Berlin - Wir treffen den Architekten Daniel Libeskind im Hotel Waldorf Astoria. Genau zwanzig Minuten darf man mit ihm sprechen. Man fühlt sich wie bei einem Popstar. Der einzige, der von dem Rummel unberührt scheint, ist Libeskind. Er sitzt tief im Sessel. Ein netter, lachender Mann in schwarzer Bertolt-Brecht-Lederjacke.

Herr Libeskind, Ihre Karriere hat in Berlin begonnen, hier haben Sie mit dem Jüdischen Museum Ihren ersten Welterfolg gefeiert. Und jetzt planen Sie hier an der Chausseestraße ein Wohnhaus.

Das ist das Leben. Es trägt einen in viele Richtungen, Ich bin so glücklich, wieder in Berlin zu sein, nach dem Jüdischen Museum, dem Innenhof des Museums, der Akademie – und jetzt eben das Wohnhaus.

Wie viele Wohnhäuser haben Sie in einer so dicht bebauten Stadt wie Berlin eigentlich schon errichtet?

Denver, Singapur, gerade in Düsseldorf – es gibt einige Erfahrungen. Ich habe ja nie an die Idee der Tabula rasa geglaubt. Jeder Standort, ob es nun in New York, Warschau oder Berlin ist, hat seine Besonderheiten. Architektur muss darauf antworten, ökonomisch, funktional, kulturell – gerade in einer globalisierten Welt, die immer gleichförmiger wird.

Aber Wohnungen sind relativ standardisiert, man braucht eine Küche, ein WC, ein Schlafzimmer. Ihre Auftraggeber haben mir vorhin erzählt, dass Sie vor allem an eine städtische Klientel denken, die kleine, intensiv genutzte Wohnungen braucht.

Genau deswegen sind Wohnungen ja die hohe Kunst der Architektur. Wo die Tür steht, wie die Wand gemacht ist, wohin sich das Fenster öffnet. Menschen sind nicht gleich. Wir leben nicht in Boxen, sondern im Raum, brauchen ein Außen und ein Innen – und wir brauchen Schönheit. Poetisches Licht, raffinierte Materialien. Wohnungen müssen einzigartig sein und doch für jeden funktionieren. Auch diese Wohnungen sind für jeden Berliner gedacht, aber eben keine standardisierte Box. Sie sollten maßgefertigt sein für die Menschen des 21. Jahrhunderts und die Atmosphäre Berlins atmen, einer jungen Stadt.

Gibt es denn aus Ihrer Sicht eine spezielle Berliner Architektursprache?

Mancher denkt bei Berlin immer gleich an Schinkel, an alte preußische Zeiten. Aber Berlin war immer modern, eine hartkantige Stadt. Daran muss man sich orientieren. Es gibt das ganz besondere, klare Licht, das man einfangen muss, das ist völlig anders als in Stockholm oder in Rom. Es muss vom Morgenlicht bis zur Nacht die Menschen inspirieren können. Und Berlin hat eine einzigartige Geschichte. Das Grundstück hier gehörte bis in die 1930er-Jahre Juden, die vor den Nazis fliehen mussten. In unmittelbarer Nähe stand die Berliner Mauer, die die Welt getrennt hat. Jetzt wollen die Menschen hier zusammen kommen. Und dann gibt es jetzt noch den BND auf der anderen Straßenseite ... (Er lacht)

Sie haben immer wieder beklagt, dass im Berlin von Senatsbaudirektor Hans Stimmann neue Architekturideen keine Chance hätten. Hat sich das geändert?

Sehr. Dieses Projekt ist auch ein Beweis dafür. Es ist keine Schuhbox, auch wenn es sich an alle Regeln hält. Es betont die Ecke, und lässt doch eine neue Idee zu.

Woher kommt dieser Wandel?

Die Stadt hat sich entwickelt. Berlin mit seiner Kunst, seiner Geschichte, seiner Musik, den Museen ist ein Magnet, die Menschen kommen von weit her – und verlangen auch nach Projekten, die nicht nur Kantenbrot und Kartoffeln sind.

Apropos Tradition: Was halten Sie eigentlich von der Debatte um das Berliner Schloss?

Ich war nie ein Fan davon. Der Nachbau des Schlosses ist nicht berlinisch, das ist viel zu archaisch, viel zu banal. Einfach Fotos nachbauen – Berlin ist raffinierter, komplizierter.

Warum haben Sie eigentlich 2007 nicht an dem Wettbewerb teilgenommen?

Ich hatte genug zu tun mit dem World-Trade-Projekt in New York, mit Dresden, Singapur. Nein, man muss auswählen können.

Derzeit wird heftig über den Vorschlag von Stephan Braunfels debattiert, den Ostflügel des Schlosses weg zu lassen.

Ich war ja beim Alexanderplatzwettbewerb in den frühen 1990er-Jahren, glaube ich, der einzige, der nicht von den Ost-Berlinern ausgebuht wurde. Einfach, weil ich nicht alle Gebäude aus der DDR-Zeit einfach abreißen wollte, sondern nur die Straßen und Häuser und die Dichte verbessern wollte. Mir ging es um einen homöopathischen Ansatz, keinen chirurgischen Eingriff. Es ist ein fataler Fehler von Planung, wenn sie nicht die Menschen beachtet, die Geschichte.

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Ist deswegen auch der große Plan für den Alexanderplatz gescheitert?

Ich denke, das war bestimmt auch ein Grund. Ich habe in New York beim World Trade Center Projekt gelernt, dass man die Menschen mitnehmen muss, alle, vom Bürgermeister über die Verwaltungen bis zu den Bewohnern. Berlin hat eine komplizierte Geschichte, Unterschiede. Wir sollten nicht ein bestimmtes Datum seiner Geschichte aussuchen, sondern auf die Vielfalt antworten.

Als ich die Pläne für Ihr Projekt gesehen habe, dachte ich an den Crystal in Toronto oder das Militärhistorische Museum in Dresden mit seinem gewaltigen Keil. Gibt es einen Libeskind-Stil?

Die Formen sind nicht einfach nur da. Sie sollen Individualität geben. Jeder Mensch hat doch Anspruch auf seine Würde, man will nicht nur eine Türnummer sein. Und denken Sie an Frank Lloyd Wright. Der hat so um 1905 gesagt: Wenn ein Gebäude nicht wie ein Kristall ist, dann ist es falsch. Kristalle sind luminos, lebendig, unsere DNA besteht aus Kristallen, genau so wie die Sterne. Ich habe nie an eine Architektur geglaubt, die einfach nur Kisten baut.

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Vom Dachapartment wird man eine Traumsicht auf den BND haben. Gibt es schon Anfragen von der NSA ?

Ein unglaublicher, riesiger Komplex ist das. Aber auch mit einem kleinen Bau können sie die Nachbarschaft verändern. Und wer immer hier anmietet, hat eine schöne Aussicht. Es ist eben ein sehr urbanes Gebäude (er lacht).

Das Interview führte Nikolaus Bernau.