Für mich als Senator gehören Raumgleiter nicht zu meiner planerischen Perspektive.

In 20 Jahren wird Berlin rund vier Millionen Einwohner haben. Was heißt das: noch vollere U-Bahnen, vollere Straßen?

Für mich steht fest, dass wir Mobilität neu denken müssen. Das zu erwartende Wachstum des Verkehrs werden wir nicht mit Autos bewältigen können. Wir müssen auch in Zukunft den Nahverkehr ausbauen und den Fußgänger- und Radverkehr erleichtern. Aber es gibt auch neue Aufgaben.

Welche zum Beispiel?

Wir müssen die Wohngebiete, die für mehrere Tausend Menschen entstehen, an das Nahverkehrsnetz anschließen. Und wir müssen auch die überalterte U-Bahn-Flotte erneuern und erweitern. Dafür sind bereits 3,3 Milliarden Euro bis zum Jahr 2033 vorgesehen. Der Zustand der Straßen und Brücken ist so, dass an vielen Stellen saniert werden muss. Wir werden auch die eine oder andere Straße und Brücke neu bauen müssen. Und Radfahren kommt immer stärker in der Mitte der Gesellschaft an. Berlin ist schon nah dran, pro Einwohner und Jahr fünf Euro für den Fahrradverkehr auszugeben, aber das wird auf Dauer nicht reichen. Währenddessen geht der technische Fortschritt weiter. Der Frage, ob und wo wir autonom fahrende Autos zulassen, werden wir uns schneller stellen müssen, als wir denken. Auch die wachsende Stadt wird das Mobilitätsverhalten verändern.

Was bedeutet das?

Das bedeutet zum Beispiel, dass wir uns Parkplätze für Tausende von Autos, die 23 von 24 Stunden am Tag herumstehen, nicht mehr leisten können. Dafür sind die Flächen in der Mitte Berlins viel zu wertvoll.

Wollen Sie private Autos aus der Innenstadt verdrängen?

Das wird zunehmend passieren. Aber es wird nicht so sein, dass in der Innenstadt kein privater Autoverkehr mehr stattfindet. Anders als in anderen großen Städten wohnen in Berlin viele Menschen im Zentrum. Das ist gut so, denn es macht unsere Innenstadt lebendig.

Den Aktivisten, die mit einem Volksentscheid viele neue Fahrradspuren durchsetzen wollen, stehen Sie ziemlich skeptisch gegenüber.

Der Fahrradverkehr muss weiter ausgebaut werden, da gebe ich den Radaktivisten Recht. Allerdings haben wir kein Planungs-, sondern ein Vollzugsdefizit. Wir haben gut damit zu tun, die Gelder, die zur Verfügung stehen, auszugeben und zu verbauen. Mehr Geld bereit zu stellen, ohne Baukapazitäten zu erhöhen, hilft uns nicht wirklich.

Mitten in Berlin entsteht eine Autobahn, nach Treptow. Sie soll nach Lichtenberg verlängert werden. Sieht so moderne Verkehrspolitik aus?

Heute fahren viele Autos durch die City Ost. Wenn wir das ändern wollen, wenn wir mehr Fahrradverkehr ermöglichen und Fußgängern mehr Platz bieten wollen, müssen wir stärker als jetzt Autoverkehr aus der Innenstadt herausnehmen. Aber dann müssen wir Autofahrern auch eine Möglichkeit bieten, um die Innenstadt herumzufahren. Alles andere würde zu einem Dauerstau führen.

Wird es in 20 Jahren in Berlin mehr Autos geben als heute?

Schwer zu sagen. Der Anteil des Autoverkehrs an den Wegen, die in Berlin zurückgelegt werden, ist unter 30 Prozent gesunken. Für eine europäische Metropole ist das bemerkenswert. Die Zahl der Autos ist jedoch gewachsen. Wie es weitergeht, hängt davon ab, ob wir den Nahverkehr als Alternative weiter so stabil halten, weiter ausbauen und noch attraktiver machen können.

Welchen Ausbau meinen Sie? Es sind doch kaum neue Schienenstrecken geplant.

