Interview mit Stadtforscherin Noa Ha: „In Berlin gilt Straßenhandel als dreckig“

Berlin - Frau Noa Ha, in den USA, England und in Asien verkaufen Händler frische Gerichte auf der Straße. Warum sieht man so etwas nicht bei uns?

In Berlin wird ganz viel über die ästhetische Ausrichtung einer modernen europäischen Stadt gesprochen, und da gilt der Straßenhandel als nicht modern, sondern als dreckig und unhygienisch. Das gehört hier nicht zum Stadtbild. Die wirtschaftliche Frage, dass sich Leute damit auch ein Einkommen erschaffen, die spielt in Berlin überhaupt keine Rolle.

Warum funktioniert das anderswo?

In Städten wie New York und San Francisco gibt es viel mehr Straßenhändler, dort arbeiten etwa 3.000 lizenzierte Street-Food-Verkäufer, es gibt weitere 4.000 inoffizielle. Die Regeln sind zwar sehr streng, doch die Händler sind gut organisiert. Buchhändler etwa brauchen gar keine Genehmigung. Aufgrund der freien Meinungsäußerung dürfen sie ohne Genehmigung Bücher verkaufen, in Harlem ist so ein völlig neues Genre entstanden, die Street Literature.

Sie haben die Geschichte des Straßenhandels in Berlin untersucht. Wurde früher mehr verkauft?

Auf jeden Fall. In den 1920er-Jahren war Straßenhandel prominent in der Stadt, man liest darüber in den Romanen von Döblin und Kästner. Zum Bild der modernen Stadt hat das dazugehört: der Zigarettenhändler, die Briefmarken- und Wurstverkäufer. Auch nach dem Fall der Mauer gab es in Berlin eine Hoch-Zeit des Straßenhandels, da haben unheimlich viele Leute ihre Sachen verkauft. Doch nach und nach wurden die Leute verdrängt.

Wie sieht es heute aus?

Seit 1998 gibt es einen Negativkatalog, darin ist Straßenhandel im Gebiet des früheren Bezirks Mitte verboten. Es gibt keine festen Stände, die Grillwalker müssen ihre Geräte am Körper tragen, die Souvenirverkäufer dürfen sich nicht setzen. Am Brandenburger Tor sind nur Straßenkünstler erlaubt. Das wird wahnsinnig scharf kontrolliert.

Und an Imbissständen kriegt man meist nur Currywurst und Brezeln.

Stimmt. Das ist ein Schuss in den Ofen, denn von der Vielfältigkeit dieser Stadt ist nichts zu spüren.

Aber hat Berlin nicht genügend Restaurants mit internationaler Küche?

Um ein Restaurant zu eröffnen, braucht man viel Geld. So ein Food Truck ist längst nicht so teuer. Und die Vielfalt ist größer. Die Leute experimentieren, sie wollen was Neues machen. Das war doch immer das Besondere an Berlin: Es war leicht, hier etwas auszuprobieren. Im Moment habe ich den Eindruck, dass es einen Schritt zurückgeht. Das Problem ist auch, dass wir viele Migranten haben, die keine Chance bekommen, sich hier auszuprobieren. Sie bringen aus ihrer Heimat eigene Rezepte mit.

Im Preußenpark funktioniert es. Im Sommer kochen dort an den Wochenenden Thailänder, es ist voll.

Das funktioniert nur, weil die Leute so hartnäckig sind und weil dort viele Menschen sind. Es gibt eine Verständigung mit dem Bezirk, aber keine Sicherheit. Das ist ein irregulärer Markt, für die Händler gibt es keine Sicherheit, der Markt kann jederzeit verboten werden.

Was sollte die Stadt denn tun?

Die Ämter müssen wegkommen von der Haltung: Wir dürfen das nicht erlauben, sonst kommen alle anderen auch. Die einzelnen Abteilungen wissen oft nichts voneinander. Es müsste beim Senat eine zentrale Anlaufstelle geben, nennen wir sie Agentur für spontane Wirtschaft. Dort muss das Wissen gebündelt werden. Ich kriege ständig Anfragen von Leuten, die eine Idee haben und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.

Welcher Ort wäre geeignet für so ein Street-Food-Experiment?

Es gibt Nischen zur Zwischennutzung, das Tempelhofer Feld wäre so ein Ort. Die Stadt hat Potenziale. Sie muss sie nutzen.

Das Gespräch führte Stefan Strauß.