Berlin - Herr Jung, ganz schön eisig draußen. Frieren Sie?

Als Meteorologe bin ich vorbereitet, ich weiß ja, wie das Wetter wird. Unsere Langfristtrends haben schon im Oktober eine eisige Ostströmung für Januar und Februar angekündigt.

Viele Leute scheinen dennoch jedes Jahr kalt erwischt, wenn der Winter kommt. Warum?

Nachdem es lang mild war, waren viele schon auf Frühling eingestellt. Etwas vorschnell, denn der Hochwinter setzt erst Mitte Januar ein und geht bis Ende Februar. Die Überraschung ist trotzdem nachvollziehbar. Wir erleben eine eindrucksvolle Kälte. Minus 15 Grad sind in Berlin nicht so häufig. Kälter geht es in unseren Breiten eigentlich kaum noch.

Und das nennt man dann sibirische Kälte?

Weil die Kaltfront aus Russland kommt. Ich nenne sie auch gern Russlandpeitsche. Sie haut runter bis ans Mittelmeer. In Marseille sind am Wochenende minus fünf Grad. Das ist extrem und zeigt, wie intensiv die Kaltluft ist.

Woher kommt dieser Einbruch?

Ein Kältepolster über Sibirien schiebt eisige Luft zu uns. Bisher haben Atlantiktiefs mildes Wetter gebracht. Jetzt hat sich das Sibirien-Tief mit hohem Luftdruck verstärkt und setzt sich wie ein Bollwerk durch. Die Luft ist kalt, weil sie übers Festland kommt, es gibt kein Meer, über dem sie sich noch erwärmen könnte.

Also müssen wir weiter bibbern?

Na ja, wenn es Ihnen hilft, in Moskau liegen die Tageshöchstwerte bei minus 25 Grad, in der Ukraine müssen die Menschen bis zu minus 30 Grad aushalten.

Hier ist es gefühlt auch recht frostig.

Das wird in den nächsten Tagen so bleiben. Wir erwarten einen unangenehmen Ostwind, mit Böen bis zu 50 Stundenkilometern. Da können sich minus 15 schon mal wie minus 30 Grad anfühlen.

Wie sind die Aussichten?

Die nächsten sieben Tage bleibt es extrem kalt. Ab Mitte nächster Woche wird es milder, um die null bis minus fünf Grad. Die Null-Grad-Grenze wird bis zur Monatsmitte wohl nicht überschritten. Ab nächster Woche sind wieder Schneefälle in Berlin möglich.

Schaffen wir einen Rekordwinter?

Da es lange mild war, ist der Winter immer noch zu mild. Das kann sich aber noch ändern.

Wann kommt der Frühling?

Das kann noch dauern. Wir müssen erstmal durch einen kalten Februar durch. Und auch im März sind wir nicht sicher. Ich stelle jetzt mal eine Bauernregel in den Raum: Friert es auf Vigilius, im Märzen Eiseskälte kommen muss. Vigilius ist am Dienstag gewesen.

Interview: Anne Vorbringer