Die Stille hier muss eine Wohltat gewesen sein. Sie muss den Zeugen der Blutfahrt Trost gespendet haben, als sie am Mittwochmorgen in diesen blau leuchtenden Raum der Gedächtniskirche kamen. Weg von den Martinshörnern draußen auf dem Breitscheidplatz. Weg von den hunderten Polizisten, den Journalisten mit ihren Kameras, den Bildern im Kopf. Man kann sich das auch heute, ein paar Tage später, noch gut vorstellen, während man in diesem von Egon Eiermann entworfenen Kirchenschiff steht.

Wir treffen uns hier mit Ulrike Trautwein, um mit ihr über diesen Mittwochmorgen zu sprechen. Die freundliche, 63 Jahre alte Frau mit sehr kurzem Haar, runder Brille und gepunkteter Bluse ist die Generalsuperintendantin von Berlin; so etwas wie die leitende Pfarrerin der Stadt. Die Gedächtniskirche ist ihre Predigt-Kirche. Sie war hier, mit Kolleginnen, als draußen Gor V. mit seinem Auto in eine Schulklasse raste, eine Frau tötete und 31 weitere Menschen verletzte. Sie war hier, als die Polizei darum bat, die Zeugen in der Kirche zu vernehmen. Sie saß neben diesen Menschen und fragte sie: Wie geht es Ihnen?

Es sei ganz ruhig gewesen, sagt sie, während sie vor dem Altar steht. „Es gab keine Hektik.“ Obwohl der Raum übervoll gewesen sei. Überall hätten die Zeugen gesessen, die Notfallseelsorger, die Ermittler. Vorne am Altar die Polizei mit ihren Formularen.

Marcus Glahn
Am Breitscheidplatz: Eine Rose und Kreidezeichen am Tatort.

Wie man den Betroffenen der Amokfahrt helfen kann

Da sei ein junger Mann gewesen, der ältere Menschen gerade noch vor dem heranrasenden Auto wegreißen konnte. Da war das junge Paar, das ganz nah bei der sterbenden Lehrerin war. Der Mann, der immer wieder sagte, er bekomme die Schreie nicht aus dem Kopf. Die Schüler aus Hessen, die in einem getrennten Raum im Keller versorgt und befragt worden seien.

Es ist Ulrike Trautwein anzumerken, wie nah ihr all das noch geht. Immer wieder wird sie beim Sprechen leiser, ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Mir geht es noch nicht so richtig gut“, sagt sie. „Es ist ein Riss, schon wieder.“

Berliner Zeitung: Wie kann man Menschen in einer solchen Situation überhaupt helfen?

Ulrike Trautwein: Einfach da sein, das ist das Wichtigste. Nicht irgendwelche verbalen Trostpflaster verteilen, wie „das wird schon wieder“ oder so. Nicht den Menschen, denen schreckliche Dinge passiert sind, aus dem Weg gehen, weil man Angst hat, es nicht auszuhalten. Man muss meist gar nicht viel sagen. Zuhören ist wichtig. Oder auch zusammen schweigen.

Dieser Ort, diese Kirche, alles ist ja ziemlich aufgeladen. Sie kennen die Angehörigen der Getöteten des Anschlags von 2016. Wie haben sie diese Tat jetzt erlebt?

Das ist für sie eine wirklich heftige Situation: die gleichen Bilder, die gleichen Geräusche. Diese Menschen werden jetzt natürlich wieder radikal in die Situation von damals zurückgeworfen. Sechs Jahre haben die Menschen versucht, auch mental von diesem Ort wegzukommen, haben versucht, eine neue innere Stabilität aufzubauen. Da bricht eine Wunde wieder auf. Vielleicht für die ganze Stadt.

2016 am Breitscheidplatz war eine andere Dimension

Diese Tat ist, anders als 2016, kein Terror, sondern, das stellt sich bei den Ermittlungen zunehmend heraus, ein tragisches Einzelereignis. Trotzdem trifft es uns mit voller Wucht.

Ja, das ist die Sinnlosigkeit und das Brutale einer solchen Tat. Und mir fällt auf, die Menschen sind insgesamt sehr dünnhäutig geworden. Erst die Pandemie, dann der Krieg, jetzt so etwas. Man merkt es schon im Straßenverkehr, wie schnell die Menschen gereizt sind. Es gibt viel mehr Konflikte, auch mehr Verunsicherung, da bin ich als Pfarrerin mehr gefordert als früher. 2016, beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt, hatte die Tat selbst zwar eine viel größere Dimension, aber wir waren noch in einer anderen mentalen Verfassung. Es gab noch kein Corona und noch keinen Krieg in der Ukraine.

Tragen wir als Gesellschaft eine Mitschuld an so einer Tat?

Das glaube ich nicht. Der Fahrer leidet ja offenbar unter einer psychischen Erkrankung. So etwas ist eben auch schrecklich. Solche Erkrankungen hat es zu allen Zeiten gegeben und bis heute können sich die Menschen nicht abschließend vorstellen, wie es in solchen Personen aussieht.

Marcus Glahn
Menschen gedenken der Opfer der Amokfahrt am Breitscheidplatz. Im Hintergrund die Gedächtniskirche.

