Die Poelchau-Schule in Charlottenburg- Nord ist seit 1973 nach Harald Poelchau benannt, der im Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv war. Nun möchte sich die Eliteschule des Sports nach einem Umzug auf das einstige „Reichsportfeld“ in Sportschule im Olympiapark umbenennen.

Frau Siemsen, die Poelchau-Schule will den Namen ihres Vaters ablegen. Was halten Sie davon?

Mein Bruder, der in den USA lebt, und ich würden es sehr bedauern, wenn der Name unseres Vaters sang- und klanglos verschwinden würde. Menschen, die in schwerer Zeit Zivilcourage gezeigt haben, sollten weiter geehrt werden.

Der Schulleiter sagt, Sie hätten die Namensänderung mitgetragen.

Es gab, ich glaube Ende Oktober, ein Gespräch mit dem Schulleiter und weiteren Schulmitgliedern. Zugestimmt haben wir unserem Verständnis nach nicht. Wir haben nur Verständnis geäußert für den Wunsch, einer Sportschule den Namen eines Sportlers geben zu wollen. Ich persönlich fände den Namen Poelchau-Sportschule im Olympiapark als Kompromisslösung sehr gut. Gerade auf einem ehemaligen NS-Gelände wie dem Olympiapark ist es wichtig, mit einen Gegenpol zu setzen.

Die Schule will ja dem repräsentativen Eingangsbereich den Namen Poelchau geben. Was halten Sie davon?

Die Schule muss auch wirklich hinter dem Namen Poelchau stehen. Es reicht nicht aus, einfach die Aula nach Harald Poelchau zu benennen. Das wäre halbherzig. Schon seit Jahren gibt es auf der Schul-Homepage keinerlei Hinweis auf den Namen Poelchau.

Es sieht so aus, als würde die Senatsbildungsverwaltung einer Umbenennung so nicht zustimmen. Wie bewerten Sie das Namensgebungsverfahren an der Schule?

Als es um die Wahl des Schulnamens ging, wurde die Möglichkeit, den alten Namen Poelchau zu behalten, völlig ausgelassen. Es ging nur um Jesse Owens, den schwarzen Olympiasieger von 1936, um die ermordete jüdische Sportlerin Lilli Henoch und den Namen Schule im Olympiapark. Kein Wunder, dass sich die Schüler ohne dieses Wissen vor allem für Jesse Owens begeistert haben. Andere Schulen pflegen die Erinnerung an ihren Namensgeber.

Schon heute wissen ja viele Berliner mit dem Namen Poelchau gar nichts mehr anzufangen. Schmerzt Sie das?

Er ist einer der unbekannteren Männer des Widerstandes. Das stimmt. Mein Vater war insgesamt ein sehr bescheidener Mensch. Und er hat ja auch, etwa um jüdische Familien zu retten, immer im Hintergrund agiert. Das musste er ja, sonst wäre er aufgefallen und möglicherweise im NS-Staat zum Tode verurteilt worden. Und später nach dem Krieg hat er im Industriepfarramt gearbeitet, kümmerte sich um die Arbeiter in den West-Berliner Fabriken. Da war es auch nicht angebracht, sich in den Vordergrund zu spielen.

Was hat Ihnen Ihr Vater über die NS-Zeit erzählt?

Darüber sprach man damals nicht. Zu Kindern sowieso nicht. Nach dem Krieg war sein Leben anders, da war er aktiv im Jetzt. Er freute sich, wenn er im Industrie- und Sozialpfarramt für seine jugendlichen Fabrikarbeiter neue praktische Möbel ergattern konnte. Die Idee der Arbeit des Sozialpfarramtes war ähnlich der der Arbeiterpriester in Frankreich.

Wie haben Sie denn vom Leben Ihres Vaters im NS-Staat erfahren?

Später habe ich in seinen Büchern über sein Leben in der NS-Zeit gelesen. In seinem ersten Buch „Die letzten Stunden“ schilderte er ja, wie er als Gefängnispfarrer mehr als tausend Menschen vor der Hinrichtung seelsorgerisch betreute. Und in seiner Autobiografie stand mehr über seine Widerstandshandlungen und Helfer und wie wichtig die Zugehörigkeit zum Widerstandskreis für ihn war. Ich habe auch über die europapolitischen Vorstellungen gelesen, die während des Krieges im Kreisauer Kreis zirkulierten, dass zum Beispiel die europäische Wirtschaft von überkommenen nationalstaatlichen Beschränkungen befreit werden müssten, und es eine innereuropäische Einheitswährung sowie Wegfall der Zollschranken geben sollte.

Das Gespräch führte Martin Klesmann.