Ein wenig versteckt liegen die Büros der Azure Group in einer Seitenstraße im feinen Londoner Stadtteil Marylebone. Das moderne Besprechungszimmer des Firmenchefs Niels Nielsen ist in einem eleganten Stadthaus aus dem 18. Jahrhundert untergebracht. Ein vorhergehendes Gespräch hat länger gedauert als geplant, der Investmentbanker, 39, entschuldigt sich ausführlich, scheint beinahe peinlich berührt zu sein: „Verspätungen passieren mir eigentlich nie.“ Dann beantwortet er mehr als eine Stunde lang auf Englisch Fragen – über sich und seine Familie, vor allem aber über seine Begeisterung für Dinosaurier, die dem Berliner Naturkundemuseum jetzt einen der am besten erhaltenen Tyrannosaurus Rex der Welt beschert.

Herr Nielsen, sind Sie Wagner-Fan?

Ich finde seine Musik sehr gut, ja. Warum?

Weil Sie als Besitzer des Fossils auch die Rechte zur Namensgebung erworben haben. Nun heißt Ihr T-Rex Tristan – wie der Titelheld aus Wagners Oper „Tristan und Isolde“.

Das habe ich gewählt, weil mein Sohn so heißt. Meine Frau und ich suchten einen Namen, der für Dänen, aber auch auf Französisch und Englisch einfach auszusprechen ist. Ehrlich gesagt, dachte ich mehr an die Ritter am Tisch von König Artus als an Wagner.

Fühlt sich Ihr Sohn denn geehrt als Namensgeber eines 65 Millionen Jahre alten Gerippes?

Der hat das noch nicht so richtig wahrgenommen. Er ist knapp sechs und begeistert von Dinosauriern, aber auch von anderen Tieren. Er brachte mich dazu, mich an meine eigene Faszination zu erinnern. Ich liebte Dinosaurier als Kind. Aber ich hatte das ein wenig vergessen.

Können Sie sich erinnern, woher Ihre Begeisterung stammte?

Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als ich mit meinen Eltern eine Dino-Show in Kopenhagen besuchte. Auf dieser Show konnte man kleine Knochen kaufen, echte Fossilien. Das fand ich ganz toll. Bei meinem ersten London-Trip ging ich natürlich gleich ins Natural History Museum.

Dessen Eingangsbereich wird von einem gewaltigen Diplodocus dominiert.

Dabei handelt es sich übrigens nur um ein Gips-Modell, was längst nicht alle Besucher wissen. Aber das Museum hat eine tolle Dinosaurier-Sammlung, so wie viele Museen in Amerika, die ich während meiner Studienzeit besuchte.

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Warum machten Sie das Hobby nicht zum Beruf?

Naja, es war wirklich nur ein Hobby. Ich wusste eigentlich immer, dass ich in der Wirtschaft tätig sein wollte. Ich studierte also Wirtschaftswissenschaften in Amerika, arbeitete hier in London als Investmentbanker und für eine Private Equity-Firma. Nach einem weiteren Amerika-Aufenthalt habe ich dann auch viereinhalb Jahre in Hamburg gelebt und für eine Immobilienfirma gearbeitet.

Dann können wir ja Deutsch sprechen.

(Auf Deutsch) Ja, das geht auch. Ich mag das Land und die Sprache gern. (Auf Englisch) Aber Englisch fällt mir leichter. Ich spreche auch zu Hause Englisch mit meiner belgischen Frau und meinen Kindern.

Die Dinos haben Sie während Ihrer ersten Berufsjahre ein wenig aus den Augen verloren?

Ja, ich begeisterte mich für zeitgenössische Kunst und mich faszinieren Dokumente aus der Hand wichtiger Menschen, die für die Menschheit etwas geleistet haben. Ich besitze Manuskripte von Albert Einstein, Isaac Newton, Charles Darwin, Louis Pasteur. Es muss Handgeschriebenes sein, ich finde die Verbindung wichtig.

Was machen Sie mit den Manuskripten, zum Beispiel von Newton?

Die sind bei mir zu Hause an der Wand. Ich verleihe sie natürlich auch, an Museen oder Galerien. Aber sie stehen nicht zum Verkauf.

Jetzt haben wir die Dinosaurier aus den Augen verloren. Was weckte Ihren Jagdeifer?

Als Sammler von Kunst und Manuskripten blättern sie viel in Katalogen. Da war einmal vom Zahn eines T-Rex die Rede. Ich hatte nicht gewusst, dass man ein Fossil besitzen kann. Toll, dachte ich. Ich machte also ein Angebot und bekam den Zahn. Als ich ihn erhielt, nahm ich ihn in die Hand. Das hat mich unglaublich stark berührt.

Sie trugen doch gewiss Handschuhe, oder nicht?