Viele Menschen in Berlin haben Angst

Trotzdem steigt nach solchen Ereignissen die Angst, es könnte einem selbst ähnliches geschehen. Zum Beispiel auf dem Fahrrad oder auf dem Weg zur Arbeit. 

Mir ist vor allem während der Corona-Pandemie aufgefallen, wie viele Menschen mit Angststörungen zu kämpfen haben. Wie viele das sind, das hat man vorher gar nicht mitbekommen. Mit dem Krieg oder der wirtschaftlichen Unsicherheit hat sich das nochmal verstärkt. Vor allem junge Leute kämpfen wegen der drohenden Klimakrise sehr viel mehr mit psychischen Herausforderungen als früher.

2016 wurde der Weihnachtsmarkt direkt nach dem Attentat wieder geöffnet. Man wollte, dass das Leben weitergeht. Auch jetzt sieht man Touristen, die draußen umherwandern. Autos fahren über den Tatort. Man sieht noch die Markierungen der Spurensicherung. Darf man einfach wieder auf Alltag umschalten?

Verdrängen sollte man sowas natürlich nicht. Zwar halten wir einerseits zu wenig inne, aber andererseits ist es wirklich auch gut, dass es weitergeht, dass wir den Ort nicht dem Schrecken überlassen, sondern dass das Leben bleibt. Und Menschen sich nicht einschüchtern lassen.

Positive Nachrichten machen einen Unterschied

Was kann die Politik, was kann die Gesellschaft tun, damit die Menschen weniger Angst und mehr Zutrauen haben?

Der ständige Alarmismus tut uns nicht gut. Wir haben ja diesen verflixten Mechanismus in uns, dass wir auf große Themen so emotional reagieren. Ich würde mir vor allem wünschen, dass mehr von Dingen erzählt wird, die gut laufen. Wir müssen ja nicht unkritisch werden, aber wir brauchen dringend auch die guten Nachrichten. Ich sehe das an mir, wenn ich etwas Positives lese, dann tut mir das richtig gut. Zum Beispiel die vielen Menschen, die Geflüchteten aus der Ukraine helfen, das ist doch toll. Die Menschen müssen den Eindruck haben, dass sie zumindest noch ein bisschen Einfluss auf die Dinge haben.

Was kann jeder Einzelne gegen diese Angst oder diese Gereiztheit tun?

Man sollte sich schon ein bisschen kontrollieren und selbst nicht zu wichtig nehmen. Nicht jeden Morgen gleich alle Leute vom Fahrrad aus anschnauzen oder beschimpfen, sondern mehr lächeln und freundlich sein. Das macht was und färbt auf alle ab.

Marcus Glahn
Kerzen in der Gedächniskirche am Breitscheidplatz.

Es ist zu einfach, immer einen Schuldigen zu benennen

Ist es wirklich so einfach?

Natürlich nicht allein. Das sind zwar Kleinigkeiten, die sich banal anhören, doch manchmal entscheidet sowas schon, ob ich einen guten oder einen schlechten Tag habe. Gerade jetzt, wo wir so dünnhäutig sind, müssen wir mehr aufeinander aufpassen. Wenn dann sowas passiert wie am Mittwoch, wird mir das nochmal bewusster.

Wir neigen dazu, für alles gleich einen Schuldigen oder Verantwortlichen zu suchen. Dabei ist der manchmal, vielleicht auch bei dieser schlimmen Tat, nicht so einfach zu finden. Müssen wir gelassener sein?

Ja, es ist immer scheinbar der einfachste Weg, gleich einen Schuldigen zu benennen. Denn dann hat man wieder die Kontrolle. Das sind alles Mechanismen, um die eigene Angst abzuwehren. Natürlich muss man nach solchen Taten eine realistische Analyse der Ereignisse machen. Aber es wäre toll, wenn wir nicht sofort immer nach dem Schuldigen suchen, denn den gibt es manchmal gar nicht.

Zum Trauergottesdienst am Mittwochabend nach der Tat kamen viele Berliner Politiker. Auf uns wirkte das so, dass man auch dort war, um sich in einem guten Licht zu präsentieren. Wie war Ihr Eindruck?

Ich fand, die Betroffenheit der Politikerinnen und Politiker war sehr ernst gemeint. Die Öffentlichkeit schaut dabei genau hin. Als wir nach dem Gottesdienst an der Tür standen, sagte einer irgendwas, wo wir alle ein bisschen lachen mussten. Und einer sagte dann gleich: Aber jetzt aufpassen.

Das erinnert an die Sache mit Kanzlerkandidat Armin Laschet im Ahrtal nach der Flutkatastrophe.

Ja, den Umgang mit seinem Lachen fand ich furchtbar. Ein Lachen kann doch auch im schwersten Moment entlastend sein und ist manchmal gar nicht zu vermeiden. Bei Beerdigungen wird oft gelacht. Das kann helfen. Ich kann mir gut vorstellen, dass man in so einer Situation aus Überforderung lacht und das dann gar nicht so gemeint ist. Aber der öffentliche Umgang mit solchen Dingen ist gnadenlos.