Interview mit Yasmis Kassar: "Wenn es im Nahen Osten brennt, dann brennt es auch in Berlin"

Yasmin Kassar ist Lern-Coach an der Refik-Veseli-Sekundarschule in der Skalitzer Straße und engagiert sich bei der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. Der Verein führt Workshops mit Schülern durch, um sie gegen Antisemitismus, Islamfeindschaft und Islamismus zu sensibilisieren. Ob die Initiative dieses Angebot in Zukunft noch machen kann, ist ungewiss. Die Fördermittel vom Familienministerium sind ausgelaufen. Refik Veseli übrigens war ein albanischer Muslim, der im Zweiten Weltkrieg jüdischen Familien das Leben gerettet hat. Dass die Schule, an der Kassar arbeitet, 2014 nach ihm benannt wurde, war ein Vorschlag der Schüler.

Frau Kassar, auf Demonstrationen in Deutschland werden antisemitische Parolen gerufen. Überrascht Sie dieser offene Hass auf Juden?

Leider nicht. Es wird immer noch viel zu wenig getan gegen Antisemitismus in Deutschland. Mich überrascht aber, wie heftig die Reaktionen sind, dass Parolen gerufen werden wie „Jude, Jude, feiges Schwein, ...“. Das ist schockierend.

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus führt Workshops mit Berliner Schülern durch. Wie verbreitet ist Antisemitismus an Berliner Schulen?

Antisemitismus als Weltbild ist nicht verbreitet. Aber antisemitische Ressentiments gibt es, und zwar nicht nur im muslimisch geprägten Umfeld, sondern überall. Was man klar feststellen kann: Immer, wenn es im Nahen Osten brennt, dann brennt es auch hier in Berlin.

Stecken dahinter gefestigte Überzeugungen, oder lassen sich diese Ressentiments aufbrechen?

Sie lassen sich aufbrechen. Wenn Sie sich die Gaza-Demonstrationen anschauen, dann sehen Sie da sehr viele Jugendliche unter 20. Sie sind in Berlin geboren und haben hier die Schule besucht. Und wenn man mit ihnen spricht, merkt man: Zum Nahost-Konflikt haben Sie sehr viel Halbwissen – oder auch gar kein Wissen. Sie kennen die Geschichte dieses Konflikts nicht, Sie wissen nicht, dass 1948 der Staat Israel gegründet wurde, dass dies auf einen Beschluss der Vereinten Nationen zurückging – wenn auch gegen die Stimmen der arabischen Staaten –, und dass Araber und Juden dort zumindest bis in die 20er Jahre friedlich nebeneinander gelebt haben.

Warum wissen sie so wenig darüber?

Weil die Geschichte des Nahost-Konflikts normalerweise im Unterricht keine Rolle spielt. Dort wird der Holocaust durchgenommen, aber was danach geschehen ist, lernen die meisten Schüler nicht. Wenn wir das Thema ansprechen, sagen die Schüler: Endlich kommt jemand und redet mit uns darüber.

Bundespräsident Joachim Gauck hat in der vorigen Woche von „importiertem Antisemitismus“ gesprochen. Ist das Phänomen damit treffend beschrieben?

Nein, das würde ich nicht sagen. Die antisemitischen Stereotype und Verschwörungstheorien sind überall auf der Welt die gleichen. Hier wie dort gibt es Zerrbilder von Juden als Menschen, die viel Geld haben und denen man nicht trauen kann.

Sind antisemitische Ansichten unter muslimischen Jugendlichen verbreiteter als unter ihren nicht-muslimischen Altersgenossen?

Nach meiner Beobachtung nicht. Man trifft auf diese Ressentiments in Pankow genauso wie an Kreuzberger Schulen.

Wie arbeiten Sie mit den Schülern?

Wir wollen ihnen vor allem Wissen vermitteln. Viele Schüler sind sehr erstaunt, wenn sie erfahren, dass es in Israel eine Friedensbewegung gibt. Wir versuchen auch, die Schüler ein wenig zu irritieren und die Bilder infrage zu stellen, die sie von Israel und Palästina haben.

Was haben die Schüler für Bilder von Israel im Kopf?

Das ist sehr unterschiedlich, aber teilweise haben sie ein sehr düsteres Bild und stellen sich das Land als Kriegsgebiet vor, voller Soldaten und kaputter Häuser.

Und wie stellen sie sich die Palästinensergebiete vor?

Das Leid der Palästinenser ist ihnen sehr präsent und führt zu weiteren Projektionen. Viele stellen sich die Menschen dort als sehr religiös und als ewige Kämpfer vor. Vor einigen Jahren haben wir eine Reise mit muslimischen Jugendlichen aus Berlin nach Israel und Palästina organisiert. Sie waren sehr erstaunt, als sie dort Araber getroffen haben, die gerne tanzen gehen, Hobbys haben und den Krieg leid sind.

Treffen Sie manchmal auch Schüler, die überhaupt schon selbst einen Juden oder eine Jüdin getroffen haben?

Sehr selten. Aber viele sind sehr neugierig.

Interview: Frederik Bombosch.