Tom Sello erscheint mit Jeans und Sweatshirt zum Interview in einem Café in Prenzlauer Berg, wo er seit DDR-Zeiten wohnt. Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte betreibt er seit 1989, zuletzt in der Robert-Havemann-Gesellschaft zusammen mit Freunden und Kollegen aus DDR-Zeiten. Dass er jetzt, frisch vom Abgeordnetenhaus gewählt, Leiter einer Behörde ist, muss er noch etwas sacken lassen.

Herr Sello, wir feiern bald den 30. Jahrestag des Mauerfalls sowie das Ende des SED-Staats. Der Realsozialismus ist mausetot, die Stasi-Akten sind offen, die Gründe für den Niedergang der DDR tausendfach wissenschaftlich analysiert. Warum treten Sie jetzt noch eine Stelle zur „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ an?

Weil Geschichte nicht nach Datum für erledigt erklärt werden kann, wie man auch aus der Auseinandersetzung mit der Nazizeit gelernt hat. Die beschäftigt uns aus gutem Grund heute noch. Die kommunistische Diktatur in Deutschland hat viele Menschen zu Opfern gemacht, die aus politischen Gründen im Knast saßen, die verfolgt wurden und deren Leben systematisch zerstört wurde. Solange diese Menschen leben und unter dieser Vergangenheit leiden, müssen wir uns als Staat und Gesellschaft um sie kümmern. Das ist ganz klar.

Macht Auseinandersetzung mit einer Diktatur immun dagegen, eine Neue zu errichten?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Aufklärung über die Mechanismen einer Diktatur helfen kann, der immer noch vorhandenen Propaganda über den angeblich humanistischen Charakter der DDR etwas entgegenzusetzen. Manche Menschen haben nach der Friedlichen Revolution 1989 den Eindruck, dass das SED-System eigentlich recht harmlos gewesen sei und der Kommunismus eine gute Idee, die nur schlecht umgesetzt wurde. Das war aber überhaupt nicht der Fall. In der Anfangszeit der DDR herrschte offener Terror, der später durch weniger sichtbare, aber wirkungsvolle Mechanismen von Überwachung, Zersetzung, Ausgrenzung und Unterdrückung ersetzt wurde.

Ihr Vorgänger im Amt hieß noch Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Ihre Behörde soll sich jetzt um die SED-Diktatur in ihrer Gesamtheit kümmern. Weil das Stasi-Thema durch ist und eine neue Geschäftsgrundlage zum Erhalt der Aufarbeitungsinstitutionen gefunden werden musste?

Eine der Hauptaufgaben des bisherigen Landesbeauftragten Martin Gutzeit war es, Menschen bei Bedarf zu unterstützen und konkret zu beraten, wenn sie einen Antrag auf strafrechtliche oder berufliche Rehabilitierung oder auf Zahlung einer Opferrente stellen wollten. Das wird auch für mich ein Schwerpunkt sein. Zur Bearbeitung solcher Anträge werden Stasi-Akten hinzugezogen. Darüber hinaus gibt es weiter zahlreiche Menschen, die die über sie angelegten Stasi-Akten lesen wollen. In diesem Sinne ist das Thema Stasi weiterhin relevant. In der öffentlichen Debatte über die DDR aber ist die Fixierung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die Stasi und ihre Spitzel durchaus ein Problem. Die Geheimpolizei war Dienstleister der SED, und über deren Verantwortung als Auftraggeber ist viel zu wenig gesprochen worden. Das Gleiche gilt für andere Institutionen des SED-Staates wie Justiz oder Polizei.

Woran liegt die Fixierung auf die Machenschaften der Stasi?

Sicher auch daran, dass sie es vielen Ostdeutschen ersparte, sich mit der eigenen Rolle im SED-Staat zu beschäftigen und sich zu fragen, welchen Beitrag sie zum Erhalt des Systems geleistet haben: als SED-Genosse, als Lehrer, als Soldat oder in anderer Funktion. Ich selbst habe auch viele Jahre mitgemacht, als Jungpionier, bei der FDJ und durch den Wehrdienst in der NVA, bis ich mich gegen den Staat DDR entschieden habe.

Wie kam es dazu? Anders als etliche andere Oppositionelle in der DDR stammen Sie nicht aus kirchlichen oder anderweitig systemkritischen Kreisen.

Das war ein langer Prozess. Es fing damit an, dass ich aus einer Handwerkerfamilie stamme – mein Vater war privater Hutmachermeister und gehörte damit nicht zur angeblich herrschenden Arbeiter- und Bauerklasse. Schon in der Schule wurde mir vermittelt, dass ich irgendwie anders sei als die anderen. Zum ersten ernsten Konflikt kam es in der siebten Klasse. Da ging es darum, wer das Abitur machen darf. Es wurde gewünscht, dass man die Treue zur DDR durch einen längeren Wehrdienst oder die Verpflichtung für eine Offizierslaufbahn in der NVA bewies. Das wollte ich nicht.

Pazifist?

Nein, bin ich nicht. Aber meine Klassenkameraden und ich wurden einzeln zum Schuldirektor gerufen und massiv bedrängt, zur Armee zu gehen, das gefiel mir ebenso wenig wie die Glorifizierung des Militärischen in der DDR. Das ging für mich nicht zusammen mit der SED-Parole „Nie wieder Krieg“. Außerdem hatten wir viele Verwandte im Westen. In der Schule hieß es, das sei der Klassenfeind. Das alles bekam ich als Kind nicht zusammen. Dann kam die Unangepasstheit in der Pubertät dazu – Jeans aus dem Westen, lange Haare. Darauf wurde staatlicherseits völlig überzogen reagiert.

War alles schlecht in der DDR?