Nein, nein, das ist nicht nötig. So fragil sind die ja nicht. Diese Knochen sind 60 Millionen Jahre alt, sie sind zu Stein geworden. Wenn wir Fossile dauernd anfassen und mit uns herumtragen würden, wäre das vielleicht ein Problem.

Was sagt eigentlich Ihre Frau zu Ihrer Sammlerleidenschaft?

Ach, inzwischen hat sie sich daran gewöhnt. Als ich mit meinen ersten Büchern oder Manuskripten ankam, fand sie das ein bisschen merkwürdig. Als ich ihr sagte, ich würde über einen T-Rex nachdenken, da dachte sie wohl, ich sei endgültig durchgedreht.

Erzählen Sie mal, wie es dazu kam.

Nach dem tiefen Erlebnis mit dem T-Rex-Zahn blätterte ich wieder in den Auktionskatalogen und dachte: Vielleicht wäre es toll, den Kopf eines T-Rex für mein Haus zu erwerben. Ich kam an einen Menschen, der mit vielen Fossilien handelt. Irgendwann hörte ich von dem Fund in Montana und ließ mir die Einzelheiten sagen.

Warum waren Sie so fokussiert auf einen T-Rex? Immerhin gibt es davon 50 Exemplare in Sammlungen weltweit.

Diese Zahl wird immer genannt. Aber Sie müssen wissen: Das kann nur ein einziger Knochen sein, der zählt als eigenes Exemplar. Es gibt weltweit vielleicht 15, von denen wir mehr als 70 Knochen haben. Nur ganz wenige Exemplare sind öffentlich zu sehen. Die meisten davon sind aus Plastik gemacht, oder aus unterschiedlichen Gerippen zusammengesetzt. Es gibt höchstens zwei oder drei vergleichbar gut erhaltene Artgenossen von Tristan. Der Kopf ist so vollständig wie bei keinem anderen Exemplar. Und was die gesamten Knochen angeht, liegt er an dritter Stelle.

Die meisten Leser werden Schwierigkeiten haben mit der Vorstellung: Da ist jemand, der entschließt sich einfach mal dazu, schnell einige Millionen für einen Dinosaurier auszugeben.

Über den Preis will ich nicht reden. Und generell denke ich, dass die Frage des Geldes ablenkt von dem, was wichtig ist: die Schönheit des Fossils. Darauf sollten die Leute sich konzentrieren.

Sie kaufen sich lieber einen T-Rex als zehn Ferraris.

Ich habe keinen einzigen. Autos interessieren mich nicht besonders. So was brauche ich nicht.

Wie kam der Kauf zustande?

Ich bat zwei unabhängige Experten darum, sich die Sache anzusehen. Diese Leute haben an Geld kein Interesse, nur an der Wissenschaft. Außerdem wollte ich vor dem Kauf sicher sein, dass ein Museum in Europa den T-Rex würde haben wollen. Es wäre zu schade gewesen, wenn ich es in meiner Garage gelassen hätte.

Die Amerikaner sind ja erstaunlich freigebig, was den Export von Fossilien angeht.

Das hat mit dem starken Schutz des Eigentums in den USA zu tun. Wenn Sie in Ihrem Garten eine Ölquelle oder Gold entdecken, gehört das Ihnen.

Sind Sie selbst auch an den Fundort geflogen?

Ja, aber da war der Deal schon fast abgeschlossen. Mein guter Freund Jens Peter Larsen rief mich dauernd an und sagte: Wollen wir’s zusammen machen? Ich dachte: Warum nicht?

Sie meinen: Sie haben das Geld zusammengelegt.

Wir sind Partner, genau. Und dann bekommt man die Namensrechte. Das war nicht mein erstes Interesse, aber es ist schon lustig.

Warum Berlin? Warum nicht London oder Dänemark?

Ich wollte Tristan in Europa haben. Europa ist nämlich, was echte Dinosaurier-Fossilien angeht, ziemlich unterbelichtet. Meine Berater nannten da von Anfang an eigentlich nur zwei Namen: das Natural History Museum (NHM) hier in London und das Museum für Naturkunde in Berlin.

In London hätten Sie immer mal vorbeischauen können.

Na klar. Die Londoner lehnten aber von vornherein ab.

Mit Leihgaben von Privatleuten will das NHM nichts zu tun haben.

Ich fand die Ablehnung enttäuschend. Andererseits habe ich relativ rasch verstanden, welch besondere Adresse das Berliner Museum ist. Ich bin begeistert davon, wie der Direktor Johannes Vogel und seine Leute Tristan als mehrjähriges wissenschaftliches Projekt angehen. Für mich ist es ein großes Privileg, mit diesen Wissenschaftlern von Weltrang Kontakt zu haben.

Interview: Sebastian Borger