Berlin - Vor 55 Jahren, am 30. Oktober 1961, wurde in Bad Godesberg das sogenannte Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei unterzeichnet. In der Folge kamen Tausende Türken nach Deutschland, Bauern, Bauarbeiter, Schlosser, Schreiner, Gelernte, Ungelernte, Männer, Frauen. Heute leben mehr als 200.000 Menschen mit türkischen Wurzeln in Berlin. Viele von ihnen sind selbstständig. Doch große türkische Unternehmen gibt es kaum in der Stadt. Wir sprechen darüber mit Suat Bakir. Der studierte Volkswirt arbeitete viele Jahre für die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer.

Herr Bakir, Sie wurden in Izmir geboren, sind in Berlin aufgewachsen und leben heute mit Ihrer Familie hier. Was sind Sie, Türke oder Deutscher?

Ich bin Berliner, und zwar durch und durch.

Mit türkischem Pass?

Mein türkischer Pass ist schon lange abgelaufen. Wenn ich in die Türkei fliege, dann habe ich immer den Personalausweis dabei.

Warum entscheiden Sie sich denn nicht konsequent für den Staat, in dem Sie leben und geben den Pass richtig ab. Ihre Frau ist Deutsche, Ihre drei Kinder leben hier....

Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft auf ganz legalem Weg erworben, warum soll ich sie abgeben? Die Türkei hat mich nicht aus ihrer entlassen, weil ich den Militärdienst dort damals nicht geleistet hatte. Und Berlin hatte mir trotzdem die deutsche Staatsbürgerschaft gegeben. Aber wenn ich mich nur für eine entscheiden müsste, würde ich mich für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden.

In der Stadt leben 100.000 Türken und schätzungsweise weitere 100.000 türkischstämmige Berliner. Fast 39.000 von ihnen haben eine doppelte Staatsbürgerschaft. Warum entscheiden sie alle sich nicht klar für den Staat, in dem sie leben?

Aus meiner Sicht ist es überwiegend Bequemlichkeit. Man muss zu den Ämtern laufen, hat jede Menge Rennereien. Viele glauben aber auch, dass sie mit ihrem Pass auch ihre Identität aufgeben, sie wollen Türken bleiben.

Wann sind Ihre Eltern nach Deutschland gekommen?

Meine Mutter kam 1968 nach Berlin, mein Vater 1969. Es ging ihnen wie den meisten damals darum, eine bessere Arbeit in Deutschland, dem Land des Wirtschaftswunders, zu finden. Sie wollten hier ein, zwei Jahre gut verdienen, sparen und dann zurückkehren, um sich in der Türkei einiges mehr leisten zu können.

Wie lief die Anwerbung bei Ihren Eltern denn konkret ab?

Die türkische und die deutsche Arbeitsagentur haben damals zusammengearbeitet. Man stellte sich an, und dann wurde geguckt, ob derjenige gesund ist, und welche Fertigkeiten er hat. Auf die Bildung wurde nicht geachtet, man suchte ja bewusst Hilfsarbeiter, die man schnell anlernen konnte. Es hat auch niemand verlangt, dass die Gastarbeiter die deutsche Sprache lernen. Sie sollten ja nach zwei Jahren wieder zurückgehen. Meine Mutter war in Izmir Hausfrau, sie wollte in Deutschland in einer Fabrik arbeiten, und es wurden gerade junge Frauen für Arbeiten am Fließband gesucht.

Wo arbeitete sie in Berlin?

Unter anderem bei Osram. Sie lebte erst in einem Arbeiterheim. Ein Jahr später kam mein Vater nach, und beide zogen in eine kleine Wohnung am Einsteinufer in Charlottenburg.

Die Adresse haben Sie sich ja gut gemerkt.

Die Adresse kannte ich auswendig. Ich kann mich sehr gut an meine Ankunft in Berlin erinnern. Wir Kinder kamen 1970 nach Berlin, da war ich acht, mein kleiner Bruder sechs Jahre alt. Wir kamen in Begleitung eines Erwachsenen mit dem Flugzeug nach Berlin. Mein Vater konnte uns nicht abholen, weil er im Krankenhaus bei meiner Mutter war, meine Schwester wurde einen Tag vorher geboren. Also setzte man uns in ein Taxi. Am Einsteinufer hat uns die Wirtin der Kneipe dort in Empfang genommen. Diese Frau hat uns erstmal eine Limo gegeben und den Fernseher angemacht. Da lief gerade „Mein Freund Ben“, diese amerikanische Kinderserie mit dem Bären, das weiß ich noch genau. Heute begreife ich, was Willkommenskultur heißt. Diese Frau hat uns unsere Ängste genommen. Das ist sowieso das Wichtigste, dass einem am Anfang die Ängste genommen werden.

Wie ging es für Sie hier weiter?

Wir sind ein Jahr später nach Wedding ins Afrikanische Viertel gezogen, ich habe dort die Schule und auch das Gymnasium besucht. Das war etwas Besonderes. Für türkische Kinder gab es damals keine Gymnasialempfehlung. Es hieß, das schaffen die sowieso nicht. Dabei habe ich damals schon akzentfrei Deutsch gesprochen. Ich war jedenfalls der erste Migrant, der 1982 auf dieser Weddinger Schule Abitur gemacht hat. Heute sind es mindestens 60 nichtdeutsche Schüler, die dort Abitur machen. Berlin entwickelt sich.