Im Moment landet fast wöchentlich ein neuer hochfliegender Plan für neue Schienenstrecken auf meinem Schreibtisch. Das ist alles sehr interessant, denn man braucht auch Visionen. Für die seit Langem diskutierte Verlängerung der U 8 von Wittenau ins Märkische Viertel werden wir zum Beispiel prüfen, ob eine solche Strecke technisch, finanziell und verkehrlich machbar ist. Doch wir sind jetzt hauptsächlich damit beschäftigt, die aktuellen Straßenbahnprojekte voranzutreiben – etwa die geplanten Verbindungen zum Ostkreuz oder zum U-Bahnhof Turmstraße, zum Potsdamer Platz oder zwischen der Wissenschaftsstadt Adlershof und Schöneweide.

Die BVG würde gern die U 1 von der Warschauer Straße zum Ostkreuz verlängern.

Das ist ein guter Plan, den ich nachvollziehen kann. Allerdings verläuft parallel die S-Bahn. Bevor wir an dieser Stelle eine hohe dreistellige Millionensumme investieren, sollten wir Wohngebiete, die noch nicht erschlossen sind, an das Nahverkehrsnetz anbinden.

Wird man in 20 oder 30 Jahren mit der Straßenbahn zum Bahnhof Zoo fahren können?

Emotional würde ich antworten: Ja, das wäre schön. Aber wenn ich seriös bleiben will, müsste ich sagen: Der Bahnhof Zoo ist schon sehr gut angeschlossen. Der Nahverkehr müsste erst einmal dort ausgebaut werden, wo er noch nicht so leistungsfähig ist wie am Zoo. In Pankow muss das geplante Wohngebiet Elisabeth-Aue an die Straßenbahn angeschlossen werden. Auch die Anbindung der Buckower Felder an den öffentlichen Nahverkehr ist ein Thema für uns.

Das klingt nach Klein-Klein.

Durchaus nicht. Ich setze mich zum Beispiel dafür ein, dass die Stammbahn, die zweite Schienenverbindung zwischen Berlin und Potsdam, wiederaufgebaut wird. Berlin wächst, Potsdam auch. In 15, 20 Jahren wird der Verkehr zwischen den Städten nicht mehr zu bewältigen sein, und dann brauchen wir die Stammbahn. Deshalb müssen wir jetzt ihre Trasse freihalten. Wir halten auch die Nordbahn im Norden Berlins und die Siemensbahn frei.

Wo können Sie sich Elektrobusse vorstellen?

Das wird vom technischen Fortschritt abhängen. Auf der Linie 204 zwischen Zoo und Südkreuz fahren solche Busse ja schon. Doch so richtig funktioniert die Technik noch nicht. Außerdem sind die Busse sehr teuer. Derzeit ist das Ganze ein Zuschussgeschäft, das rund eine Million Euro pro Jahr kostet. Doch wir leisten uns das, weil wir davon ausgehen, dass Elektrobusse noch sehr interessant für unsere Stadt werden. Die Urban Tech Republic, die auf dem Gelände des Flughafens Tegel entsteht, wird Berlins Kreativzentrum der Zukunft. Dieses Gebiet mit Elektrobussen zu erschließen und mit dem Verkehrsnetz zu verbinden, ist eine schöne Vision.

Das Elektroauto soll angeblich groß im Kommen sein. Glauben Sie das?

Die fossilen Brennstoffe sind endlich. Es ist absehbar, dass es auf Dauer nicht mehr genug Benzin und Diesel geben wird. Ich gehe schon davon aus, dass wir uns über den technischen Fortschritt in Richtung Elektromobilität bewegen.

Warum fahren Sie eigentlich kein Elektroauto?

Das hat etwas mit den hohen Anschaffungskosten und mit den Verträgen für den Fuhrpark zu tun. Das Land ist angehalten, sich wirtschaftlich zu verhalten. Wenn die Preise sinken und Elektroautos für Berlin wirtschaftlich interessant werden, steigen wir sofort um. Derzeit bin ich im Dienst mit einem 5er-BMW unterwegs. Was den Ausstoß an Kohlendioxid anbelangt, habe ich den vorbildlichsten Dienstwagen im Senat.