Berlin - Herr Thierse, was stört Sie an der Kandidatur von Jan Stöß?

Zunächst möchte ich sagen, dass ich im gegenwärtigen Machtkampf der Berliner SPD keine persönlichen Interessen habe. Ich möchte nur meine Irritation und meine Besorgnis zu Protokoll geben.

Was irritiert Sie denn?

Ich war immer überzeugt, dass die Unterscheidung zwischen links und rechts etwas mit Inhalten zu tun hat. Das ist hier erkennbar nicht der Fall. Vier Jahre vor der nächsten Berliner Wahl sollen personelle Weichen gestellt werden, ohne dass dafür zwingende Gründe angegeben werden. Die Argumente sind sogar ziemlich dürftig. Mich irritiert die Leere der Kontroverse.

Was ist so schlimm an einem Duell?

Was da gerade passiert, kann die Zukunft der Berliner SPD als Regierungspartei gefährden. Nach aller Erfahrung, die ich in 22 Jahren gesammelt habe, schadet die Institutionalisierung eines Dauerkonflikts zwischen Partei und ihrer Regierungsmannschaft mittel- und langfristig immer der Partei. So beginnt in der Regel das Ende einer Regierungspartei.

Geht es etwas genauer?

Ein Parteichef, der weder Senatsmitglied noch Abgeordneter ist, muss fast um jeden Preis durch Kritik an der eigenen Regierung auffallen. Sonst gibt es ihn nämlich nicht, sonst wird er nicht wahrgenommen. Ich kann nicht sehen, dass das eine produktive Konstellation wäre.

Die Trennung von Amt und Mandat, die Stöß fordert, lehnen Sie also ab?

Ich kenne kein Beispiel, wo das absichtsvoll herbeigeführt worden wäre. Wenn man das Argument ernst nähme, müssten Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen, Matthias Platzeck in Brandenburg und viele andere in der SPD ihren Parteivorsitz abgeben. Das will ja wohl niemand in der SPD.

Michael Müller ist nicht Regierungschef, sondern Senator.

Das macht keinen Unterschied.

Stöß sagt, die SPD müsse unabhängig vom Senat ihr Profil schärfen.

Dieses Argument nehme ich ernster, aber gerade deshalb lautet meine Antwort: Eine Regierungspartei muss vor allem durch ihre Regierungsarbeit überzeugen und Profil zeigen. Nicht durch das Mäkeln daran. Sie muss durch ihre Diskussion die Regierungsarbeit sogar befördern.

Die Partei soll dem Senat folgen?

Die Frage erinnert mich an die Regierungszeit von Gerhard Schröder. Damals hieß es auch immer: Topdown, also von oben nach unten bestimmen, das lähmt auf Dauer eine Partei. Deshalb bin ich natürlich dafür, sich zu streiten, aber inhaltlich, solidarisch und konstruktiv. Man muss die eigenen Leute stützen. Die Debatten müssen außerdem im Landesvorstand und vor allem in der Fraktion geführt werden. Öffentliche Kontroversen sind nur zu rechtfertigen, wenn die Bürger merken: Die streiten über etwas, was mich angeht – also über politische Inhalte!

Ist es nicht legitim, einen Generationswechsel in der SPD anzustreben?

Michael Müller ist 47 Jahre alt, mehr muss ich dazu nicht sagen. Ich hätte ja vielleicht Verständnis, wenn diese Debatte zwei Jahre vor der nächsten Wahl stattfände, aber jetzt? Das macht keinen Sinn.

Der SPD-Vorstand hat es mehrheitlich abgelehnt, über den künftigen Parteichef per Mitgliederbefragung zu entscheiden. Was sagen Sie dazu?

Ich dachte immer, Linke hätten Sympathie für Basisdemokratie. Dass nun ausgerechnet Linke bei der ersten Gelegenheit auf Basisdemokratie pfeifen, halte ich für einen schlechten Witz.

Sie sagten, Sie hätten keine persönlichen Interessen in dem Streit. Wollen Sie 2013 nicht mehr in den Bundestag? Verzichten Sie auf eine Nominierung durch die SPD?

Dazu nur so viel: Ich halte mich für ziemlich munter und gesund.

Das Gespräch führte Regine Zylka.