So einfach schwarz-weiß war das Leben in der DDR nicht. Roland Jahn sagt immer: Auch in der Diktatur schien die Sonne. Ich hatte zum Beispiel eine sehr gute Deutschlehrerin, die in mir die Begeisterung für Literatur und Geschichte geweckt hat. Der Alltag in der DDR war nicht nur von glühenden SED-Funktionären und mutigen Oppositionellen bestimmt. Es gab auch diejenigen, die nicht offen opponiert, sich aber zurückgezogen und das Spiel der SED möglichst wenig mitgespielt haben. Und die vielen, die die DDR verlassen haben, weil sie die Umstände dort nicht länger ertragen wollten. Ich halte deshalb überhaupt nichts davon, das Leben der Ostdeutschen pauschal zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Das Beste an der DDR aber war ihr Ende und dass die Ostdeutschen es selbst herbei geführt haben.

Gab es einen offenen Bruch mit dem Staat? Und wollten Sie lieber im Westen leben?

Das wollte ich nie, das System im Westen fand ich nicht erstrebenswert. Der offene Konflikt mit dem Staat DDR entwickelte sich bei der NVA. Die hatte nach meiner Erfahrung weniger eine militärische Bedeutung, sondern die politische Aufgabe, den männlichen Teil der Bevölkerung zu brechen. Ich hatte Ärger wegen Befehlsverweigerung, es gab bei der NVA sehr unschöne Einsichten und Erlebnisse.

Eigentlich wollten Sie studieren, Bauingenieur oder Lehrer werden. Warum wurden Sie Maurer?

Weil mit dem Studium eine Verpflichtung zum Reservedienst bei der NVA verbunden war. Das wollte ich nicht. 1979 ging ich als Maurer nach Berlin.

Als Maurer waren Sie für die Arbeiterklasse eigentlich noch nicht verloren. Wie gerieten Sie dann in Oppositionellenkreise?

Ich suchte Leute, die ähnlich dachten wie ich, die die gleiche Musik hörten. 1980 hab ich eine Wohnung in der Schönhauser Alle 20 besetzt, unterm Dach, mit fließend Wasser an den Wänden, einem Hausbuchführer mit Blockwartmentalität und Besuchen des ABV. So kam eins zum anderen. Ich fand Kontakt zu einem oppositionellen Bekanntenkreis, der nach und nach größer wurde. Dann durchsuchte die Stasi 1987 die Umwelt-Bibliothek, Freunde von mir wurden festgenommen. Da konnte ich mich nicht mehr raushalten und habe von da an in dieser Gruppe fest mitgemacht.

Heute hat man bei manchen Ex-DDR-Bürgern den Eindruck, dass sie weniger unter den Verhältnissen in der DDR als unter den knapp 30 Jahren nach 1989 gelitten haben – die für viele in der Tat belastend waren.

Diese Ost-Nostalgie ist nicht neu, in den 1990er-Jahren und auch später gab es schon solche Wellen. Ich frage meine Landsleute dann immer: Warum seid ihr dann 1989 auf die Straße gegangen und habt Gesicht gezeigt? Was wolltet ihr damals loswerden? Warum schätzt ihr das gering, was wir damals erreicht haben, nämlich Demokratie und ein Ende des Duckmäusertums gegenüber dem DDR-Staatsapparat?

Jüngst wurde erneut die Dominanz von Westlern in wichtigen Positionen in Ostdeutschland beklagt. Wie sehen Sie das?

Ich kenne diese Klagen. Damit wird die Legende gepflegt, uns DDRlern sei gegen unseren Willen das System der Bundesrepublik übergestülpt worden. Ich erinnere dann gern an die erste freie Volkskammerwahl am 18. März 1990. Da wählten meine Landsleute mit überwältigender Mehrheit die Allianz für Deutschland und die anderen Parteien, die für eine schnelle Einheit standen. Die wurde uns nicht überstülpt mit allen positiven und negativen Folgen des Kapitalismus, die wurde von einer großen Mehrheit der DDR-Bürger gewollt.

Also alles bestens?

Nein, es gibt trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und trotz der vielen Möglichkeiten und Freiheiten für den Einzelnen soziale Probleme in Deutschland. Ich war einige Jahre arbeitslos und in mehreren ABM-Stellen und kenne die Gefühle, die man in solchen Situationen hat.

Welche Schwerpunkte haben Sie sich für Ihre neue Aufgabe gesetzt?

Bei der Betreuung der Opfer will ich die gute Arbeit von Martin Gutzeit fortsetzen. Vermittlung von DDR-Geschichte wird ein weiterer Schwerpunkt sein. Der Anteil derjenigen, die die DDR noch erlebt haben, wird kleiner, der Anteil der Nachgeborenen und der zugezogenen Berliner, die keine unmittelbaren Diktaturerfahrungen haben und auch die Geschichte des geteilten Berlins nicht mehr kennen, wird größer. Ich will weiter daran arbeiten, dass das ehemalige Stasi-Areal in Lichtenberg zum Campus für Demokratie und das ehemaligen Polizeigefängnisses in der Keibelstraße zum Museum ausgebaut wird.

Es gibt die Forderung, dass Sie sich auch mit dem Leiden früherer DDR-Bürger in der Nachwendezeit beschäftigen sollten.

Das kann Gegenstand der politischen Auseinandersetzungen mit und zwischen den unterschiedlichen demokratischen Parteien sein. Dafür braucht es keinen Beauftragten, sondern demokratisch legitimierte politische Willensbildung und Entscheidungsfindung. Ich hielte es für einen fatalen Fehler, die SED-Diktatur mit den Mängeln unserer parlamentarischen Demokratie gleichzusetzen.